Beastie Boys

Az ma az ma hata rotse, rotse?

18.06.1998, 20:17, Text: Autor unbekannt

So, what'cha what'cha want? Böse Ami-Jungs, bekannt für ihren einzigartigen Cocktail aus Stil und Humor, seien sie, und natürlich mit die ersten Reisenden des HipHop, läßt uns eingangs zitierter Sprachsample aus 'The In Sound From The Way Out' wissen. Längst Status quo, das - trotzdem ist es natürlich astreines Grenzgängertum zwischen ulk- und mutig, solcherlei bescheidenheitsfreies Statement via eigenem Tonträger in die Kolonien zu tragen. Darüber hinaus allerdings definiert das Zitat Biersaufen und Klebstoffschnüffeln als Brechtsche Taktiken. Was zweifellos interessant ist, zumal es im Diamond/Horovitz/Yauch-Universum unbestreitbar der Wahrheit entspricht.

Die BEASTIE BOYS stehen mittlerweile für ausgefeiltes produktionstechnisches Understatement, haben mit ihrer neugierigen und spielerischen Genre-Reise maßgeblich dafür gesorgt, daß Eklektizismus der geschmäcklerischen Art heute weitestgehend als positiv besetzt gilt, und haben nie darauf verzichtet, ihre gesellschaftliche Position engagiert zu nutzen - sei es als Labelbetreiber oder als Unterstützer der tibetanischen Demokratiebewegung. Was aber Adrock, Mike D Und MCA vom ersten Album an ausgezeichnet hat, war der unbedingte Wille zur Cheesyness. 'Beer swilling' und 'glue sniffing' stand damals für 'Budweiser'-Dosen-förmige Drumriser und Käfig-Tänzerinnen. Infantilität rules mit einem selten so selbstbewußt vorgetragenen Selbstverständnis okay. Sogar die hiesige Pop-Intelligentia nahm mit entwaffnend debilem Grinsen vorgetragene Chauvi-Gesten wie die locker vom Hosenstall aus ihren kräftig geschüttelten Inhalt ins Publikum ergießende Bierdose als den wiedererstarkenden Gestus des Punkrock mit offenen Armen auf. Solchermaßen vergackeiert, fühlte man sich offensichtlich aufs angenehmste verstört. Um so erstaunlicher, daß so mancher Kollege sich heuer von radikal sinnfrei durchgezogenen Interviews böswillig verscheißert fühlt. Was zu 'Licensed To Ill'-Zeiten noch als hundertprozentige Erfüllung der Erwartung begrüßt wurde, stößt heute weitestgehend auf Unverständnis. Schließlich muß ein Act, der sich sowohl bezüglich seiner musikalischen als auch seiner soziologischen Ausrichtung solchermaßen schlau - weil angenehm unmissionarisch - 'Gutes tun' auf die Fahne geschrieben hat, auch schlau Rede und Antwort stehen, ... oder so. Da irritieren Dialoge wie der nachfolgende schon mal bis zur Kapitulation, was schade ist, dienen sie doch einzig und allein der Klärung der Situation. Da setzen die drei das Blag im Popstar auf den Tisch des Konferenzraums, lassen es sabbern, brabbeln und in die Windeln scheißen, und kein Schwein registriert, daß auf dem Lätzchen deutlich 'V-Effekt' steht.
Mike D: Hey, wer hat denn da das Mikrophon im Obstkorb versteckt. Abgefahren!!! Das ist witzig. Wirklich witzig. Und gefährlich. Mein Gott, ich könnte es mit einer Orange verwechseln, es pellen, einen elektrischen Schlag kriegen und sterben. Wer hat den Mann hier reingelassen? Er ist ein hinterhältiger Attentäter.
AdRock: Jetzt komm aber mal runter. Dieses Mikro hat keinerlei Ähnlichkeit mit einer Orange. Mike D: Findest du?
AdRock: Ja, es ist eindeutig ein Bananenmikrophon. [zu MCA] Meinst du, es ist ein Bananenmikrophon mit Geschmack?
MCA: Es gibt keine Bananenmikrophone mit Geschmack. AdRock: Oh.
Mike D: Schade.
AdRock: Kennst du Kroketten?
Mike D: Diese kleinen, goldig braunen Zapfen. Ein phantastisches Zeug. Als Vegetarier waren mir die Dinger erst einmal unheimlich - bis ich herausfand, daß sie Kartoffelmatsch enthalten. Das ist das Nahrungsmittel der Zukunft.
AdRock: Ja, und DAS Baumaterial der Zukunft. Man kann fast alles damit machen, sogar Häuser bauen. Und ökologisch völlig unbedenklich das Zeug, läßt sich hundertprozentig recyclen.
? Schon gehört. Unter den anwesenden Kollegen geht bereits das Gerücht um, ihr würdet eine gigantische Krokettenbühne mit auf Tour nehmen.
AdRock: Das ist völlig richtig. Die größte Krokettenbühne, die es jemals gab! Mike D: Etwa drei Fuß lang und einen Fuß tief. Gigantisch - für eine Bühne aus Kroketten.
AdRock: Ein wahrhaft epochales Ereignis.
Mike D: Was gehen hier sonst noch für Gerüchte um?

? Daß ihr nur dann mit dem Gealber aufhört, wenn man das Wort Tibet fallen läßt.
MCA: Das ist richtig. Nächste Frage.

