David Sylvian

Rebirth Of The Uncool

15.01.1999, 12:50, Text: Autor unbekannt

Ich hätte dich, glaube ich, nicht erkannt ...
Gut! [Gelächter]
Warum heißt die neue Platte 'Dead Bees On A Cake'? Ein Witz?
Mir gefällt das Bodenständige daran. Es geht um Rausch, Kapitulation, Hingabe an etwas Größeres - [leiser Schalk im Blick]. Irgendwie ein schönes Bild dafür, die Bienen, die langsam Teil des Kuchens werden, durch ihr Verlangen ...
Wenn man sie läßt! Ja! [Gelächter]
Es gibt relativ viel Blues auf dem Album. Wo kam der her?
Die Dinge nehmen einfach ihren eigenen Lauf. Wenn ich anfange, muß ich nicht notwendigerweise wissen, was dabei herauskommen soll. 'Midnight Sun' z. B. basiert auf einem John-Lee-Hooker-Sample.

Wo kam es her? Ich weiß es auch nicht. Ich loopte es und kam erst mal nicht weiter damit und dachte eigentlich nicht, daß ich es für die Platte verwenden würde. Aber mit der Zeit kam doch was zustande, und als dann Marc Ribot die Lead-Gitarre spielte - ! Er arbeitete nur einen Nachmittag mit mir und machte das Stück erst zu dem, was es ist. Dabei wirkte er zuerst beinah unbeholfen. Robert [Fripp], mit dem ich ja sehr viel gearbeitet habe, ist ein totaler Perfektionist, immer gut vorbereitet, stellt Racks und Racks und Racks auf. Ribot - er kam rein mit ein paar Pedalen, einem Wust von Kabeln und der Gitarre unterm Arm! 'Dobro #1' war genausowenig geplant; es basiert auf einer Improvisation, die Bill Frisell am Tag vorher gespielt hatte. Diesmal hab' ich sogar die ganze Studiotechnik selbst gemacht -. [schüttelt den Kopf] Unglaublich. Furchtbar. Ich mußte das ganze Zeug lernen. Alles ging schief. Daten verschwanden, Disketten zerbrachen, eine Festplatte ging kaputt [lacht]. - Da sah ich dann hinter der Scheibe den anderen Musikern zu und dachte manchmal, wenn es nicht recht funktionierte: 'Wow, es passiert schon wieder!' Mit Sakamoto -
[Ryuichi] Sakamoto?? Ist der nicht wie ein musikalischer Seelenverwandter für dich? [nickt] Wir konnten es nicht glauben. Nach drei Wochen gaben wir's auf und nahmen, was wir hatten. Ich hab' sehr viel selbst gespielt diesmal - wobei ich das anfänglich nie will und denke, andere arbeiten professioneller, effizient - was ich nicht kann!
Hast du mal daran gedacht, nicht selbst zu singen? Nein. Ich kann mir nie jemand anderen vorstellen, der die neuen Sachen singt. Später, in der Rückschau - ja, sehr oft. Aber der erste, der die neuen Songs interpretiert, muß wohl immer ich selbst sein.
Was mit den Texten zu tun hat ... Ja. Sie sind sehr persönlich - der emotionale Aspekt ist sehr wichtig. Da ich ja nicht täglich singe wie ein ausgebildeter Sänger, muß ich mich immer wieder neu einlassen. Und das ist gut so!
Versuchst du, dich dem potentiellen Hörer verständlich zu machen? Ich versuche mir selbst verständlich zu sein! Einen potentiellen Zuhörer in diesen Prozeß einzubeziehen ist unmöglich. Ich arbeite, bis Musik und Text sich in mir widerspiegeln, bis ich beim Hören die gleiche emotionale Rückkopplung erfahre, die da war, als ich die Idee zum ersten Mal hatte. Ich versuche, mein eigener idealer Hörer zu sein.
Bist du ein Dichter? Nein. Ich bin Schreiber. Songschreiber. Popsongschreiber! Und ich mag das sehr, es legt mich nicht fest. Ich bin kein Dichter, kein Künstler. Wenn -
Du bist kein Künstler?? [Kopfschütteln] Es spielt keine Rolle, was ich bin! Meine Tochter ist fünf, sie malt sehr gern, und wenn sie ihre Bilder Verwandten zeigt, sagen die immer: 'Oh, du mußt Künstlerin werden, wenn du groß bist!' Und sie sagt: 'Ich bin schon eine Künstlerin!' Sobald du diesen kreativen Geist in dir hast, bist du Künstler! Wann und für wie lange auch immer. Gut, schlecht, mittelmäßig - egal.
Hören deine Kinder deine Musik? Wenn ich an etwas arbeite, spiele ich es häufig im Auto. Meine Fünfjährige hat ihre Lieblingslieder, die sie irgendwann auswendig kann, sitzt auf der Rückbank und singt mit. Das ist wirklich schön! Sonst höre ich meine Platten praktisch nie.
Warum nicht? Es behindert mein Denken. Wenn ich sie von irgendwoher höre, und sei es auch nur leise - kann ich nicht zuhören. Ich mag das einfach nicht. Wenn ich mit einem Track fertig bin, höre ich ihn kaum wieder, und sobald er veröffentlicht wird, gehört er nicht mehr zu mir.
Wie geht das denn? Leicht! Ich gebe ihn weg. Gut. Befreiend. Eine Entlastung. Loslassen. Für mich immer die außergewöhnlichsten Momente, wenn ich alte Ideen für neue gehen lassen kann.
Würdest du, wenn du könntest, auf den Prozeß des Plattenmachens lieber verzichten? Nein. Ich will kommunizieren.
Via Schallplatte? Was könnte das für eine Kommunikation sein?! Ziemlich einseitig, oder?!
Das muß ja nicht notwendigerweise ich selbst sein -. Wenn ein Maler beauftragt wird, ein Bild für eine Kirche zu malen, drückt der Maler dann sich selbst aus? Wenn jemand in die Kirche kommt, um das Bild anzusehen, kommuniziert der dann mit dem Maler oder mit seinem Werk? Aber natürlich: ich würde lieber in der Isolation leben, Musik machen und jemand anders die Interviews machen lassen? - Ja!
'Dead Bees On A Cake', David Sylvians neues Album, erscheint voraussichtlich Mitte März bei 'Virgin'. Wer derweil mehr über Sylvian, seine musikalische Vita, seine Zeit als Leader der britischen Band Japan und wie er heute darüber denkt, warum er es heute genießt, nicht - oder nur selten - auf der Straße erkannt zu werden, und auch etwas über Männerfreundschaften erfahren möchte, der werfe Blicke in die zweiteilige Japan-Sylvian-Karn-und-die-anderen-Retrospektive im März- und April-INTRO.



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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