Blur
Oh dear diary, oh am I unwell
01.02.1999, 11:55, Text: Autor unbekannt
Ein Uhr mitags, an einem Schaufenster vorbeigegangen und wieder mein Spiegelbild gesehen. 'Das ist Alex von Blur', dachte ich bei mir. Konfus schaute ich mich um, bis mir wieder einfiel, daß ich Alex von Blur bin. Spürte einen Anflug von Stolz, obwohl ich nur der Bassist bin.
Zwei Uhr mittags. Jemand bat mich um ein Autogramm und erinnerte mich damit wieder daran, daß ich Alex von Blur bin. Camden - wo Stars hinter jeder Ecke warten.
Drei Uhr nachmittags. Ich biege um eine Ecke, aber niemand ist da, mich zu sehen. Ich verstecke mich hinter der Ecke, bis ich jemanden in einem Menswear-T-Shirt kommen sehe.
| 'Ahhh!' sagt er. 'Du bist Alex von Blur.' 'Jawohl', sage ich. 'Ich bin Alex von Blur.' Alex James |
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| Damon kommt von seinem geheimen Treffen mit der Regierung, und wir vertagen uns in seinen exklusiven Club. Wenn er ins Pub geht, gerät der arme Kerl sofort an irgendwelche Arschlöcher, die wissen wollen, wann das nächste Album rauskommt oder ob er wirklich eine Niete im Bett ist. Alex James |
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Damon Albarn zu Alex James: 'Meine Schuhe sind teurer als deine.'
Alex James zu Damon Albarn: 'Deine Band ist scheiße.'
Wir mögen Blur. Wir Menschen mit Intellekt, Geschmack, Stilsicherheit, Humor und diesem unfehlbaren Gespür für Herzensangelegenheiten mit Zukunft. Schon allein, weil sie uns immer wieder zeigen, daß Überheblichkeit nicht zwangsläufig unbeliebt macht, zumindest nicht auf lange Sicht. Man kann alles besser wissen, es musikalisch - fast immer - sogar besser machen und trotzdem sexy sein. Vier 'Brit Awards' in der Tasche zu haben und Dinge zu sagen wie 'Englands aktueller musikalischer Output ist ignorant, hirnrissig repetitiv und unexperimentell, seine Kultur eine neurotische, snobistische, gleichgeschaltete und zutiefst konservative Pop-Maschinerie' ist nicht zwangsläufig cool, jedenfalls dann nicht, wenn man mit Nachnamen Gallagher heißt - aus dem Munde eines Damon Albarn aber macht das an. Das könnte sonst nur Jarvis Cocker. Der hat ja auch Michael Jackson geohrfeigt. Was - neben der Schmach, sich von einem Premier-Mitschnacker aufs Kreuz legen zu lassen - zu den wenigen Dingen gehört, die Albarn bis heute bereut: langsamer als Cocker gewesen zu sein. So was verdaut man nur, wenn man zugibt, was man ja auch ehrlich meint, nämlich, daß der Cocker ebenfalls zu den Guten unter den Großen gehört.
Albarn allerdings muß sich im Gegensatz zum Pulp-Vortänzer die Größe mit zumindest zwei weiteren Bandmitgliedern teilen. Im Falle Blur greift das Boygroup-Prinzip wie sonst nirgendwo in Alternative-England: Oasis sind zweimal derselbe und ein anderer respektive Bonehead; Suede waren mal zwei und sind jetzt - wie Pulp - nur eine Type und vier andere; Blur allerdings sind immerhin drei Typen und ein Dave. Der schreibt momentan gemeinsam mit Alex die Musik für einen Cartoon über 'Beagle 2', die 'ESA'-Mission zum Mars. Im allerhöchsten Auftrag, die beiden weilten kürzlich zur Besprechung der Angelegenheit im Parlament. Sieht so aus, als könnte auch er noch in die erste Reihe aufrücken. Oder hätte vor fünf Jahren allen Ernstes jemand zu behaupten gewagt, daß die Öffentlichkeit eines Tages den musikalischen Reifeprozeß der Band federführend Graham Coxon in die Schuhe schieben würde? Was geradezu zwangsläufig erscheint, zieht man die unvermeidlichen Parallelen zwischen Coxons von Drake, Cohen und vor allem Malkmus und Mascis beeinflußtem Solo-Album und dem Ende März erscheinenden Blur-Werk '13', auf das die Umschreibung seines Alleingangs, 'die Musik reicht von wütend und unreif bis zu depressiv und bäuerlich', ergänzt um die blursche Hader-Pop-Komponente, genauso zutreffen würde. Wie die meisten Zwangsläufigkeiten natürlich ein Holzweg, das.
