Thomas Brinkmann

Gekratzte Variationen

19.06.1998, 15:21, Text: Autor unbekannt

Bereits in den frühen 80ern, damals, als die ersten - noch unbezahlbaren - Synthesizer und Sequencer auftauchten, begann BRINKMANN zu tüfteln: 'Ich entdeckte, daß ein Plattenspieler wie ein Sequencer funktionieren kann. In der Auslaufrille einer Schallplatte gibt es diesen kleinen Knacker, da, wo die letzte Rille reinläuft. Dieses Knacken kann man verstärken, und schon hat man so etwas wie eine rhythmische Ebene, die als Loop funktioniert, und die man kontrollieren kann.'
Daß dieses Knacken in ein Verhältnis zu den konstanten Umdrehungen pro Minute einer Schallplatte gesetzt werden kann, begann BRINKMANN zu nutzen: Kleine Messerschnitte in der Auslaufrille multiplizieren das Knacken nach rhythmischen Verhältnissen.

Erzeugt man dann noch durch verschiedene Schnittiefen unterschiedliche Dynamiken, entsteht eine Art Basisgroove, der erstaunlich nah an ein Bassdrum- und HiHat-Gefühl herankommt. Kratzloops nennt er selbst das Ganze, und auf diesen basiert sein akutelles Album 'Totes Rennen': 'Es gibt hier eigentlich drei Ebenen: Kratzloops, Sequencer und Sprachsamples.' Diese drei Ebenen fließen zwar ineinander, bleiben aber doch voneinander isoliert: 'Das liegt an Zeitverschiebungen, denn die unterschiedlichen Elemente laufen jeweils mit anderen Geschwindigkeiten. Dadurch kommt ein Element des Zufalls in die Musik. Und das ist durchaus gewollt, auch wenn es dem Prinzip von rechnergesteuerter Musik eigentlich widerspricht. Der Aspekt der Synchronität, der bei Midi eine große Rolle spielt, wird dadurch durchbrochen.' Die Sprachsamples auf 'Totes Rennen' wirken durch ständige Wiederholung fast wie Beschwörungsformeln. 'Zu dem Sample 'Ich will eine Maschine sein, Arme zu greifen, Beine zu gehen, kein Schmerz, kein Gedanke' hat mal jemand gesagt, daß jeder, der schon mal mit einer Flex ein Garagentor bearbeitet hat, spätestens nach einer Stunde ziemlich genau weiß, wovon da die Rede ist. Dieses Stück tut weh, auf eine Art.'



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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