Fünf Jahre VIVA

Auf Starpatrouille

10.01.1999, 21:07, Text: Autor unbekannt

Hinter eisernen Absperrgittern drängeln sich erhitzte, aufgeregte Kleine-Mädchen-Gesichter. Haare rutschen aus Zopfgummis, rote Rosen werden zerknautscht und selbstgemalte Pappschilder mit kryptischen Aufschriften wie \"B-Rok\" oder \"A.J.\" in die Höhe gehalten. Vor dem grün-lila-ockerfarbenen Gebäude im Kölner Mediapark herrscht Konzert-Atmosphäre. Da drinnen, das wissen die wartenden Mädchen, sitzt gerade die süßeste Boygroup der Welt auf dem Sofa. Die Backstreet Boys zwinkern im \"VIVA\"-Studio in laufende Kameras und schnurren all das ins Mikrofon, was sich ein schmachtendes Mädchenherz so wünscht. Und vielleicht kommen sie ja auch mal raus und winken ...

Die 17jährige Janine Mengelsdorf und Stefanie Dürselen, 14, halten sich ein bißchen abseits vom Gedrängel: Die Trusies, die da warten, sind morgen eh wieder weg. \"Aber wir\", sagt Janine stolz, \"sind jeden Tag hier.\"
\"Jim Kelly sieht auch mit 'Short hairs' voll geil aus, oder?\" \"Alle Kellys sehen geil aus!\" \"Stimmt\"

Als \"VIVA\" am 01. Dezember 1993 den Sendebetrieb mit \"Zu Geil Für Diese Welt\" von den Fantastischen 4 aufnimmt, ahnen die beiden Mädels nicht, daß sie sich rund fünf Jahre später täglich vor der Eingangstür des Kölner Fernsehsenders wiederfinden werden, wo sie sich anfreunden und ihr Herz an knuffige TV-Moderatoren, verständnisvolle Security-Leute und wirklich süße Startypen verlieren. \"Ich mache immer ganz schnell Hausarbeiten und gehe dann gleich zum Sender\", erzählt Stefanie. Für die beiden ist der öde Betonplatten-Platz vor den gläsernen Türen des Gebäudes (in dem neben \"VIVA\" auch noch Medienschulen, eine Bibliothek und eine kleine Kunstausstellung sitzen) so etwas wie der Ort der leibhaftigen Niederkunft all dessen, was sie aus dem bunten \"VIVA\"-Tagesprogramm so kennen. Hier materialisieren sich echte Moderatoren und hasten vorbei zur Arbeit oder schlendern in die Mittagspause - und wenn man lange genug wartet, dann trifft man auch mal einen lebenden Star.
\"Hallo Tobi Schlegel! Ich find' dich voll endgeil! Deine Charly\"
\"Eben haben wir uns auch noch mit Daniel Hartwig unterhalten\", berichtet Janine. \"Der hat uns gefragt, wie es uns geht und warum das Wetter so scheiße ist. Und der Tobi Schlegel war auch mal hier draußen. Da durften wir mit ihm machen, was wir wollten. Wir sollten dem an den Klamotten reißen und schreien. Das haben die dann gefilmt.\" Die Schaumstoff-Sitzplätze in Daniel Hartwigs Live-Sendung \"Interaktiv\" sind einer der Gründe für die tägliche Star-Patrouille vor den Sendertüren - ob mit N'Sync oder The Boyz, Hanson oder 4 Da Cause, Janine war schon fast 20mal als Studiogast mit drin. \"Und der Mike von Down Low kennt mich ja auch schon ganz gut, jedenfalls vom Namen her\", behauptet sie mit tiefer Stimme. Warten auf Down Low - und zwischendurch holt sich Janine am Kiosk 'ne Vanillemilch, wenn die Tage mal zu lang werden. \"Ich bin die Älteste hier\", erzählt sie, \"das macht mir aber nichts. Es kommt bestimmt die Zeit, wo ich nicht mehr so oft hier bin. Spätestens wenn ich meine Friseurlehre anfange.\"
\"Kelly's forever! VIVA is' voll cooool!! Doro\"

Aber wer bis zum Beginn des wahren Lebens effektiv vor der Tür schmachten will, muß möglichst umfangreich informiert sein über die Aktivitäten im Kellerstudio: Die \"Bravo\" mit Hintergrundberichten bekommt Janine wöchentlich von ihrer Mama kostenlos, weil die einen Kiosk hat. Im \"VIVA\"-Videotext stehen dann die Sendetermine - und weil die beiden die Produktionspläne kennen, können sie zurückrechnen, wann aufgezeichnet wird. \"Wenn einer 'ne neue Single rausbringt, dann fragen wir hier an der Rezeption, wann der ins Studio kommt.\" Und dann gibt es ja noch die Security-Leute, die das Bürogebäude vor allzu eifrigen Fans abschirmen ...
\"Xavier Naidoo mach' so weita\"
J: Die Securities geben uns manchmal Tips. Der Jürgen, der sitzt an der Rezeption, Ferdinand, Sascha, Lutz, Axel und Dirk passen auf die Tür auf. Wenn man die nicht kennt, denkt man, die sehen ziemlich streng aus. Aber die sind total nett zu uns!
S: Wenn keine Stars hier sind, kommen wir nur wegen den Securities hierhin. Die haben auch gesagt, wenn eine Probleme hat, soll die direkt zu denen kommen. Denen können wir alles anvertrauen, die sind superlieb. J: Ja, aber da kommt auch immer diese Sarah an, die will sich dann immer dazustellen. Das geht uns auf die Nerven. Die ist blöd, anhänglich. Die will immer alles wissen.
\"Bastiaan - U R all I need. I wanna B your pillow. Gez. Steffi\" \"Was will Bas mit Kidis?!\"

