Bill Laswell

Visionstransfair

27.06.1998, 12:51, Text: Autor unbekannt

Seit nunmehr zwanzig Jahren befindet er sich auf einer Klangreise, die ihn von New York in die Zukunft und Vergangenheit, nach Marokko, in die Türkei, nach Westafrika, Indien, Bali, Rußland, Jamaika und die entlegensten Winkel des Universums geführt hat. Jedes seiner beinahe wöchentlich erscheinenden Alben dokumentiert einen Abschnitt dieser niemals endenden Forschungsreise. 'Ich bin kein Musik-Ethnologe', kokettiert LASWELL, und doch stellt er in seiner musikalischen Hexenküche transkulturelle Essenzen her. Zuletzt offenbarte sein Album 'City Of Light' die Parallelen von traditioneller indischer Musik und Drum'n'Bass.
Nachdem er den Kahn von BOB MARLEY in Ambient-Gewässer geschifft hatte, machte er sich zuletzt an die Übersetzung eines weiteren Titanen.

Auf 'Panthalassa' remixt BILL LASWELL die Electric-Jahre von MILES DAVIS. Das ist insofern delikat, als schon die Original-Alben 'In A Silent Way', 'On The Corner' und 'Get Up With It' zu den ersten Jazzplatten gehörten, die von vornherein in einer edierten Version erschienen. Damals hatte Teo Macero Hand angelegt. Mit dem habe das nichts zu tun, wehrt der Studio-Crack brüskiert ab. Im Gegenteil, er ist der Überzeugung, Teo Macero sei nicht der richtige Produzent für MILES DAVIS und er selbst in den frühen Siebzigern einfach noch zu jung gewesen. Das mag größenwahnsinnig klingen. In der Tat gibt es jedoch keinen Produzenten mit einem ähnlich weiten stilistischen Spektrum. Demnächst will LASWELL sich an Remix-Alben von HERBIE HANCOCK und CARLOS SANTANA wagen. Doch er ist dabei kein Maulwurf, der sich im Studio vergräbt und Musik produziert, die mit dem Licht des Tages nichts zu tun hat. Mit Gruppen wie LAST EXIT, PRAXIS oder PAIN KILLER stellte er immer wieder unter Beweis, daß er auch live Akzente zu setzen weiß. Wenn er jetzt mit seinem Dub-Projekt SACRED SYSTEM unterwegs ist, hat er so namhafte Musiker wie Gitarrist Nicky Skopelitis, Schlagzeuger Hamid Drake oder Trompeter Graham Haynes im Schlepptau. Gerade in letzterem sieht er eine ganz besondere Nähe zu MILES. Dieser, so LASWELL, operierte heute mit ähnlichen Illbient-Teppichen wie Graham Haynes, 'wenn er nur seine eigenen Gefühle zur Grundlage seines Spiels machen würde. Wenn er einfach nur MILES wäre. Graham Haynes hat sich ja nicht verändert, weil ihm irgend jemand gesagt hat, er müsse mit der Evolution des Sounds Schritt halten. Er macht das, weil er diese Musik in sich spürt.'
Egal, ob er ein Live-Team auf die Beine stellt oder das Kadergitter für seine Studioproduktionen schmiedet, genau dort liegt die Qualität, auf die es BILL LASWELL stets ankommt. Er will eine Stimme hören, einen Sound, der originär für einen Musiker steht und somit zu einem unverwechselbar individuellen Part eines Gesamtsounds wird. Dabei ist es ihm völlig egal, ob betreffender Musiker einer viertausendjährigen Tradition entstammt, wie viele seiner asiatischen oder afrikanischen Partner, oder ob er futuristischen Ausdrucksformen wie Drum'n'Bass oder Electro frönt. Im DJ sieht LASWELL nicht nur den Musiker, sondern vor allem auch den Komponisten der Zukunft. 'Wenn eine Entwicklung einsetzt, kann man in den seltensten Fällen sagen, ob sie wirklich etwas verändern wird. Momentan aber lösen Musiker wie DJ OLIVE und DJ SOUL SLINGER eine Revolution aus. Diese Jungs haben das Zeug dazu, das Universum zu verändern.' Ein Anliegen, das sich BILL LASWELL natürlich gern selbst auf die Fahnen schreiben würde. Doch auch in dieser Hinsicht tritt Meister LASWELL in die Fußstapfen seines großen Vorbildes MILES'. Er muß nicht jede Eingebung selbst haben, aber stets den richtigen Riecher für neue Ideen und deren Schöpfer in eigene Projekte einbeziehen. Nur so, und das weiß er, wird man auf Dauer zum Schrittmacher jeder neuen Avantgarde. 'Wir stehen am Beginn einer neuen klassischen Musik', frohlockt er, 'die ihre ganz eigenen Regeln und Gesetze aufbaut. Es zeichnet sich eine völlig neue Schule von Musikern ab.' Und BILL LASWELL, der unzähligen neuen Spielweisen und Kombinationen auf den Weg geholfen hat, ist wieder mittendrin dabei.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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