Rankin Waddell

Straight Edge Subversive Action (& Spaß)

21.01.1999, 10:33, Text: Autor unbekannt

'England is a bitch'
(Linton Kwesi Johnson).
'Buy British'
(Kampagne).

Wann stehst du gemeinhin auf? Normalerweise wache ich gegen vier Uhr auf.
Und dann machst du Karate.
Nein, dann kommen mir Ideen, so cirka zwei Stunden lang.
Dann gehe ich wieder für zwei Stunden ins Bett und stehe gegen acht Uhr auf.
Um vier aufwachen? Ich hätte nicht gedacht, daß du da überhaupt schon im Bett warst. Doch, meistens schon vier Stunden lang.
Du bist also kein Partymensch.
Ich war es. Aber ich habe aufgehört mit Drogen und Alkohol. Ich versuche, fit zu werden. Ich habe einen Sohn, und außerdem ... wird es langweilig.
Aber du lebst in London? Ja. Aber ich will rausziehen, nach Dawset oder Bristol.
Wie geht es dem Heft finanziell?
Auf und ab. Aber hauptsächlich auf. Auf eine Art ist es sogar größer, als es eigentlich sein sollte.
Wie meinst du das?
Zu viele Leute, die dafür arbeiten.
Ist das nicht notwendig?
Nein. Wenn wir härter vorgehen würden, wäre unsere Belegschaft kleiner, aber wir sind nun mal sehr loyal zu unseren Leuten. Die Entwicklung war organisch, was auch gut so ist, aber wenn wir von Anfang an Geld gehabt hätten, alles zu realisieren, wären wir anders vorgegangen.
Gibt es eine Aufteilung zwischen euch, was Inhalt und Ästhetik angeht? Gibt es Streit? Es sind vier bis fünf Leute, die mitreden, wenn es um die generelle Richtung des Heftes geht, aber immer angebunden an die grundlegenden Dinge, die wir vor fünf Jahren formuliert haben und an die wir uns bis heute halten.
Was waren, was sind diese Prinzipien? Wir glauben an Politik, moralisch und ästhetisch. Wir sind sehr politisch mit einem globalen Horizont. Oder was den Körper angeht. Racial Politics. Finanzpolitik. Es geht uns darum, Statements zu machen. Dabei gehen wir bewußt dekonstruktivistisch vor, um den Denkprozeß anzuregen. Wir wollen die Leute fordern. Daneben gibt es natürlich auch Humor, weil wir die Welt ziemlich lustig finden und man vieles mit Humor betrachten sollte. Wir glauben an Autorenschaft, an Zusammenarbeit, an die Individualität der Menschen. Wir glauben an den Underdog.
Aber es gibt auch Hedonismus. Ein wenig. Es gibt viele Egos, aber es wird immer durch Moral ausbalanciert. Was Politik angeht, sind wir nicht liberal, wir sind eindeutig links. Hedonismus ohne Tiefe hat keinen Wert. Du mußt größere Zusammenhänge verstehen. Unser Magazin gewichtet Inhalt über Style.
Und das sagst du als Fotograf. Und als Herausgeber. Das sind unsere Prinzipien in der Herangehensweise an Leben überhaupt. Wenn du dir das Heft anguckst, wirst du feststellen, daß du Inhalt und Ästhetik nicht voneinander trennen kannst.
Im Gegensatz zu 'Face', 'i-D', 'Loaded'? Ja. Wir sind wie keines dieser Magazine. Alle weitaus mehr hedonistsich als moralisch streitbar.
Was sie auch erfolgreicher macht.
Sicher. Aber wir glauben daran, daß die Leute mehr lesen wollen, als wie man einen guten Samstagabend hat. Oder welches Lager man trinken sollte. Oder welche Frauen man begehren sollte. Ich glaube nicht, daß die Leute, die 'Dazed & Confused' lesen, uns als eine solche Art von Magazin betrachten, eher als eine Verlängerung ihres eigenen Lebens, ihrer eigenen Zweifel. In Interviews suchen wir nicht nach der tollen neuen Story, sondern eher danach, was diese unsere Leser wirklich berührt.
