Super_Collider

Algorhythmik Deluxe

13.06.1999, 13:44, Text: Autor unbekannt

Soweit die technischen Grundlagen. Das lizensierte Programm kostet 250 $. Ein Tonträger der Band gleichen Namens weniger als ein Zehntel dessen. Das ist ein verdammt guter Deal, vor allem, da es auch mit der Software eher unwahrscheinlich ist, daß Ihr eine solche Platte erstellt, ähnlich unwahrscheinlich wie, daß Ihr, wenn Ihr eine Gitarre kauft, konsequenterweise „Electric Ladyland' einspielt. Das ist dick aufgetragen, aber gerecht. Christian Vogel ist sicherlich ein begabter Techniker, seine Fähigkeiten darauf zu reduzieren hieße, seine Musik nicht zu verstehen. Was Progression im Techno angeht, so stehen seine hochkomplex gebrochenen, volldigitalen Amalgame seit Jahren fast beängstigend weit über dem Rest.

Dazu kommt, daß es sich keinesfalls spaß- und körperferne Informatik handelt, ganz im Gegenteil: bewiesen nicht zuletzt durch diverse DJ-Sets, in denen der Mann aus Brighton noch dynamischer und konsequenter arbeitet. Das schlägt ohne billige Flächen, zuckender Elektro-Breakbeat in transparentester Schärfe, gestretched, gebogen und verdichtet. Erschienen sind seine Platten passenderweise sowohl bei den Geradeaus-Vorreitern „Tresor' wie auch im theoriebeschwörenden „Mille Plateaux'-Zirkel.
Vogel, der selbst durch Titel wie „Beginning To Understand' oder letztens „Busca Invisibles' gerne Bedeutung unterschiebt, hat Deleuze gelesen, der Abstraktion hinterher produzieren ist aber seine Sache nicht. „Als ich jünger war, habe ich das gemacht', sagt er; und wieder scheint es, als währte das Leben in der Elektronik länger. Vogel ist gerade mal 26, sein neugewonnener Partner Jamie Lidell ein Jahr jünger. Mit ihm (und dem Interface) präsentiert er jetzt ein in mehrfacher Hinsicht irritierendes Album: „Head On', das Debüt von Super_Collider, ist voll von Gesang, und es erscheint beim „Skint'-Sublabel „Loaded'.
Sich mitten ins Land der Dosenbiertrinker zu begeben stellt für die Feingeister kein besonderes Problem dar. Erstens sind spätestens beim Alkohol alle gleich, und zweitens sitzt das Label auch in Brighton, sprich nebenan, und die Kommunikation ist problemlos. Was „Skint', die den Act aufgrund der einzigen tanzbaren Single „Darn (Cold Way O’ Lovin)' eingekauft haben, mit dem harten Brocken anfangen, der da als Album zu ihnen kam, ist Vogel egal. Und es ist alles andere als Bedürfnisbefriedigung, die hier betrieben wird. Es ist ein neuer Stern innerhalb des Meta-Genres Funk, den Kodwo Eshun im „I-D' adäquat mit „einem von Salvador Dali gespielten Level 42-Bass' umschrieb. Die freigeistigsten Stücke von Cameo, Prince und Sly Stone in Squarepusher-Interpretation wäre ein anderer Zugang, verfehlt aber vor allem wegen Lidells Stimme, die Vogels Modulationen wenig nachsteht. Oft genug ist völlig unklar, ob das Geräusch eines zerfasernden Metalldrahts digitalen oder organischen Ursprungs ist. Zudem: keine Daddeleien. Es geht dabei aber nicht um bewußte Befremdung. „Ich versuche nicht, Schmerz in meine Musik zu tun. Jamie schon.'
Der Ansatz ist eher ein fordernder oder herausfordernder. Gemeinsam gehören die Helden von morgen dem Künstlerverbund „No Future' an, wo auch ihre visuelle Seite betreut wird. Gegenüber aktueller britischer Club-Kultur herrscht gepflegtes Desinteresse. Vogel hört alte Musik. Oder kubanische. Und wenn Techno, dann geht es wie in der „guten alten Zeit' um Grooves und nicht um Namen. Remixe gibt es zwar - aber eben nur Remixe. So aufregend und wichtig wie Werbewurfsendungen. Er arbeitet schließlich auch nicht mit Samples, sondern will neue Sachen machen: „Ich benutze virtuelle Modulationen. Baue Synthesizer im virtuellen Raum.' Aber nicht einmal fällt der Name des Programms, weswegen sie den Unterstrich zwischen den Worten haben. Wer auf den Bildschirm linsen möchte: live führen Super_Collider ihr gesamtes Studio mit. So wie Kraftwerk. Nur bedeutend spielerischer.



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aus Intro #66 (Juli / August 1999)
 
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