Bows

Schmetterlingsflügel

09.06.1999, 10:44, Text: Autor unbekannt

Große Gefühle, Sehnsucht, Eitelkeit und Schmerz, auf dem neuen Album dreht sich alles um sie. Auf dem Cover eine dunkle Frauengestalt, eine geheimnisvolle Madonna mit leicht durchscheinenden Schmetterlingsflügeln. Luke Sutherlands Interesse an Fabelwesen und klassischen Motiven ist ungebrochen. Im Gegensatz zu den Namenspatronen der drei LFK-Alben „Houdini', „Valentino' und „Amelia' bleibt die geheimnisvolle Schöne diesmal zwar anonym, hat aber etwas von einer Heiligen, einer postmodernen Ikone: „Viele Werbefotografen übertragen bewußt Motive und Formen der Renaissance-Malerei in ihre Bilder, weil das bei den Leute Assoziationen weckt. Während die klassische Malerei aber den menschlichen Körper feierte, geht es dabei heute um das Diktat von Schönheit', erklärt ein bemerkenswert mitteilsamer Luke Sutherland am Tag nach dem ersten Bows-Live-Gig in Brighton.

„Das ganze Album dreht sich um die verschiedenen Ideen von Schönheit und Verletzlichkeit. ‘King Deluxe’ z. B. handelt davon, wie sich Leute in Stars verlieben, in völlig realitätsferne Idealbilder. Das sind die wahren Heiligen der heutigen Zeit.'
Musikalisch wirkt das Gesamtbild trotz all der großen Gesten, elegischen, weit ausladenden Soundteppiche, sinfonischen Opulenz und bombastischen Beats angenehm ausbalanciert. Luftig, flirrend und verträumt. Und doch auch voller Melancholie, die an alte „4AD'-Klassiker denken läßt. „Ich mag Dead Can Dance, This Mortal Coil oder Joy Division. Das Märchenhafte, Träumerische kommt vielleicht auch daher, daß ich bereits als kleiner Junge viel gelesen habe. Viel Klassiker, griechische Mythologie, Geschichtsbücher. Während ich in der Schule immer nur hin und her gestoßen wurde, war das eine bessere Welt, von der aus man die Wirklichkeit aus einer überlegenen Perspektive sehen konnte.'
Kleine Fluchten aus der Wirklichkeit, wie sie auch Roddy, der Erzähler seines Debütromans „Jelly Roll', aus dem von Gewalt und Rassismus überschatteten Alltag einer schottischen Jazzband unternimmt. Deren erste große Tour durch die Highlands wird zu einer Katastrophe, aber nicht nur, weil der neue Saxophonist Liam ausgerechnet ein Schwarzer ist. Das für den renommierten „Whitbread'-Literaturpreis nominierte Buch wird jetzt sogar verfilmt, und ein zweiter Roman ist bereits in Vorbereitung.
Während Sutherland als Schriftsteller allein arbeitet, ist seine neue Band ein kollaboratives Projekt: „’Bows’ ist schottischer Slang und bedeutet soviel wie eine liebevolle und freundschaftliche Umarmung. Ich will Freunde zusammenbringen, etwas Gemeinsames erschaffen.' Die Freunde, das sind vor allem die Sängerinnen Signe Høirup Wille-Jørgensen (Speaker Bite Me) und seine langjährige Weggefährtin Ruth Emond, aber auch Bassist Duncan Brown (Ex-Stereolab), Debbie Smith (Ex-Echobelly) und Howard Monk von Billy Mahonie unterstützen Bows live. Gastauftritte auf dem neuen Mogwai-Album sowie die Ankündigung einer Spoke-Word-CD unter Mitwirkung von Mogwai, den X-Ecutioners und Boards Of Canada lassen auch für die Zukunft keinen Zweifel aufkommen: Luke Sutherlands Arme sind größer, als man glaubt.



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aus Intro #66 (Juli / August 1999)
 
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