Jimi Tenor
Universal Jet Set, Trash and A Star
06.01.1999, 17:11, Text: Autor unbekannt
| Tanz auf dem Vulkan | ||
Keine Zeit, keine Zeit! Es ist nicht mehr lange hin bis zur Jahreswende.
Außerdem hat auch Jimi Tenor selbst es eilig, will eigentlich schnell - sprich am selben Abend - noch zurück nach Hause, zurück in seine neue Wahlheimat Barcelona. Dort muß er nämlich auf ein Konzert, ein ganz besonderes noch dazu. Heute allerdings nicht als Musiker, sondern als erklärter Fan: der große TAFKAP höchstpersönlich läßt selbst einem gestandenen Allround-Entertainer und erklärten Glamour-Boy wie Jimi Tenor die übergroßen Brillengläser vor Begeisterung beschlagen. 'Das ist eine riesige Sache. Prince ist eine große Inspiration für mich. Er ist ein echtes Genie, nicht nur, weil er so viele Instrumente beherrscht. Es ist seine Art, funky zu sein, sich und seine Shows immer wieder neu zu inszenieren, die Art, wie der die Aufmerksamkeit der Leute fesselt. Er ist einer der wenigen Künstler, die ihr Leben in ein echtes Gesamtkunstwerk verwandelt haben, bei denen alles, was sie tun, eine Bedeutung hat.'
| Portrait des Künstlers als junges Zitat | ||
Da wundert es nicht, daß beim Versuch, musikalische Ziehväter dingfest zu machen, seit dem Erscheinen von 'Intervision' reichlich sich widersprechende Einordnungen auftauchen. Für die Techno-Gemeinde, die schon zuvor Tenors bislang größten Hit 'Take Me Baby' für sich entdeckt hatte, zählt seitdem der strenge Minimalismus, die Monotonie des Gesangs, der an sein erklärtes Vorbild Alan Vega und Suicide erinnert. Diesen Aspekt sehen viele auch in Verbindung mit dem kleinen, musikalisch radikalen finnischen Techno-Label 'Sähkö' oder mit Jimis noch weiter zurückliegenden Arbeit auf dem finnischen Hardcore-Label 'Bad Vugum'. Andere wiederum stürzen sich auf die 'Glam'-Komponente und Tenors Aussehen und stilisieren ihn glatt zum Ersatz-Bowie oder finnischen Andy Warhol. Und dann ist da natürlich noch der nicht zu übersehende Trash-Faktor, die Sammlung von seltsamen Synthies und Billig-Equipment. Und weil eine Weile lang keiner so genau wußte, wie ernst es Tenor mit seinem Mix aus gekonnt dilettantischer Heimorgelei, Space-Funk und Jazz wirklich ist, tauchten neben den Namen großer Außerirdischer wie George Clinton oder Sun Ra oder großer Jazzmusiker wie dem weißen Saxophonisten James White, Curtis Mayfield oder Miles Davis auch immer wieder gern Titel wie 'der Helge Schneider des Techno' auf. Jetzt, zwei Jahre nach seinem Durchbruch, merkt man, daß sich Jimi Tenor ein wenig in der Rolle der leicht exzentrischen und doch immer auch stoischen Pop-Diva eingerichtet hat. Trotzdem erscheint er an diesem Tag weniger gestylt als erwartet. Natürlich hat er sein Markenzeichen, die übergroße Hornbrille, mitgebracht. Ansonsten hinterlassen der Gesichtsausdruck und ein leicht zerknittertes, schwarzes 'Maffia'-T-Shirt eher den Eindruck einer vorausgegangenen langen Nacht. Auch im Gespräch gefällt sich Jimi Tenor in seiner Rolle als Kaurismäki-Klon. Ein wenig gelangweilt, spricht er langsam, macht lange Pausen und verliert sich in den einen oder anderen abwesenden Blick - anscheinend die finnische Definition von Coolness.
| Leisure Suit Jimi | ||
Wenn dir jemand vor drei Jahren gesagt hätte, daß sich große Modemagazine wie 'Vogue' mal für dich interessieren würden, wie hättest du da reagiert? Du hast mal gesagt, dein Konzept sei es, eben gerade dadurch zu verwirren, daß du es allen recht machen willst. Also Glamour und Kunst für die Lifestyle-Schiene, Trash für den Elektronikuntergrund. Warum funktioniert das? Doch, genau das war mal die Idee. So habe ich mir das vorgestellt [lacht ein wenig]. Na ja, du kriegst auch eine Menge negativer Reaktionen, wenn man überall mitmischt, besonders bei der Vermarktung. Manche Leute hielten das für eine schlechte Idee, aber so wie es aussieht, ist es gar nicht so schlecht. Immerhin kann ich es mir heute leisten, zu einer Sache auch mal 'Nein' zu sagen, ein Angebot abzulehnen. Okay, das war nicht der große Plan, ich plane eigentlich nie irgend etwas. Das hat sich halt so ergeben.
