Vier Katastrophen, one hot minute
02.05.1999, 21:48, Text: Autor unbekannt
In der Haut einer Chilischote möchte man nur ungern stecken.
Und zwar aus folgendem Grund: jahrelang wurden mittelmäßig Platten such as 'Freaky Styley' oder noch mittelmäßiger: 'The Uplift Mofo Party Plan' and stuff eingespielt - mit angemessen mittelschwerem Erfolg. Dann der wirklich große Wurf: 'Blood Sugar Sex Magic' gehört als eine der zehn Platten auf die berühmte einsame Insel bezettwe, falls nicht zur Hand, in jede Heimdiskothek. Danach kann nichts mehr kommen. Die große Tragik von 'One Hot Minute' und nun eben auch 'Californication'. Beides sind ausgezeichnete Platten, erstere mehr, zweitere etwas weniger. Mit ein paar Jahren Abstand betrachtet, unterscheidet sich der Mega-Seller von '91 allerdings in der Sache nicht so sehr von den beiden Nachfolgern: Anthony sings and Flea swings / these are just a few of my favourite things. Die Frage muß also nicht lauten: was geht den nachfolgenden Werken ab? Sondern: was macht 'Blood Sugar Sex' so magic?
'Mother's Milk' hatte es '89 einmal mehr nicht so recht gebracht: groovemäßig wenig auf den Punkt, soundtechnisch verwaschen und songwriterisch unerfreulich diffus. Niemand hätte ernsthaft Großartiges von den Chili Peppers erwartet. Und doch. Rick Rubin gab den Drums einen schneidenden Sound und holte Fleas Baß im Mix nach vorne. Die unbestrittene Professionalität der Rhythmusgruppe ließ Frusciantes Gitarrengestümper und gesangliche Schwächen Kiedis insbesondere bei balladesken Schmonzetten sympathisch und urwüchsig erscheinen. Die Chili Peppers waren die neuen Stars der Muckerschweine. In den Tanzschuppen dieser Welt lief 'Give It Away Now' stets im Umfeld von 'Jesus Build My Hotrod', 'Enter Sandman' und 'Paradise City'. Bei dem lecker aus der Hüfte geschossenen Funk konnten nun auch endlich mal die Mädels auf die Tanzfläche. Rock oder gar die Chimäre Sleaze-Rock waren eigentlich das Gebot der Stunde. Da machten die Chili Peppers als eine Art kompatible Gegenbewegung einen durchaus schlanken Fuß. Den Widerspruch aus 'Gegenbewegung' und 'Chartsthema' hielten Musikfreunde jeglicher Couleur auch deshalb besonders gut aus, ja verlangten ihn geradezu, weil man endlich mal wieder tanzen wollte, nachdem die Indie-Bewußtseinsklamotte der 80er ihren verdienten Tod gefunden hatte. Die Chili Peppers hatten ja auch mal klein angefangen, und da wollte man mal nicht so sein. Außerdem waren die vier eine lustige Horde Vollspinner, die den ganzen Tag über Muschis, Mösen und nicht zuletzt Fotzen sprachen. Daß Drummer Chad Smith die ländliche Wohngemeinschaft, innerhalb derer das Album aufgenommen wurde, in einem Anflug von Panik verlassen hatte, weil es in seinem Zimmer angeblich spuke, glaubte man gern und aufs Wort. Nichts als Flausen im Kopf.
