Apocalyptica

Rondo Veneziano für Kuttenträger

22.06.1998, 13:59, Text: Autor unbekannt

APOCALYPTICA demonstrieren mit im aggressiven Duktus gestrichenen und gezupften Celli, daß eine Verfremdung der Vorlage nicht immer vonnöten ist, um ein Novum zu schaffen. Daß METALLICA schon seit jeher mit wunderschönen Melodien arbeiten, die sich zugleich stets im Paarungstanz mit einer ungemein rohen Attitüde befinden, ist kein Geheimnis. Die Zeiten, da METALLICA für ein böses Metal-Image einstanden, sind nunmehr seit etlichen Jahren vorbei, und genau diese Salonfähigkeit machen sich die Finnen zunutze. Das Besondere an APOCALYPTICA ist das Simple: Die einfache Transkription einer Musik, die nicht nur nicht verändert werden muß, sondern darüber hinaus auch nicht verändert werden darf, wenn man sie nicht entstellen möchte - die Musik ist bei beiden gleich, nur das Vehikel ist ein anderes.


Mit ihrem jüngsten Release 'Inquisition Symphony' (Mercury / PolyGram) ist die Kleinkunstausgabe des CRONOS QUARTETT in diesem Sujet nun zu einer Institution avanciert. Was seinerzeit bei RONDO VENEZIANO im ähnlichen Kombinat von Pop und Barock fehlschlug, funktioniert bei APOCALYPTICA. Über die nahezu obligatorischen METALLICA-Stücke hinaus liegen jetzt auch - neben transkribierten Werken von FAITH NO MORE und SEPULTURA - eigene Kompositionen auf den Notenständern, und die sind von nicht geringerer Intensität als die Entlehnungen. Auch Max, einer der vier, findet, daß sich das Cello als besonders bauchiges und zugleich kratziges Instrument für die Umsetzung ihrer Vorhaben hervorragend eignet. 'Auf der Bühne', meint Max, 'klappt das sogar noch ein bißchen besser.' Bereits nach dem eruptiven Opener auf 'Inquisition Symphony' ist dies kaum noch vorstellbar. Zu der Behauptung, APOCALYPTICA habe den Heavy-Metal nun auch denjenigen Gruppen zugänglich gemacht, die sich aus Imagegründen bislang nicht zu der heimlichen Liebe bekennen konnten, möchte Max keine Spekulationen anstellen: 'Wir sind große HeavyMetal-Freunde - es ist die richtige Einstellung. Ich verstehe nicht, wie jemand damit ein Problem haben kann.' So oder anders: APOCALYPTICA zum Candlelightdinner ist kein Affront gegen den guten Geschmack - im Gegenteil. Die nachgespielten Stücke für die Celli umzuschreiben ist erstaunlicherweise gar nicht so arbeitsintensiv, wie es der Laie vermuten würde: 'Oh, es ist wirklich nicht schwierig: Wir gehen in einen Musikladen und kaufen uns die Songbücher.' Es ist der Gedanke, der zählt.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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