Tocotronic

daß dieser stumpfsinn heilsam ist

10.06.1999, 14:33, Text: Autor unbekannt
[4 Kommentare]

beginnt mit bart
?Stimmt es: ihr habt euch in dem Monat in Frankreich während der Aufnahmen zur Platte Vollbärte wachsen lassen?
Dirk: Das ist richtig.
?Und wie fandet ihr einander damit?
D: Also, ich war ganz klar auf der Loserseite, bei mir ergab's so das Modell räudiger Straßenköter. Jan und Arne fand ich hingegen sehr beeindruckend.
Jan: Arne hat den Bart ja auch noch länger getragen. In Frankreich - wenn ich jetzt mal auspacken darf - gefiel's mir noch gut. Aber in Hamburg, als das dann immer länger und länger wurde und [spricht Arne direkt an] du dann noch so Holzfällerhemden getragen hast, also da hab’ ich schon ein bißchen Angst vor dir gehabt.
Arne: Eben darum ging's mir auch.
Hat ja stark was von Künstlerkolonie: sich aufs Land nach Frankreich zurückziehen, Vollbärte wachsen lassen.

Wie die Beatles in ihrer Spätphase?
D: So haben wir uns auch gefühlt.
? Und was haben die Lieben dann zu Hause gesagt?
D: Bei mir sah's - wie schon erwähnt - wirklich bekackt aus, und die Reaktion war dementsprechend.
J: Ich hab’ mir zu Hause erst mal daraus so'n Charles-Bronson-Bart rasiert. Dann dachte ich: „nee, mit Bart, ich weiß nicht' - aber beim Abnehmen tat's mir eigentlich gleich wieder leid.
A: ... [schweigt].
D: Bei Arne kam's offensichtlich gut an.
A: [meckernd] Ja, super.
So freundlich sind Tocotronic. So freundlich bin nicht ich.
es stimmt doch einfach nicht
In Artikeln, die von Tocotronic handeln, konfrontiert der jeweilige Verfasser die fassungslosen Leser gern mit der Hölle, called sich selbst. Die Unart, das Lyrische Ich der Texte mit dem Texter (also Dirk von Lowtzow) 1:1 gleichzusetzen, wird noch getoppt, indem es sich der Rezensent (wie auch der Hörer) selbst auf dem Lyrischen Ich bequem macht. „Es wird von mir gesungen', freut sich manch depperter Abiturient, und der Autor, der insgeheim glaubt, zu sehr im Schatten zu stehen, eröffnet den Tocotronic-Artikel zwanglos mit seiner eigenen Befindlichkeit. Eigene Befindlichkeit zu diesem und jenem, um nicht alles zu nennen. Warum auch nicht? Schließlich handelt Tocotronic doch von ihm. Diese narzistische Attitüde in der Rezeption von Tocotronic wird mit einer Selbstverständlichkeit durchgezogen, daß einem angst und bang werden kann
. D: Sich zu identifizieren ist ja primär eine schöne Sache, aber wenn das auf so eine Vereinnahmung hinausläuft, wird das schon komisch. So Leute, die annehmen, die Connaisseure zu sein, und nach dem Konzert sagen: „Kommt doch noch mit zu mir, 'n Bier trinken.' Wobei ich da wirklich überhaupt keine Lust habe und mit den Leuten echt nicht die Bohne was zu tun habe. Obwohl die meinetwegen vielleicht ganz sympathisch wären.
J: Na, wir sind ja schließlich Rockstars.
A: Aber schon erschreckend, wenn man denkt, was gibt man denn überhaupt für ein Bild ab, wenn die alle denken, man wäre jetzt der Kumpel von ihnen?
D: Klar, daß man so Kontakt sucht, das kenne ich auch von mir selbst, daß man nach Konzerten zu Musikern hingeht wegen eines Gesprächs. Aber daß man annimmt, daß da so eine Vertrautheit da ist. Bei der letzten Tour habe ich von Leuten gehört: „Es kommt mir vor, als würde ich dich total gut kennen.' Das beängstigt einen schon - natürlich macht das insofern stolz, weil man den Leuten was sagt -, man denkt aber, es stimmt doch einfach nicht.
Und jetzt: okay, knock out. Das gilt in jedem Fall für die Dienstleistungsmaschinerie, in die die Band zu geraten drohte. Also das stete Produzieren der Identifikation. Für alle. Und damit die Gefahr, zum kleinsten gemeinsamen Nenner einer arg bürgerlich wehleidigen Mittelklassekultur kaputtrezipiert zu werden. Dieses Ausblenden des - immer dagewesenen - Anspruchs der Band zugunsten von ich, ich, ich ist nun nicht mehr drin. Richer for having lost.
D: Es ging diesmal die sehr bewußte Entscheidung voraus, bestimmte Stereotypen, die es in unseren Stücken auch schon gab, zu vermeiden und aufzubrechen. Auch die Texte, die früher doch von so einer Alltäglichkeit gesprochen haben, in denen kommt diesmal eine Art Fantasy-Aspekt zum Ausdruck. Fantasy ist vielleicht etwas viel, aber es geht schon ins Geheimnisvolle, Rätselhafte, Verästelte. Grundsätzlich kann man sagen, es war der Anreiz da, von Bildern auszugehen anstatt von Statements
phantasialand
Laßt Bilder sprechen. „K.O.O.K.' eröffnet neue Welten - im allerdings unverwechselbaren Tocotronic-Style. Mehr Platz durch mehr codiert. Mehr unklar inklusive?