Konkurrenz! Nicht nur um die Zuneigung der breitschultrigen Ersatzpapas mit den \"Sec\"-Aufdrucken auf den Jacken (für \"Security\") entbrennt die Eifersucht - die Gunst der Stars ist natürlich noch viel wichtiger für die Subkultur der \"VIVA\"-Warterinnen. Auch wenn da manchmal triste Absperrgitter-Realität und Kleine-Mädchen-Träume durcheinandergeraten ...
J: Manche Mädchen sind zickig und sagen: \"Nick von den Backstreet Boys ist nur mir\" oder so. Und die eine findet Salvatore von The Boyz gut und hat letztens eine am Bahnhof voll geschlagen, weil die den auch gut fand. So voll die Ohrfeige. S: Und so'n Mädchen hat gesagt, sie kennt Caught In The Act persönlich und ist schwanger von Eloy. Haben wir aber nicht geglaubt, wir haben den nämlich vor dem Hotel gefragt, ob das stimmt. Aber Eloy kannte die gar nicht.
\"Only für Nick: Look in my eyes and you know who I am! Your Teddy, 28.03.98\"

So viel existentialistisches Rumgesitze im Schneidersitz auf Steinplatten bringt natürlich einiges an Weisheit und Wissen über des Wesen des Stars an sich mit sich. Janine: \"Die echten Stars kommen immer raus. Aber diese Newcomer kommen manchmal nicht raus. Die sind dann gestreßt und müssen noch woandershin. Vielleicht sind die auch schüchtern.\" Aber wieso warten eigentlich hauptsächlich Mädchen im Mediapark auf die Stars? Und kann man bei der Konkurrenz von \"MTV\" nicht genausogut warten?
S: Nee, da kann man ja nicht ins Studio rein, wenn Stars da sind - das haben die aus Hamburg erzählt. Darum kommen die auch alle hierhin. J: \"VIVA\" ist viel besser als \"MTV\". Da spielen die ja immer nur so ältere Musik. Außer wenn mal die Charts kommen. Und die sprechen da so viel Englisch ... Und die Jungs haben alle Angst, daß sie sich blamieren könnten. Hier ist einer, der ist total Backstreet-Boys-verrückt. Und da ist noch einer, der ist ungefähr über 20 Jahre - der ist bekloppt! Der versucht alles, um zu Nadine Krüger zu kommen. Aber als Solid Harmonie hier waren, da waren auch viele Jungs da.
S: Jungs sind nicht so verrückt wie die Mädchen. Die schreien nicht so bei Konzerten. Die sagen auch immer extracool: \"ach, Starquatsch\" und so. Aber bei Mädchen ist so was doch normal, oder?
* alle Zwischentitel: von den Bauzäunen rund um \"VIVA\"

VIVA-Business
Aus Ärger über die Monopolstellung des globalen Senders \"MTV\" setzen 1993 vier der größten Musikkonzerne das Lokalfernsehen \"VIVA\" in den deutschen Musikmarkt - eine hofeigene Abspielstation für Hitproduktionen. Die \"Warner Music Germany Entertainment GmbH\", die \"Poly Gram Holding GmbH\", die \"Sony Medienbeteiligungsgesellschaft mbH\" und die \"EMI Group Germany\" halten 98,75% des Senders zu gleichen Teilen. Schon zwei Jahre nach seiner Gründung schreibt \"VIVA\" schwarze Zahlen. 1995 folgt \"VIVA ZWEI\", das sich an ältere Musik-Fans jenseits der Pubertät richtet. Im Dezember 1996 ziehen beide Sender mit Redaktionsbüros und Studios von Köln-Ossendorf in den Mediapark im Zentrum der Stadt.
Die mittelständischen Musikstationen mit gerade mal 178 Festangestellten sind Marktführer beim deutschen Musik-TV: Bei durchschnittlich 3,35 Millionen Zuschauern flackert täglich \"VIVA\" in der Glotze. Laut GfK-Fernsehforschung in Nürnberg entspricht das einem Marktanteil von 9,2% in der Zielgruppe der 14- bis 29jährigen. Damit machte Gorny 1997 70 Millionen Mark Umsatz und spielte zehn Millionen Mark Gewinn in die Kasse. Für das abgelaufene Geschäftsjahr hatte er \"locker mehr als 80 Millionen Mark\" angepeilt.
Das derzeit defizitäre Zweitprogramm \"VIVA ZWEI\" greift momentan frontal die alte Tante \"MTV\" an, um deren frühere Position mit anspruchsvoller Popmusik und etwas ruhigeren Moderationen zu besetzen. Mit Lizenzvergaben (etwa an die \"Kaufhof Warenhaus AG\" für \"VIVA\"-Gastronomie und -Mode) will Geschäftsführer Gorny künftig bis zu zehn Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Für die Zukunft steht Internationalisierung auf dem Stundenplan - vor allem Osteuropa soll mit eigenen \"VIVAs\" beglückt werden.



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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