Aber du mußt damit klarkommen, daß Leute jetzt alle möglichen Erwartungen an dich stellen ... Mir ist das egal. Ich habe immer noch mein Privatleben, meine Freunde, genug Zeit, um rumzuhängen und in Bars zu gehen. Außerdem läßt mir 'Warp' ziemlich freie Hand.
In einem deiner letzten Interviews hast du gesagt, du bestündest darauf, als Allround-Amateur bezeichnet zu werden. Wie ist das, wenn man sich an diese Art zu arbeiten gewöhnt hat? Woher kommt dann noch die Inspiration durch das Billige und Unvollkommene? Hast du da irgendwelche Tricks, wie du dich von Routine freihältst? Schwer zu sagen. Manche Leute glauben, so ein Track sei schnell gemacht, aber ich arbeite schon sehr viel an meiner Musik. Du bist natürlich ein Profi, sobald du anfängst, mit deiner Musik deinen Lebensunterhalt zu verdienen, selbst wenn das Zeug, was du machst, ziemlich schrecklich oder schräg klingt. Ich weiß nicht. Es wäre natürlich schön, das Ganze in so einer 'easy going'-Weise weiterzuführen, aber das ist wahrscheinlich unmöglich. Trotzdem habe ich wohl meinen Sinn für das Einfache und das Unerwartete behalten. Spontaneität ist immer noch sehr wichtig, wenn ich meine Stücke schreibe. Das ist wohl, was ich vom Jazz gelernt habe.
| New York, Rio, Helsinki | ||
Obwohl Jimi Tenor in den letzten Jahren dauernd von einer westlichen Metropole in die nächst zog, haftet ihm immer noch das exotische Image des kauzigen Finnen an. Doch an die Wurzeln seiner künstlerischen Laufbahn kommt man nur schwer heran. Immerhin ist Jimi Tenor diesmal für ein paar Aufnahmen in seine Heimatstadt Lahti gefahren, um dort seinem alten Kirchenchor, in dem er als kleiner Junge singen mußte, einen kurzen Besuch abzustatten und ein wenig auf der alten Kirchenorgel zu spielen. Daß man aus solch schwergewichtigem Klangmaterial einen verdammt funkigen Disko-Track schneiden kann, beweist 'Year Of The Apocalypse', einer der Höhepunkte der neuen Platte. In der Musikschule von Lahti lernte Tenor auch seine beiden Lieblingsinstrumente Orgel und Tenor-Saxophon kennen. Später interessierte er sich dann erst mal mehr für Hardcore, Punk und Rockabilly, und so ist es kaum verwunderlich, daß seine erste Platte 'Fear Of A Black Jesus' aus dem Jahre '92 (damals als Jimi Tenor And His Shamans) auf dem Hardcore-Label 'Bad Vugum' herauskam. Die beiden nächsten Platten, 'Sähkömies' ('94) und 'Europa' ('95), erschienen dann bereits auf dem Techno-Label 'Sähkö' und brachten durch den Überraschungshit 'Take Me Baby' den Kultstatus von Jimi Tenor.
Du ziehst häufig um, wohntest vor ein paar Jahren mal kurz in London, jetzt in Barcelona. Was treibt dich dazu? Mir ist es eigentlich egal, wo ich bin. Hauptsache, es regnet nicht zu viel und es gibt ein paar gute Bars. In London war es mir zu trübe, das schlechte Wetter, die Pubs machen zu früh zu, der Alkohol ist teuer [lacht]. Im Ernst, die Bars in Barcelona sind ganz okay. Was will man mehr?
Vor deiner ersten Solo-LP 'Sähkömies' hast du angeblich zusammen mit Khan [u. a. Air Liquid, El Turcu Loco, Betreiber des 'Pharma'-Labels] in New York gelebt und als Photograph auf dem Empire State Building gearbeitet. Was hast du da gemacht? Eigentlich war das eine verdammt langweilige Angelegenheit, aber wenigstens war ich an der frischen Luft. Du machst einfach ein paar hundert Aufnahmen von Touristen am Tag. Das geht die ganze Zeit nur Blitz, Blitz, Blitz. Aber die Kamera war großartig. Eine riesige 8x10-Fachkamera, ein richtiges Monster. Ich mochte diese Maschine eigentlich ganz gerne, das war ganz cool. Ich war da aber nur Angestellter ... Der Fotostand ist immer noch da, aber sie haben jetzt auf digitales Equipment umgestellt, was natürlich nicht mehr so cool ist, aber den Leuten ist das scheißegal. Das war wirklich toll mit dem großen Blitz, du mußtest richtig so unter einem schwarzen Tuch verschwinden, um das Bild scharf zu stellen. Die Qualität war natürlich auch wirklich gut.