Die Euphorie hielt nicht lange. Chad Smith sagt heute: 'Von wegen Spuk! Ich bin ausgezogen, weil ich gerade anfing, meine Frau zu daten, und auch viel lieber mit meinem Motorrad durch die Gegend breaken wollte.' Aus, vorbei: die Chili Peppers hatte man zu Superstars gemacht. Da stellt man andere Anforderungen, will was sehen für sein Geld, wo bleibt die Dividende? Feste partnerschaftliche Bindungen! Motorrad! Haus gekauft, Dope geleast! Dekadenz! Spießigkeit! All das! Und wenn dann noch der Gitarrist geht und Personal eingestellt wird, dann ist den Jungs das alles wohl ein wenig zu Kopf gestiegen. Erst mal neue musikalische Präferenzen ausbilden und dann mal sehen. Mal sehen: John Frusciante ist zurück, ein Hoffnungsschimmer. 'Nach 'One Hot Minute' haben wir eine Weile getourt und anschließend versucht, mit Dave Navarro an einem neuen Album zu arbeiten', erzählt Chad. Natürlich hat man nichts persönlich gegen ihn, 'aber Spaß gemacht hat das nun wirklich nicht mehr. Wir hatten den Eindruck, wir würden das nur noch tun, weil wir es ja irgendwie tun müssen.' Dem Vernehmen nach hätte Navarro (Chad: 'Great person, great guitar player') gern eine fertige Pre-Produktion vorgesetzt bekommen und nur noch auf ein paar Spuren seinen Senf dazugegeben. Eine Arbeitsweise, die bei den Peppers nicht funktioniert: 'Wir kamen nicht in die Wertung, und jeder von uns verzettelte sich aus Verzweiflung in diversen Nebenprojekten.' Bis Flea den Vorschlag machte, John zum Jammen in seine Garage einzuladen: 'Ich hielt das für komplett verrückt', gibt Chad zu. 'Die Trennung von John ist damals sehr unglücklich gelaufen, da waren eine Menge persönliche Sachen im argen. Auch jetzt sah es nicht gerade so aus, als wäre das der ideale Zeitpunkt, zusammen Musik zu machen - aber es funktionierte. Wir schrieben einen Song nach dem nächsten und nahmen die Platte in drei Wochen auf.'
Sei's ihnen gegönnt. So erfreulich eingeschworene Jungszirkel auch für die jeweils Eingeschworenen sein mögen: sich gegenseitig befruchten und Inzest liegen nah beieinander. Innovationsdruck haben die neuen alten Chili Peppers jedenfalls nicht verspürt, Chad redet unaufhörlich davon, daß man ohnehin nur das mache, was man halt für richtig halte. Gern sei's ihm geglaubt, nur muß das, was für vier Jungens seine unbestreitbare Richtigkeit haben mag, nicht für Millionen Plattenkäufer ebenfalls so zwingend sein. Daß die Chili Peppers in ihrem Tun und Lassen auf ihr Beziehungsgeflecht untereinander als zentrale Entscheidungsinstanz und gleichzeitig einziges Korrektiv angewiesen sind, ist die erste Katastrophe. Daß sie als ehemals entscheidende Band nicht in der Position sind, sich solcherlei erlauben zu können, die zweite, wirklich verheerende. Eine dritte gesellt sich hinzu: das Überführen von privaten Befindlichkeiten in Songthematiken wird im Falle von 'Californication' zwangsläufig als unerträgliche Superstar-Weinerlichkeit ausgelegt werden. Kiedis besingt zwar noch immer angelegentlich seinen Johnson. Chad: 'Diese Themen bewegen jeden.' Richtig, andere jedoch nicht. Der namentlich im Titelsong hinzugezogene Themenkreis ist einleitend bereits hinlänglich ausgelacht worden. Wäre indes verzeihlich, käme die musikalische Gestalt nur ordentlich leichtfüßig daher. Tut sie aber nicht. Ausgerechnet die erste Single-Auskopplung, 'Star Tissue', wirkt als Alarmsignal. Der Song schaukelt besinnlich vor sich hin, läßt eine griffige Hookline vermissen, hat keinen Chorus, der diesen Namen verdient, sondern an seiner Statt einen kümmerlichen Backing-Chor, den jeder Boygroup-Produzent (Chad: 'Boygroups! Hören wir ausschließlich.' - Seid ihr nicht selbst eine? - 'Hm, jetzt, wo du es sagst ... Wir sind alle boys.') ersatzlos streichen würde. Solcher halbherzigen Schnulzigkeiten hat es einige auf 'Californication'. Die stärkeren Tracks gemahnen in ihrer Power und ihrem Drive an die alten Zeiten und deren Unbeschwertheit. 'Parallel Universe', 'Easily' und meinetwegen 'Get On Top' - obwohl das funky Tanzbein auch schon mal besser durchblutet wurde - gehen als prima Stücke im Sinne von 'Blood Sugar Sex Magic' durch. Die vierte Katastrophe: den ersten Kuß kann man nicht wiederholen.
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