Blondie

Keine Zeit

28.01.1999, 13:19, Text: Autor unbekannt

Ja ja, Chris und Debbie, das alternative Traumpaar, auf das auch kleene Punker, TV-lose ZDLer und ein Soziologie-Student sich gern einließen (ja, auch die - bzw. wir, je nachdem, wie man sich dazu stellen können möchte - brauchen so was): die kühle Blonde, schön und unerreichbar, und ihr B-Film-Latin-Lover von Beschützer, die zusammen in 'ner Band spielten. Cool. Echt cool. Und dann waren die auch noch verheiratet; das war ja noch das Allerschärfste!
Als Debbie Mitte der 70er den Gitarristen und Songschreiber Chris Stein kennenlernte, mit dem sie neben der Liebe zur amerikanischen Popmusik der 60er bald auch Tisch und Bett teilte, war sie bereits Anfang Dreißig und hatte schon ein paar Jahre eines möglichen modernen US-Frauenlebens hinter sich - Kellnerin, Groupie, \"Playboy\"-Bunny -, und sie machte keinen Hehl daraus.

Schien sie auf dem Cover des selbstbetitelten '77er-Debüts noch kühl und makellos die Band wie eine Mischung aus \"West Side Story\"-Gang und Raumschiff-Besatzung anzuführen, beschwor sie schon auf der Rückseite des Nachfolgers \"Plastic Letters\" mit geschwollenen Lidern und geröteter Nase das Klischee einer stark überarbeiteten, verkoksten Hure herauf. Und kam damit durch. \"Plastic Letters\" war eine Provokation, eine Zumutung für viele, die das erste Album wegen seiner Unbeschwertheit liebten. Während noch auf letztgenanntem zu klassischen Popsong-Strukturen voller Schmelz, explizitem Charme und hymnischem Esprit bei Blue Jeans und Sciene-fiction auf Rücksitzen geliebt wurde, war \"Plastic Letters\" eine emotionale Achterbahnfahrt - beunruhigend, betörend abseitig, voller Doppeldeutigkeiten und von nachgerade erschreckend unmittelbarer Bekenntnisfreudigkeit: \"I don't wanna stay with you / I just wanna play with you\" heißt es im Refrain von \"No Imagination\", und erste selbstkritische Töne schienen sich unterzumischen: \"I sold my one vision for a piece of the cake\" (\"Fan Mail\"). Zu welch eindrucksvollen Ergebnissen diese für Blondie charakteristische Bereitschaft zum manchmal radikalen, vor allem aber kommentarlosen Richtungswechsel führen konnte, zeigte sich schon ein Jahr später, als sie mit dem dritten Album ihren internationalen Durchbruch mit ruhiger Hand in Szene zu setzen schienen.
\"Parallel Lines\" war schamlos auf Erfolg geschnitten. Die Band hatte den Producer/Songwriter Mike Chapman angeheuert, dem die 70er einige ihrer fragwürdigsten Klassiker vom Schlage \"Wig Wam Bam\" (The Sweet) verdanken. Einige von uns erschraken sehr, doch dank Blondies Format funktionierte es auch musikalisch, und Chapman konzentrierte sich aufs Produzieren. Und das konnte er. Debbie: \"He's the Hitmeister!\" Abgesehen davon, daß das Album mehrere Hitsingles abwarf, darunter das veritable \"Heart Of Glass\" (quasi die Geburt des totalen Crossover-Pop), war noch weit Erheblicheres geschehen: Ein neues Female Role Model war geboren, das so gar nichts mehr zu tun hatte mit dem traditionell männlich geprägten Rollenverständnis der Frau in einer zahlenden Öffentlichkeit. Debbie war eine neue, selbstbewußte Version von Kindfrau, die auf den bürgerlichen Feminismus pfiff und tat, wovon die Monroe nur hatte träumen können, die Madonnas Self-Made-Woman-Attitüde ebenso ermöglichte wie Girlism und neuen Frauen wie Shirley Manson, Courtney Love oder Liz Phair den Weg bereitete. Für die sexuellen Phantasien (post-) pubertierender Jungs, die auf trällernde Ananas-Frisuren in Leder-Minis anzusprechen gewohnt waren, war Debbies selbstverständliche offensive Weiblichkeit eine echte Herausforderung. Als Blondie sich '82 mit \"The Hunter\" sachlich-elegant verabschiedeten, waren einige von ihnen die jungen Männer geworden, die weinten. \"Wir mußten aufhören.\" Keyboarder Jimmy Destri, ein angenehm redender Mann, in mittlerer Gewichtsklasse und den besten Jahren, erläutert den Split. \"Die Kräfte, die an uns herumzerrten, machten uns irre. Klar, wir hätten bis '85, '86 weitermachen können, mit immer schlechteren Platten, und wären weniger und weniger geworden - und hätten dem eigenen Vermächtnis geschadet!\" Jimmy machte in Familie, Clem wurde Studiomusiker, Chris erkrankte lebensgefährlich und erholte sich mit Hilfe Debbies, die Filme machte (u. a. \"Heavy\", Debüt des \"Copland\"-Regisseurs James Mangold), Solo-Alben, von denen außer dem noch zu Blondie-Zeiten von Nile Rodgers produzierten \"KooKoo\" und dem '85er-Hit \"French Kissin' In The USA\" nichts erwähnenswert ist, und über einen Zeitraum von vier Jahren auf höchst bemerkenswerte Weise mit den New Yorker Jazz Passengers zusammenarbeitete.
Und jetzt wieder Popstar - wie fühlt sich das denn an?
DH: Ganz natürlich. Sehr befreiend. Die Jazz Passengers waren eine großartige Erfahrung, aber ich war nur Gast! Das hier ist mein Ding. Und letztlich - ein Song ist ein Song. Ich singe. Das ist, was ich tue.
JD: Also - ich hab' die Jazz Passengers oft live gesehen. Toll. Und sie [deutet lässig mit dem Daumen auf Debbie] hat sie beeinflußt! DH: [erfreut und lächelnd] Äh - ehrlich?!?
[kurzes Innehalten, allgemeines Lächeln]