Das öffentlich zu machen, haben die vier in die schützende Anonymität eines angemieteten Londoner Vorstadthauses geladen. Während sich Damon in einer Art Lounge im Erdgeschoß mit Kollegen über das jüngst erschienene Peter-Thomas-Remix-Album freut, sitzt Alex James in einem Zimmer im ersten Stock mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor dem Kaminfeuer und gibt die ersten Interviews des Tages.
| Schön hier. | ||
Dürfte auch den Vorteil haben, daß an so einem Ort niemand ernsthaft Popstars at work vermutet. Die Zeiten, als du für die Fans 'nur der knuddelige Basser' der Band warst, sind ja wohl vorbei. Graham und du, ihr habt letztes Jahr deutlich öfter im Fokus der Presse gestanden als Damon.
Damon hat seine Solo-Aktivitäten nicht ganz so öffentlich ausgelebt. Er arbeitet wieder mit Michael Nyman zusammen, diesmal für einen Film namens 'Ravenous'. Wenn man die hiesige Berichterstattung die einzelnen Bandmitglieder und deren Solo-Projekte betreffend verfolgt, bekommt man den Eindruck, man habe es bei Blur mit einem Phänomen à la Kiss zu tun. Diese fast schon schablonenhaften Charaktere, da ist für jeden Fan einer dabei: Damon, der attraktive Salon-Revoluzzer, Graham, das stille, aber tiefe Wasser im Nerd-Kostüm, und du ...
... das versoffene, aber irgendwie niedliche Proll-Genie. ... mit einer Vorliebe für Kartoffelpüree und die BeeGees. Sehen dich die Fans nicht eher als 'international Playboy'?
Das ist Quatsch, ich kann's nur immer wieder sagen: ich bin wirklich alles andere als ein Bums-Athlet.
| Und wer ist David? | ||
James gerierte, ausgelöst durch eine Novelle Dennis Coppers, zur Unperson, weil der Autor einen Protagonisten, der in der Folge eines homosexuellen Tête-à-têtes auf Drogen vergewaltigt wird, folgendermaßen charakterisiert hatte: 'Alex, 28, ist ein unsicherer, aber körperbewußter, artsy Quasi-Alkoholiker mit sanftem, geistreichem Auftreten, passablen musikalischen Talenten und einem immensen IQ, den er nur gelegentlich strapaziert [...]. Er wirkt empfindsam, zumindest oberflächlich betrachtet. Was an seinem model-esquen Äußeren liegen mag. [...] Wie auch immer, er bringt nur ein recht kleines Segment des Rockmusik-Publikums dazu, sich in die Hose zu machen, sexuell gesehen.' James verdrückte sich aus dem Blickwinkel der Kameras.
| Blieb Coxon. | ||
| Alex James wurde erst zur Fußball-WM - Blur wollten mit den Aufnahmen zum neuen Album bis zum Endspiel warten - wieder rehabilitiert. | ||
| Fat Less ist keine wirkliche Band, ob und wie das weitergeht ist völlig offen. | ||
Ja sicher. Ich habe Fat Less inzwischen ohnehin gedroppt. Ich möchte nicht den Fehler wiederholen, den Plattenfirmen sonst so gerne machen: die guten, kommerziell erfolgreichen Bands für andere, nicht so gute zahlen zu lassen. Fat Less war also ein Flop?
Kommerziell gesehen schon. Aber Erfolg war nie Intention.
Das heißt, du willst das Label unabhängig von dem Projekt weiterbetreiben. Allzuviel Zeit dürftest du dafür in der nächsten Zeit nicht haben. Du hast ja immer zu denen in der Band gehört, denen das Live-Spielen am Herzen lag. Wie sieht es denn mit Tour-Aktivitäten zum neuen Album aus?