Wie sehr lassen sich die Prinzipien damit verbinden, daß du als Fotograf einer 'Sony'-Anzeige in deinem eigenen Heft auftauchst? Klar, das ist ein Problem. Aber was wir als Teenager von der 'Factory'-Zeit gelernt haben, war, wie die Sachen in Gang kommen, und zwar dadurch, daß du Geld von großen Konzernen nimmst und damit was machst. Wenn du nur mit dem operierst, was du dir gerade leisten kannst, kannst du einfach nicht genug Lärm machen.
Also heult man ein wenig mit den Wölfen. Du mußt das System von innen bekämpfen. Alle, die in den 70ern, 80ern und 90ern aufgewachsen sind, wissen das. Du mußt debattieren, Debatte ermöglichen, und das geht nicht, indem du dich außen positionierst und sagst, daß man dir nicht folgen sollte. Wobei ich gar nicht sagen will, daß das falsch ist, nur nicht unser Ansatz. Ich habe Respekt für Leute, die sagen, daß das System nicht funktioniert, aber wir glauben eher, daß es nur teilweise nicht funktioniert.
Hat das veränderte politische Klima, wenn es denn ein verändertes Klima gibt, die Entwicklung des Heftes beeinflußt? Die Menschen, die in Zeiten der Black Economy aufgewachsen sind, haben eine andere Einstellung zu Arbeit. Sie sind sehr optimistisch und risikobereit. Weil sie nie etwas zu verlieren hatten. Weil ihnen klar war, daß sich nichts ändert, wenn sie es nicht selbst machen. Das hat einige Leute sehr erfolgreich gemacht, und jetzt sind sie Teil des Establishments. Da ist ein großer Teil des neuen Establishments mit einer positiven Einstellung zur neuen Regierung. Leute wie Alexander McQueen oder Underworld, viele junge Fotografen, die ein Statement gesetzt haben, indem sie einfach gemacht haben. Ich bin kein politischer oder soziologischer Analytiker, ich habe nur das Gefühl, daß viele Leute aus meinem Umfeld Erfolg wollen, ihre moralische Position dabei aber nicht aufgeben. Die Stimmung ist nicht schlecht.
Aber diese gute Stimmung kann auch in einen neuen Nationalstolz führen, wofür diese 'Buy British'-Kampagne ein guter Indikator war. Ja, so was kann passieren, aber nicht bei uns. Wir sind anti-nationalistisch, wir versuchen dem Titel eine internationale Prägung zu geben. British Art Movement, Britpop - bollocks. Der britische Nationalstolz ekelt mich an. Das ist die Basis von Rassismus.
Wie wichtig ist Provokation, Beispiel Fotostrecke mit Behinderten? Was immer wir tun, ist niemals um der reinen Provokation willen. Es ist natürlich gut, eine Reaktion heraufzubeschwören, aber wir tun es nie ohne Hintergrund. Normalerweise ist es der feste Glaube an das, worum es in den Fotos, der Mode oder dem Artikel geht. Was die Behinderten angeht, so gehen wir absolut konform mit Alexander McQueens Position, und wenn du dir ältere Ausgaben anguckst, findest du immer wieder ähnliche Aussagen zu Mode, zu Models, zu Eßstörungen.
Zynismus ist aber auch dabei. Sicher, aber sieh dir mal die McQueen-Shops an, dann siehst du, worum es geht, daß sich behinderte Menschen schön finden, das ist absolut positiv. Ansonsten finden diese Menschen doch in unserer Kultur, in unserem Leben so gut wie gar nicht statt.
Was bringt '99? Morgen machen wir ein Shooting mit Kate Moss. Wir sprengen sie. Dann machen wir eine große Party in Sarajevo, mit Workshops und so. Ende des Jahres gibt es eine Sache namens 'The Past & The Future', wo wir unsere Vorstellungen der Zukunft diskutieren wollen. Dann machen wir noch eine Fernsehshow. Und eine Compilation mit Musik, die kaum jemand kennt.
Was ist mit Silvester? Keine Ahnung. Die meisten Leute hier sind allergisch gegen dieses Thema. Ich auch. Ich bin kein Millennium-Fan.



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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