Die Goldenen Zitronen
Väter der Toten
25.08.1998, 19:49, Text: Autor unbekannt
Ein Treffen mit den GOLDENEN ZITRONEN findet standesgemäß im 'Baader Café' statt - die RAF-Ikone läßt grüßen. Wenn das Mutterschiff dessen, was sich heuer ungern 'Hamburger Schule' schimpfen läßt, ein neues Album veröffentlicht, geht es um bündelweise Ideologie. Eine ZITRONEN-Platte bedeutet Auseinandersetzung. Provokation und Moral heißen ihre Säulen. Was die Band so außergewöhnlich auf dem deutschen und neuerdings auch auf dem internationalen Parkett macht, ist ihre unmißverständliche Vorstellung von Gut und Böse. Sie vereinfacht ihnen, Positionen zu formulieren und einzunehmen. Die GOLDENEN ZITRONEN sind der Kulminationspunkt von sämtlichen Diskussionen um Hamburger Szene, Diskurs-Rock und neue Ansätze deutschsprachiger Rockmusik.
Jetzt haben die ZITRONEN ein Problem: Sie sind nicht länger nur ein deutscher Indie-Act. Ihr neues Album erscheint auf dem britischen Label 'Cooking Vinyl'. Was zunächst nur als Chance, weltweit Platten zu veröffentlichen, begriffen wurde, stellt die Band jetzt vor Fragen wie: Geben wir Interviews bei den Jugendformaten der Musikkanäle? Jüngst passiert bei 'MTV Alarm'. Kamerun und Gaier scheiterten in der Rolle der halbherzig bis widerstrebend auftretenden Interviewten, während sich Christian Ulmen als Stichwortgeber verzweifelt abmühte, die Sendung auf Zielgruppe zu stricken. Gaier und Kamerun wie die Vögel auf der Stange, ein ungewohntes Bild. Folge: Eine Aneinanderreihung von Mißverständnissen und letztlich - schlechte Laune. Ein Trumpf für all die, die glauben, beleidigte Leberwürste sähen nun mal aus wie GOLDENE ZITRONEN. Schließlich spielen die im Namen der Ideologie gerne mal die Spaßbremse. Ted Gaier hat als Grundsatz für die ZITRONEN die Formel vom 'Punk innerhalb des Punk' formuliert. Bewußt setzt er sich vom öffentlichen Verständnis mit Motiven wie 'Bullen klatschen', 'Biersaufen' und 'Abhängen' ab. Stichwort: TOTE HOSEN als Paradepunks. 'Campino ist der neue Udo Lindenberg. Fehlt nur noch, daß er sich 'nen Hut aufsetzt. Die HOSEN haben sich kein Stück von damals, als wir gemeinsam auf Tour waren, entfernt. Die meinen immer noch, Punk sein heißt, eine endlose Party zu feiern.' Das neue Album mal wieder als Update der Grundsätze.
Der Titel - 'Deadschool Hamburg' - ist die offensive Form des bereits auf dem 96er-Album 'Economy Class' vertretenen Songs '0:30 Gleiches Ambiente'. Ein Anprangern von Überheblichkeit und Eitelkeiten innerhalb der in ihren Strukturen überholten Szene der Hansestadt. Nicht von ungefähr leben drei von fünf Bandmitgliedern inzwischen in Bayern, Gaier und Ex-HP-ZINKER Hans Platzgumer sogar in der designierten Popkapitale München. Aus der Band ist ein Projekt geworden. Ein Auffangbecken, in dem auch befreundete Musiker zum Zuge kommen. Auf 'Deadschool Hamburg' ist die Münchner Combo CHICKS ON SPEED mit einer Nummer vertreten. Auch wird es eine Remix-Vinyl-EP geben, auf der sich Freunde wie Patrick Pulsinger oder DJ Koze mit dem aktuellen Material auseinandersetzen. Dabei geht es nicht um Name-dropping, sondern darum, die Musik in die Hände von Leuten zu geben, die eine Vorstellung von den künstlerischen Motiven der Band haben. 'Wir wollten kein Remix-Album wie DIE STERNE haben, deren Zeug durch die Weltgeschichte geschickt wurde, um dann von Leuten ein DAT zurückzubekommen, mit denen man nie persönlich etwas zu tun gehabt hatte.' Ziel: Dem Mißverständnis a priori keinen Platz einräumen. Weiteres Novum: Coverversionen der eigenen Seitenprojekte. Sowohl Gaiers Arbeit als Bassist von LES ROBESPIERRES wird bei 'Der Wiederholer' (die ZITRONEN-Version von 'Repentista') eigenwillig unrhythmisch und apoetisch gewürdigt, als auch Kameruns Solo-Künste: 'Weil Wir Einverstanden Sind' als Disco-Noise-Version. Auch Platzgumers Konzept-Album 'Aura Anthropica' erhält in eineinhalb Minuten eine Neuauflage. Einmal mehr: Musik, die für das gemeine Popohr eher verwirrend und aufreibend daherkommt. Doch der ZITRONEN-Sound brennt sich fest. Kamerun ist ein Organ und - ob er will oder nicht - eine deutsche Stimme. Ein prätentiöser Arsch - als Schreihals und Agitator unglaublich gut. Man mag zu den ZITRONEN stehen, wie man will. Ihre Musik ist so eigenwillig, wie sie notorisch ist. Bisweilen nervt sie einfach nur. Aber Pop braucht das Offensive und die zur Schau getragene Unfehlbarkeit der Band. Gaier: 'Früher waren wir anders. Aber doof waren wir nie.'
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