Wegen dieser Geschichte dachte ich immer, du wärest Photograph. Machst du denn sonst auch Fotos? Ich hatte früher mal ein eigenes Kunstprojekt, da habe ich Fotos gemacht und die dann auf die Motorhaube von Autos gedruckt. Mit so einer speziellen Technik. Aber das schluckte mein ganzes Geld und meine Energie, und die Fotos waren nachher meiner Meinung nach nicht so gut, wie ich sie eigentlich haben wollte, und da habe ich dann aufgehört damit. Ich hatte ein paar Ausstellungen, einige in New York und später noch eine in Berlin ...
Und was waren das für Fotos? Bilder von ungewöhnlichen Leuten, eher so Superhelden-mäßige Typen. Ich habe versucht, dafür Leute zu finden, an denen ich nicht mehr viel ändern mußte. So Ringkämpfer, große, massige Typen, von oben bis unten tätowiert. So in der Art eben.
Deinen bisher größten Hit, 'Take Me Baby', sollst du zunächst auf einem normalen VHS-Videorekorder aufgenommen haben. Ich hatte eben nichts anderes. Ich habe meinen großen Hit in einem winzigen Apartment in Brooklyn auf ein HiFi-Videoband aufgenommen. Viel mehr war nicht drin, aber er ist ja gut geworden, oder?
| Gothic Disco | ||
Billig ist eben doch besser. Darum freute sich die Plattenfirma im Vorfeld zu 'Organism' auch, daß sich Jimi Tenor auf einer ausgedehnten Rußlandreise angeblich mit neuen Synthies und Orgeln eingedeckt habe. Doch eigentlich besitzt er die Teile - u. a. ein russischer Sampler und ein paar Effektgeräte - schon, seitdem er vor Jahren mit einem finnischen Künstlerkollektiv in Moskau an einem Film drehte. Auf 'Serious Love' gibt es so ein paar richtig finstere Stellen, die nach grimmigen russischen Männerchören und der Todesstern-Blaskapelle klingen. Hat mich ein wenig an Laibach erinnert, obwohl der Rest sehr funky ist. Klingt da Finnlands Nähe zu Osteuropa durch?
Keine Ahnung, aber es ist sicher nicht nur Laibach, obwohl ich die wirklich gut finde. Es ist irgendwie cheesy, übertrieben, aber auch auf eine komische Weise erhaben und ernst. Aber es paßt ganz gut in dieses Klischee von finnischer Musik: auf der populären Seite völlig verrückt, andererseits aber auch sehr feierlich und fast schon sakral. Die schlimmste Platte in meinem Schrank ist ein Geschenk meiner finnischen Tante: eine Art Blaskapelle, die 'Retuperän WBK' heißt und so mächtig schief klingt, als sei das schon wieder Absicht.
Ja, die sind berüchtigt. Eine Blaskapelle, bestehend aus Maschinenbau- und Ingenieur-Studenten, die spielen wirklich alles absichtlich falsch. Ich glaube, die sind besoffen, wenn sie aufnehmen. Wenn du aus Finnland kommst, magst du das wahrscheinlich nicht besonders, denn das ist alles irgendwie Marschmusik, hat so einen seltsamen Nazi-Vibe. Für mich sind das komplette Idioten. Es könnte für Außenstehende ganz lustig klingen, aber ich mag die Leute einfach nicht. Es kommt wirklich einiges ungewöhnliches Zeug aus Finnland. Es gibt eine Menge Kreativität, vielleicht ist sogar diese Blasmusik ganz toll, wer weiß. Das mag ich auch so an England, da gibt es viel so humorvolle Annäherungen an Kunst und Musik, und ich finde das schon lustig. Du mußt nicht immer so ernst mit Musik umgehen ...
| Apocalypse Now | ||
Was erwartest du im nächsten Jahr. Ein große Weltuntergangsparty? Das wäre schon toll. Ich glaube allerdings nicht an diese ganzen 'Millennium Parties', das ist doch große Scheiße. Es wird einfach so deprimierend sein, aber wer weiß. Vielleicht wird es auch ganz toll. Es gibt so viele Erwartungen. Alle glauben, es kommt darauf an, wo du bist, wer dich zu der verrücktesten Party einlädt ... Wenn du in London bist, im großen 'Millennium Dome', das wird so schrecklich werden. Da wird so eine extravagante, riesige Party stattfinden, aber wie kommst du von da dann nach Hause? Wie kriegst du ein Taxi? Du wirst keines kriegen und mußt zu Fuß nach Hause gehen. Das war's dann mit der Exklusivität. Oder du bleibst gleich zu Hause. Ich weiß noch nicht. Ich hab' mir gedacht, ich heirate jetzt einfach, bringe meine neue Platte raus, und das Kind wird dann genau Silvester 2000 geboren. Das wäre mein großer Plan.
Vielleicht solltest du einfach eine eigene Sekte gründen. Am besten auf Ibiza. Tja, eine Sekte wäre eine gute Idee. So ein verrückter 'Sex fiend cult', das wäre cool ...
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