Busta Rhymes
I'm every Artist
11.01.1999, 12:11, Text: Autor unbekannt
Erinnern wir uns also einfach an Busta Rhymes' letzte Auftritte, erinnern wir uns an die Vorfreude auf Stimme, Körper, Musik, Größe und Lautstärke, die schon im Moment seines Erscheinens mit getigertem Kunstfell und überdimensionalem Hut so komplett befriedigt wurde, daß die fünfundvierzig Minuten danach eher dem immer noch erregten Nachspiel glichen. Darin zwei Momente im Miteinander von Sound & Vision, die wiederum das Geschehen bündelten: das rhythmische Spiel mit unbekleideten männlichen Brüsten im tödlichen Takt von 'Put Your Hands Where My Eyes Can See' (Ihr wißt schon, Badadap - bap bap bap) und die zehn oder zwanzig Sekunden, wo der Körper ruhte, wo für einen Moment alles gesagt, getan und gezeigt war und Busta einfach nur mit freiem Oberkörper dastand bzw.
'Es wird eine Platte für das Jahr 2000 geben', erklärt mir der fahrige Held den Stand der Dinge zwischen zwei Telefonaten. 'In '99. Dieses Album ist der Abschluß einer Trilogie, das nächste Projekt ist der Beginn einer neuen Trilogie. Da geht es um die Ergebnisse, darum, daß das, worüber ich rede, passieren wird. Wir müssen da alle durch, aber was auch immer bis Silvester '99 passiert, diese ganze Energie wird in meiner nächsten Platte stecken.' Wie immer wird es dabei um den gemeinhin schwierigen Weg des Edutainment gehen, darum, 'echte Information' in einer attraktiven äußeren Form zu vermitteln, Auseinandersetzung ohne Arbeit, Aversion und Schmerz. Wie alle anderen sagt auch er nicht, was wir tun sollen, sagt auch nicht, daß er mehr weiß als andere. Stellt nur Sachen raus, die man sich von Zeit zu Zeit angucken kann: Seht euch an, was passiert! Seid ihr wenigstens geistig bereit? 'Auf einmal gibt es im Fernsehen fuckin' Alien Shows rund um die Uhr. Das war vor fünf Jahren noch nicht so. Das ist doch wahnsinnig, ich verstehe das nicht, werden wir da auf etwas eingestimmt, was passieren wird?'
Sprechen wir über Inhalte. Sprechen wir über Ironie. Sprechen wir über das kleine Mädchen, das seinem Vater im Intro die naheliegendste aller Fragen stellt: wie es denn nun sein wird im Jahr 2000. Der daraufhin aber nicht das erwartet-erhoffte Wiegenlied singt, sondern mit zunehmend luziferisch-death-metallischer Stimme zwei Jahrzehnte Spiegel-Apokalypse zusammenfaßt, während die Erzählung im Hintergrund durch die Tonspur der ersten Minuten aus 'Saving Private Ryan' noch mal verstärkt wirkt. Nein, das Mädchen weint nicht, läuft nicht weg, nimmt sich nicht das offensichtlich eh nur noch ein Jahr dauernde Leben. Es spricht statt dessen den Satz, den Kinder sprechen, die im Kino den Trailer für das kommende 'Star Wars'- oder 'Terminator'-Sequel gesehen oder eine 'Nintendo'-Konsole zum Geburtstag versprochen bekommen haben: 'Wow, that's cool! I can't hardly wait!' Lektion: Action, Hauptsache, keine Langeweile. Lektion Busta Rhymes. Entertainment, besonders für die, die eh nichts zu verlieren haben. Was natürlich als Thema nicht so spannend respektive dramatisch ist, weswegen sein (aller) Interesse eher den Arrivierten gilt, denen mit der Milliarde auf der Bank, wo der Millennium-Bug das Konto löscht, und plötzlich bist du pleite. In Bustas mitfühlend-egozentrischem Kontext sind das Leute wie er selbst, Leute, die jetzt Positionen besetzen, vor kurzem aber noch der Schrecken der Gesellschaft waren. Schwarz, Ghetto. Junge Millionäre. Das Kid aus dem Viertel, das eben mal einen 30-Millionen-Deal auf der Basis einer Single abschließt - das ist eine Gefahr. Die Leute sind korrupt, weil sie gar keine andere Chance haben. Zusammen mit der Tatsache, daß Politiker ohnehin korrupt sind, macht das die Situation so unberechenbar. Er -survival of the fittest - möchte aber wenigstens in einer Position sein, wo er sich von einigem Bullshit befreien kann. Heißt Anerkennung, heißt Einfluß, heißt Geld. Heißt systemkonformes Vorgehen, Entertainment, nicht weh tun, nicht durchdrehen. Und, wenn's geht, trotzdem die Maxime im Auge behalten, die immer noch eher von Public Enemy als vom Wu-Tang Clan formuliert wurde.