Debbie ist immer noch diese etwas ungreifbare Präsenz aus einer nur ähnlichen Realität, wo Ursache und Wirkung sich etwas anders zu entfalten scheinen. Die Zeit beispielsweise. Mrs Harry ist 56. Das kann sehen, wer will - an Augen, Hände usw. Problemzonen. Sie wissen schon ... Was einem aber in der Regel nicht einfallen wird: makellos ihre Ausstrahlung, spricht und schaut sie ruhig und hat so gar nichts vom Klischee der Diva, der Pop-Ikone, die sie ist. Schön.
Sich reformieren und auf Tour gehen, das macht ja heutzutage jeder, der alt genug ist. Ein neues Album - DH: Das war, was wir ursprünglich wollten: eine wirklich gute Platte machen, jetzt, ein korrektes Statement abgeben. Von einer Tour war eigentlich gar nicht die Rede.
JD: Es fing damit an, daß wir zwei neue Songs für schon wieder eine Blondie-Compilation aufnahmen. Das Projekt fiel zwar ins Wasser, aber wir hatten wieder Spaß am Schreiben und machten weiter. Dann spielten wir auf zwei Festivals in Amerika, und es lief - okay ... [grinst] So langsam wurden wir wieder diese wackelige kleine Band [disfunctional little band]. DH: [nickt] Einfach nur wie eine Oldies-Band da rausgehen - das hätte keiner von uns getan!

Na ja, okay, Hand aufs Herz und all das. Sie wissen schon. Hat Spaß gemacht, ehrlich wahr! Und über wie viele verdammte Hits (was nicht notwendigerweise Singles) diese Band tatsächlich verfügen kann, wird interessanterweise vor allem dann klar, wenn man sich bewußt macht, was sie sich alles nicht zu spielen leisten konnten: \"Pretty Baby\", \"Denis\", \"Do The Dark\", \"In The Sun\", \"Island Of Lost Souls\". Und mehr. Was mehr als viel wettmacht. Z. B., daß Jim und Deb sich leisten, \"No Exit\", die neue Platte, einvernehmlich - man glaubt es kaum - mit ihrem epochalen '80er-Werk \"Autoamerican\" zu vergleichen (nichts weniger als ein vierdimensionales, schillerndes \"Portrait in Pop\" Nordamerikas via seiner Populärmusiken nach '40 mit Verweisen auf die unterschiedlichen Herkünfte ihrer Bestandteile), die doch genau das zu sein scheint, was es seinerzeit nach \"The Hunter\" zu vermeiden galt. Aber nun, nach all den Jahren, da die Legende ihr Vermächtnis überlebt zu haben scheint, getaucht in dieses ganz besondere, verklärende Licht, wird auch \"No Exit\" zum eher freudigen Ereignis. Soweit also alles in Ordnung. Und Gelegenheit für Besserwisser, es besser zu wissen. Charmant auch, und wie es sich gehört. Debbie singt. Das z. B. ist, was sie tut.
Vielen Dank für dieses Gespräch. Always touched by your presence [leises Seufzen, Ausblende].



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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