Touren ist traumhaft. Du mußt für nichts bezahlen, du siehst jeden Tag einen anderen Ort, überall bekommst du Bier und Drogen für lau, die Mädchen kreischen, wenn sie dich sehen, und du fühlst ..., nun, du fühlst dich .... scheiße, zumindest die meiste Zeit. Im Ernst, wir werden keine wirklich große Tour spielen, aber eine Reihe von Einzelgigs - zwei, drei in den wichtigsten Ländern - und natürlich verschiedene Festivaltermine. Die Band spielt so tight wie nie. Wir wollen auftreten.
| Du hast vor einiger Zeit einmal gesagt, für weniger als fünf Millionen würdet ihr gar nicht mehr aufstehen. | ||
In demselben Artikel wurde beschrieben, wie Damon dir während des Interviews ohne Vorwarnung die Sonnenbrille von der Nase fischte, sie kräftig zwischen beiden Händen knetete und dir das zerbrochene, glaslose Wrack wieder aufsetzte. Einziger Kommentar deinerseits: 'He's a bloody cunt.' [lacht] Well, that's what he is.
Mal im Ernst: das ist doch wohl eher das, was ihr über Blair sagen könntet. Ist das nicht eine verdammt erniedrigende Erfahrung, festzustellen, daß man als Künstler mit einem solchen Status noch so instrumentalisiert werden kann?
Das betrifft natürlich in erster Linie Damon, aber du hast schon recht: Blair ist ein verfickter Wichser. Was soll man auch anderes erwarten, er ist halt Politiker.
Der eine oder andere Song des von William Orbit produzierten neuen Albums scheint sich auf solche Erfahrungen zu beziehen, z. B. 'Trimm Trabb': 'All us losers on the piss again / I just dose away, that's just the way it is ... I sleep alone.' 'Tender' dagegen, der siebenminütige Eröffnungstrack, beschwört den Heilungsprozeß: 'Tender is the touch, of someone that you love too much ... Tender is my heart, for screwing up my life, Lord I need to find someone who can heal my mind ... Come on, get through it ... Love's the greatest thing.' Ein Edit dieses 'hand-clappin'-tambourine-gospel-blues' (James) mit Beteiligung des 40köpfigen North-London-Gospel-Chors wurde gerade als erste Single ausgekoppelt. Blur haben sich ihre Liebe offensichtlich nicht für die Plattenfirma aufgespart, der machen sie es einmal mehr alles andere als leicht: 'Tender', dieser Bastard aus 'White Horses' und 'Give Peace A Chance', bleibt auch nach wiederholtem intensiven Hören der einzige radiotaugliche Song. Danach beginnt eine schillernde und scheppernde Achterbahnfahrt durchs runderneuerte oder besser noch rundzerdepperte Blur-Universum: ein auf sechs Beinen Amok laufendes, chitingepanzertes 'Suffragette City' namens 'Bugman'; 'Coffee & TV', ein von Coxton verfaßter und gesungener akustischer Gummitwist; mooggeschwängerte Zeitlupen-Wachträume ('1992'); Vocoder-Pseudokrupp-Punk mit Harmonika-Einlagen ('B.L.U.R.E.M.I'); ein Amplituden-verzerrter Heimatfilm-Soundtrack ('Battle'); die Vertonung eines Syd-Barret-Hangovers ('Mellow Song'); zu klirrenden Keyboards geronnene Selbstironie mit E.-Smith-Biß ('Trailer Park': 'I'm a country boy, I got no soul, I lost my girl to the Rolling Stones'); Radiohead als psychedelische Rückwärtsbotschaft ('Caramel'); Platzangst-einflößendes Postgrunge-Gezeter ('Trimm Trabb'); mit der so simplen wie ergreifenden Country-Ballade 'No Distance Left To Run' das wohl expliziteste Liebeslied, das Albarn je gesungen hat ('It's over. There's no need to tell me / Hope you're with someone who makes you feel safe in your sleep ... When you see me, please turn your back and walk away / I don't want to see you ...'), und schlußendlich ein instrumentales Schneematsch-Aloha from Hell ('Optigan 1').
| Popmusik ist Wichserei. Fürcherlich. Das ist jetzt vorbei. Ich bin endlich zu dem Schluß gekommen, daß ich Musiker bin. Ich mag die Idee, Musik ernst zu nehmen. Jetzt, wo ich kein Sozialleben und keine Freunde mehr habe, fühlt sich das einfach besser an. Graham Coxon |
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