In durchweg langsamer, fast schleichender Bewegung führt Dirk von Lowtzow auf den 17 Stücken durch „das dunkle Königreich', „ein weites Blau des Himmels' und beschwört letztendlich noch „das Wissen von einem Ende der Nacht.' Michael Ende revisited oder eine neue Strategie, den Haß-Schlumpf adäquat in Szene zu setzen?
Kann man ein Bild wie das dunkle Königreich besetzen mit Phänomenen wie Neoliberalismus, den ja Blumfeld immer explizieren, oder Kontrollkapitalismus, was in eurem Info anklingt? D: Das halte ich auf jeden Fall für zulässig, weil das ja auch eine extrem aktuelle Deutungsmöglichkeit ist. Und vollkommen gerechtfertigt. Ohne Jochen [Distelmeyer] da irgendwie widerlegen zu wollen, sehe ich das aber nicht als unsere Aufgabe an, direkt auf solche Erscheinungsformen hinzulenken. Natürlich ist es geschrieben mit solchen Sachen im Hinterkopf. Aber wenn jemand sagt, das erinnert mich primär erst mal an „Star Wars', finde ich das auch völlig in Ordnung.
phantasialand in rock
Stellt die Krise des Songs, die partielle Unmöglichkeit einer Rockband, ein bißchen das heimliche Topic der Platte dar? Denn eine Auseinandersetzung dazu scheint in diversen Songs vielschichtigen Widerhall zu erfahren.
J: Mit der Betonung auf heimlich bestimmt. Bei mir hat sich auch zum ersten Mal so etwas eingestellt, daß ich Gitarren und songorientierte Musik weniger interessant fand. Als andere Sachen. Oder auch frustrierend, sogar.
Verästeln hatte einer der drei Freunde doch bereits gedroppt. „K.O.O.K.' hat sich Fühler gebaut, wissentlich und liebevoll. Damit mehr berührt werden kann als nur der ewig eigene Corpus. So streichelt die Platte postrockige Ausläufer genau wie Elektroquengeleien. In letzter Konsequenz bleibt das Tasten aber zu kurz, um mehr als nur den Sound zu ändern. So soll es wohl sein. Die Fühler als Prothese. Die Platte als Prothesengott. In aller Unaufgeregtheit und Größe. Tocotronic ist es damit gelungen, mehr als nur die Band zur nächsten VÖ zu retten. Sondern sich nicht der eigenen Stärke durch Reproduktion zu berauben (zugunsten eines arschsoliden Sessels in der Semi-Pop-Ikonen-Halle).
Sie wissen und singen: „es gibt kein Leben ohne Schande', und dennoch fallen sie nicht rein darauf, daß deshalb nun alles okay geht. Fallstricke der Beliebigkeit, „es ist mir egal ohne aber', bleiben verworfen. Tocotronic klagen ein, daß ein Oben und Unten weiter besteht. Selbst wenn es nur noch mit romantisierender Bildlichkeit begreifbar gemacht werden kann. Aufklärung vs. Postmoderne. Der Aussichtslosigkeit, dabei was zu gewinnen, hält man entgegen, trotzdem nicht mit den Wölfen zu heulen. „Wir sind raus und wir sind stolz darauf.' Mit den Enten heulen hat ja auch viel mehr Charme: eine freundliche Ästhetik des Widerstandes, die auf Privatheit, soziale Interaktion und Denken verweist.
bart ist ab
Los Tocos haben mittlerweile turmhoch bestückte Salatteller in allen Regenbogenfarben erhalten (Schwerpunkt schon: grün). Und nagen beinah etwas ehrfurchtsvoll in dieser Pracht herum. Mit zielsicherer Holprigkeit wird dann das rausgesucht, was man gern hat. Die blöden Sachen und was sonst noch nichts taugt bleiben auf dem Teller zurück. Return to sender, später. Es muß sich schließlich nicht auf alles eingelassen werden, nur weil's halt da ist.



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aus Intro #66 (Juli / August 1999)
 
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  • Viktor Shakira 30.03.2001 | 13:44:26

    lieber Linus.Respekt für deinen Artikel.sicherlich schreibst du,weil es dir spaß macht,weil du auch für dich selbst schreibst.
    Aber glaubst du nicht,dass viele leser(so auch ich)teilweise nicht wissen,was du da jetzt gerade meinst? Ich fände, weniger Protzen mit klugen wörtern würde mehr bewirken,findest du nicht?Vielleicht mal "schwierig " anstelle von !"Diffizil" und weniger doppelte verneinungen...
    Schliesslich schreibst du nicht für die intellektuelle Elite Deutschlands.oder??
    Danke fürs lesen,Viktor.

  • yasemin 01.04.2001 | 00:02:47

    deine argumentation schockt.
    ich gehöre (zum glück) nicht zu irgendeiner elite, verstehe linus` texte aber problemlos. ohne doppeleien oder sonstwelcher (ironischen) stilmittel kann doch niemand popjournalist sein! oder erwartest du einen bio-sekundarstufeII-stil?
    :)

  • User: Gisbert
  • Gisbert 03.04.2001 | 14:09:25

    liebe leute!
    das heisst nokular...

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