Wort ab

Editorial

20.01.1999, 11:58, Text: Autor unbekannt

Logo, Layout, alles ... NEU. Ein schönes Wort, und so vielseitig. Mit ausgebreiteten Armen tritt es einem entgegen, sich willig mit jedwedem Inhalt füllen zu lassen. 'Neu'. Meint zum Beispiel: noch mal beginnen. Oder: alles anders machen. Soviel vorneweg: INTRO, wie es mit dieser Ausgabe auf den Tisch kommt, ist 'neu' nicht in diesem Sinne. Obwohl wir Neues machen, wagen, beginnen. Und Anderes. Aber nicht alles. Was wir hier vorstellen, ist logische Konsequenz, die, wie wir finden, außerordentlich gelungene Metamorphose eines Mediums, das sich Zeit seines Bestehens über den Wandel definiert hat. INTRO hat nie gesagt: 'So ist das, und so bleibt das, bis ans Ende aller Zeiten' - welches ja bekanntlich mit Beginn des nächsten Jahres über uns hereinbricht.

Eines vor allem: INTRO ist und bleibt Musikmagazin. Und schon, weil wir der Überzeugung sind, daß man Hardcore nicht nur im selbstgeklebten Fanzine-Layout präsentieren darf oder Indie hören und einen Kleiderschrank besitzen eben kein Widerspruch ist, werden wir keinem der Genres, derer wir uns angenommen haben, die Kündigung reichen.
Aber Pop meint nun mal einiges mehr. Zumal man heute, ohne die dazugehörige Musik zu berücksichtigen, kaum noch über einen Film berichten, sich, ohne zu wissen, was es mit Begriffen wie Beat, Punk, Grunge oder Rave auf sich hat, mit einem großen Teil moderner Literatur nicht wirklich auseinandersetzen kann und sich Konsolenspiele ohnehin so sehr selbst als ein Stück Popkultur definieren, daß Künstler sich darum reißen, an Game-Soundtracks zu partizipieren. Weshalb in dieser Ausgabe z. B. die Kölner Elektronik-Avantgardisten von 'Harvest' sich für uns an ihrer Playstation die Finger wund daddeln, der Dichter und Humorist Robert Gernhardt über den lyrischen Nährwert deutschen HipHops resümiert oder der Heimwerker und Sprechsänger Ich-Zwerg sein niedliches Ego mit XXL-Klamotten aufwertet.
Zum fünfjährigen Bestehen von 'VIVA' sprach Autor Florian Sievers, der eine im selben Gebäude wie der Musik-Kanal untergebrachte Schule für Wirtschafts-Journalismus besucht, mit zweien der jungen Damen, die tagaus, tagein ihre Freizeit auf dem tristen Platz vor den Toren des Senders in der Hoffnung totschlagen, einen Blick oder gar ein Wort der dort ein- und ausgehenden Stars zu erhaschen. Sievers, der beim täglichen Passieren der Fanscharen selbst schon das ein oder andere 'Du bist so süß'-Zettelchen zugesteckt bekam, gelang ein sensibler und erheiternder Einblick in das Leben der Backfische im Schatten des Gorny-Imperiums.
Als unser Redaktionsältester Rolf Jäger mit knapp 18 und musikalischen Wurzeln im 70er-Art-Rock auf die Drei-Akkord-Wunder von Blondie und die reife, gelassene Sexualität ihrer Sängerin Debbie Harry traf - die, damals doppelt so alt wie Jäger, 'gut meine Mutter hätte sein können' -, sorgte das für ordentlich Verwirrung im musikalischen Weltbild und Hormonhaushalt des Jungmannes und setzte vor allem 'mein Frauenbild gründlich in Kenntnis'. 22 Jahre danach sprach Jäger anläßlich der Blondie-Reunion zum ersten Mal mit Miss Harry und traf auf eine Frau, deren Mysteriösität sich augenblicklich in lächelnder, profunder Sympathie verlor, deren Faszination weder ein überaus freundliches 'Hi there!' noch ihre schlabberige TV-Freizeitkleidung zu schmälern vermochten.
Viel Spaß beim Lesen,
Stephan Glietsch



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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