Chuck D hat für Busta Rhymes eine besondere Bedeutung. Er hat ihn entdeckt, die Leaders Of The New School nach Kräften gefördert, er hat ihm den Namen gegeben, angelehnt an einen Boxer namens Buster. Der Übelieferung nach war Trevor zunächst nicht begeistert. Trotzdem ist das bärbeißige HipHop-Gewissen für ihn eine unumstößliche Größe, wäre er jederzeit lieber Chuck als Flavour. 'Flavor wird niemals ernst genommen. Das geht nicht. Ich habe meinen Spaß am Irrsinn, aber ich habe genauso sehr meine ernsthafte Seite. Und die Leute glauben an die Intensität meiner Sachen.' Chucks Buch 'Fight The Power' hat er allerdings nicht gelesen. Wobei es ihm gewiß geschmeckt hätte, ist er doch auch ein Verfechter des Ansatzes von Black Business, dem Anspruch, möglichst alle Positionen im System mit Schwarzen zu besetzen.
'Nimm meine Plattenfirma, 'Elektra', Sylvia Rhone ist schwarz. Viele CEOs im Plattenbusiness sind schwarz. Shit changed, baby. Die Industrie braucht schwarze Entscheidungsträger. Damals, als alles noch in der Hand von Weißen war, hatten sie Elvis, ein weißes Gesicht, um schwarzen Soul und schwarzen Rhythmus zu kommerzialisieren. Jetzt begeben sich alle auf die Suche nach den echten Wurzeln, und gleichzeitig haben die schwarzen Entertainer das Wort übernommen.' Nachzulesen in 'Fight The Power', weniger jedoch das andere, alltägliche Modell des familiären Protektionismus. Denn 'HipHop ist nur der Mechanismus, den ich für meine größeren Ziele benutze. Und worum es dabei besonders geht, ist, die Existenz meiner Familie abzusichern. Das kommt vor allem anderen. Vor HipHop, vor allem. Meine Mutter, mein Sohn, mein Bruder, mein Mädchen, mein Vater, meine guten Freunde - wir müssen da durchkommen. Wenn das klar ist, reiche ich allen anderen die Hand.' HipHop über 25 oder HipHop nach den Native Tongues. Und damit das klar ist, wird natürlich in alle offenstehenden Branchen geschossen: Film, Management, Mode. Alles manifestiert sich, und die Sachen arbeiten miteinander. Jede Einheit ist lebensfähig, und jede profitiert von den anderen. Und alles profitiert von 'MTV'. 'Ich liebe Performance, und sie helfen mir dabei, von vielen Leuten wahrgenommen zu werden. Ich möchte dreißigtausend Leute vor mir haben, wenn ich auf die Bühne gehe, und 'MTV' hilft mir dabei. Außerdem mache ich meine Arbeit, damit sie meinen Scheiß auch wirklich spielen wollen. Damit es kein Gefallen ist.'
Dafür werden die bekannten kreativen Einschränkungen akzeptiert, Mann ist ja Profi und hat aus den Erfahrungen mit dem Sex(istischen)-Stück der letzten Platte gelernt, das letzten Endes nicht auf der US-Version verweilen durfte. Jetzt predigt Familienvater Rhymes Verantwortung: 'Dir muß klar sein, daß Kids zugucken. Ich möchte auch nicht, daß mein Kind crazy shit auf Videokanälen sieht und denkt, er kann das zu Hause ausprobieren. Es gibt Wege, all diese Themen zu implizieren, aber die müssen korrekt sein.' Whatever. Halten wir uns doch lieber an die Musik, der wiederum, wenn überhaupt, als einzige Kritik vorgehalten werden kann, daß zwischen '97 und '98 nichts dramatisch Neues geschehen ist. Immer noch und immer mehr heißt das Timbaland / Missy Elliott in der Kraftmeier-Variante. Rimshots, Offbeats, Transparenz. Raggaeske Vocals. Kurz: das Beste, was einer wandlungsfähigen Stimme passieren kann. Also. Und auf gar keinen Fall moderat und anbiedernd. Wie unkommerziell (im Sinne bekannter Radio-Vorgaben) das Stück mit Janet Jackson beim ersten und zweiten Hören klingt, ist dafür ein guter Indikator, Bustas Rap jedenfalls ist deutlich zu schnell, das rhythmische Korsett zu verschleppt-vertrackt. Ein Spiel, ein weiterer Baustein, warum der durch stimmliche wie auch äußere Wandlungsfähigkeit Gesegnete nicht im eingespielten HipHop-Verständnis aus Realness, Identität, ästhetischer und nach Möglichkeit auch geographischer Verortung eingeschrieben ist, sein kann. Busta ist Flavour und Chuck, Ol Dirty und KRS, Lover, Denker und Kraftsportler. Seine Wurzeln sind in Jamaika, sein Wohnort ist das undefinierte Long Island. Er ist überall andockbar. ER ist überall andockbar. Das sieht dann in den allermeisten Fällen so aus wie ein lichterkettenbehangenes Kreuzfahrtschiff, das neben irgendeinem zweckmäßigen Frachtkahn längsseits geht. Was Erykah Badu, Janet Jackson, Ol Dirty, Ozzy Osbourne für sich genommen sicherlich nicht sind, aber keines dieser Duette verlief auch nur unentschieden, in jedem Fall freut mensch sich auf Bustas Einsatz, der sich zu all diesen durchaus unterschiedlichen Modellen verhält und mehr anbietet. Wie schon gesagt: kaufen Sie diese Aktie jetzt. Der Millennium-Bug wartet nicht.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...





