Warp Labelportrait

100 Jahre Bleeps

24.06.1998, 17:54, Text: Autor unbekannt

Steve Beckett und Rob Mitchell, die Labelgründer, sind schon ein wenig stolz auf die Anfänge ihres Mini-Imperiums. 'We're a big indie', verkünden sie lächelnd. Angetrieben vom Pioniergeist der ersten Acid-Euphorie in England, versorgten die beiden mit ihrem Plattenladen die Sheffielder Szene im 'Summer of Love '88' mit US-House-Importen, Chicago- und Detroit-Techno, Platten von MARSHALL JEFFERSON, DJ PIERRE, DERRICK MAY, JEFF MILLS und anderen Lichtgestalten. Im Sommer '89 dann traf die erste eigene Maxi, FORGEMASTERs 'Track With No Name', mitten hinein in die Phase der ersten großen Raves. 'Track With No Name' wurde ein Untergrund-Hit und 'Warp' über verschlungene Szene-Kanäle zum Geheimtip im fernen London.
Richtig knallen tat es aber erst '90/91, als die damals gerade mal Volljährigen Mark Bell und Jez Varley auf dem Dachboden ihrer Eltern die erste 'Warp'-Hymne zusammenschusterten: 'LFO' von LFO enterte die britischen Charts.

'Das war schon ein riesiges Gefühl, du gehst die Straße runter, und aus irgendeinem vorbeifahrenden Auto hörst du deine Platte. Das Ding lief damals auf wirklich jeder Party.' Es folgten 'Tricky Disco' von TRICKY DISCO und 'Aftermath', die zweite Maxi von NIGHTMARES ON WAX, wegen deren Erstling 'Dextrous', so Rob, überhaupt erst die Idee der Labelgründung entstanden war. Drei Chart-Hits in Folge und der einsetzende Geldregen machten - wollte man nicht genauso schnell wieder verschwinden, wie man gekommen war - eine schnelle Entscheidung über die Zukunft des Labels nötig.

Braindancing


'Wenn du so plötzlich Erfolg hast, stehst du auf einmal vor einer Menge von Möglichkeiten, und man kann sich schnell verzetteln. Okay, wir mußten irgendwas richtig gemacht haben, wenn wir mit unseren Platten, ohne große Kompromisse einzugehen, in die Charts kommen konnten. Wir haben uns dann entschlossen, intensiver mit den Künstlern zu arbeiten, ihnen eine langfristige Perspektive zu geben und außerdem unseren internationalen Vertrieb auszubauen. Denn Daniel Miller, der Labelchef von 'Mute', den wir sehr schätzen, hatte uns geraten, frühzeitig auf den europäischen Markt zu setzen, da er die Schnellebigkeit von Trends in England kennt. Trotzdem haben wir auch unsere Fehler gemacht. Unser erster britischer Vertriebspartner z. B. ging pleite, ohne daß wir nur ein einziges Pfund gesehen hatten.' Eine Lösung fand sich im Album-Format - ein erster Schritt weg von der Techno- und Maxi-Kultur hin zu dem, was man später 'Home Listening' nennen sollte. Nach dem ersten Album von SWEET EXORCIST folgte zunächst die Maxi-Compilation 'Pioneers Of The Hypnotic Groove', welche die frühen Erfolge vereinte, dann das erste Album von LFO und NIGHTMARES ON WAX. Doch erst die 'Artificial Intelligence'-Compilation markierte den Anfang einer Veröffentlichungswelle, die 'Warp' zum Ambient-Label Nummer Eins und zum Erfinder von 'Intelligent Techno' und 'Electronic Listening' avancieren ließ. Neben B12, BLACK DOG PRODUCTIONS oder F.U.S.E. tauchte hier - zunächst noch unter dem Pseudonym POLYGON WINDOW - der Mann auf, der kurz darauf als APHEX TWIN mit seiner Maxi 'On' und seinem Album 'Selected Ambient Works II' dem Hype einen Namen geben sollte.
Die Legenden um den 'cornish boy' Richard D. James sind so vielfältig wie sein musikalischer Output. Seine Ausbildung als Elektrotechniker, sein einsiedlerisches Leben in den Weiten Cornwalls, sein hippiemäßiges Erscheinungsbild, seine exotische Vorliebe für Panzer: mit APHEX TWIN vertritt 'Warp' ein Gesicht, das bis weit in Indie-Hörerkreise hinein bekannt werden wird. 'All die späterhin zu uns gekommenen Künstler hatten und haben noch die Eigenschaft, eigenwillige Charaktere zu sein und das auch in ihrer Musik auszudrücken.' Damit ist 'Warp' eines der wenigen Sammelbecken für elektronische Tüftler und Querdenker, das sich auch über die Jahre hinweg behaupten konnte. SEEFEEL, die als experimentelle Gitarrenband bei 'Too Pure' anfingen, die Kammer-Elektroniker BROADCAST oder die Live-Jazz'n'Bass-Performer RED SNAPPER sind sogar so etwas wie Vertreter des klassischen Bandformats, während exzentrische Solo-Künstler wie der krautbärtige SQUAREPUSHER oder der glamouröse Finne JIMI TENOR eine Klasse für sich bilden. Neuen Wind gibt es bereits jetzt um BOARDS OF CANADA, alte Freunde der schottischen AUTECHRE, und MIRA CALIX, eine rätselhafte Dame aus Sheffield, die auf ihrer 'Pin Skeeling'-EP mit Gitarren-Drones und abstrakter Rhythmik experimentiert. Und ansonsten, große Pläne für die Zukunft? Vielleicht - wie 'Virgin' - der Kauf einer Fluglinie? 'Kein Interesse, da hängt zuviel Arbeit dran. Aber wir haben einen Ultraleichtflieger. Außerdem werden wir im nächsten Jahr die erste Vegie-Burger-Kette in England aufmachen und dann McDonalds aufkaufen. Das wäre ein nettes Projekt.'



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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