Das Trio fordert Aufmerksamkeit, auch im Gespräch. Wer seinen Fokus nicht auf die den Herren relevanten Topics lenkt, wird mit der Nonsens-Keule außer Betrieb gesetzt. Fußangeln werden bereits im Vorfeld gelegt. So heißt es im Presse-Info, die Outtakes des in fast dreijähriger Arbeit entstandenen Albums würden noch dieses Jahr zur Veröffentlichung eines 'nautischen Konzeptalbums' und eines 'Country-Epos mit GARTH BROOKS-Covern' führen; obwohl im selben Zusammenhang davon gesprochen wird, daß das aktuelle Werk 'Hello Nasty' in einer Raumstation aufgenommen wurde: für manchen Journalisten sind diese Legenden das Türchen zum Holzweg ins Off. Wer Auskünfte über die 22 neuen Tracks einholen möchte, sieht sich gezwungen, den einen oder anderen Haken zu schlagen. 'Schließlich spricht unsere Musik für sich selbst.' Das allerdings mit vielfach gespaltener Zunge. Schon beim ersten Hören entpuppt sich das siebzigminütige Machwerk als stilistischer Staffellauf. Da findet sich zwar nichts wirklich Neues, doch lümmelt sich - mal abgesehen von Hardcore-Krachern - auf 'Hello Nasty' so ziemlich jedes Genre, in welchem die BEASTIES in ihrer langen Karriere wilderten, darüber hinaus so mancher Ausflug in Gefilde, von denen man weiß, daß sie sie immer schon interessierten. Wer den LEE 'SCRATCH PERRY'-Artikel in der zweiten Ausgabe des 'Grand Royal'-Magazins gelesen hat, wird sich über 'Dr. Lee Ph.D.', die Kollaboration mit dem Dub-Altmeister, nicht wundern, sondern sich wahrscheinlich eher fragen, warum es zum Treffen mit dem erklärten Idol nicht längst gekommen ist. Das Stück, bereits vor zwei Jahren zu Beginn der frühesten New Yorker Sessions in Angriff genommen, wurde mit der Zeit zu einem fünfminütigen Dubgetüm gezupft und gezuppelt. 'Als wir es 'Dr. Lee' nannten, hatten wir noch keine Ahnung, daß LEE die Vocals dazu beitragen würde. Wir haben es nur so gennannt, weil es uns irgendwie an ihn erinnerte.' Als PERRY schließlich letzten Oktober in N.Y. auftrat, bekniete BEASTIES-Produzent Mario Caldato ihn, mit ins 'Treehouse' (SEAN LENNONs Loft) zu kommen, eine der zahlreichen Stationen, die das Trio auf der Flucht vor seinem düsteren Kellerstudio ansteuerte, um am Album weiterzuarbeiten. 'Er war irre. Es war tatsächlich Halloween, und LEE kam die Straße herunter, völlig aufgedonnert, ... ich meine, er sah richtig gut aus, mit kleinen Spiegeln an seinen Schuhen und Steinen und Klunkern überall, er fiel zwischen all den kostümierten Leuten überhaupt nicht auf. Nachdem er ein wenig in den Track hereingehört hatte, rollte er ein Tourplakat, auf dem bereits der Text - ein höchst mystisches Wirrwarr aus Wörtern, Diagrammen und Symbolen - stand, auf, stellte sich ans Mikro und sang ihn ein' (AdRock). Eine wirre Voodoopredigt über Jesus von Nazareth und die 'Beastly Brothers, with their beastly toys.' - 'Wenn uns einer nennen darf, wie er will, dann ist das wohl LEE 'SCRATCH' PERRY.'
Welcher natürlich nicht der einzige Gast bei den Aufnahmen war. Neben einigen Mitgliedern der großen 'Grand Royal'-Familie wie LUSCIOUS JACKSONs Jill Cuniff und Miho Hatori von CIBO MATTO natürlich die alten Bekannten Eric Bobo und MONEY MARK, der diesmal allerdings nur auf vier Tracks zu hören ist. 'Es ist einfach so', erläutert Mike D, 'daß wir im Gegensatz zu MARK alle ziemlich grausige Keyboardspieler sind. Was es irgendwie interessant machte, den Kram selbst auf die Reihe zu kriegen. Es ging einfach nur darum, etwas hinzubekommen, das am Ende zumindest so gut, so weird, was auch immer wird, daß es seinen Weg in den Mix findet. Wir haben überhaupt unglaublich viel Knöpfchen geschraubt und gesamplet, diesmal. Auf dem Album sind nur drei Songs, die im Bandformat eingespielt wurden. Es sind schon eine ganze Reihe der Tracks beim Jammen im 'Dungeon' geboren worden, aber mindestens genauso viele sind um irgendein krudes Zeug aus AdRocks Sample-Bibliothek herum entstanden. Manchmal haben wir Tracks, die wir Schicht um Schicht auf einen Beat aufgebaut hatten, am Ende komplett wieder niedergerissen, um genau das zu recorden, was bereits ganz am Anfang stand.' Neu an Bord ist der MIXMASTER MIKE, Turntable-Zauberer der Bay Area-Crew INVISIBL SCRATCH PIKLZ, dessen herausragendste 'Hello Nasty'-Appearance wohl der Studio-Live-Jam 'Three MCs And One DJ' sein dürfte. Wer diesen Track gehört hat, dem ist klar, daß der Mann ein mehr als würdiger Nachfolger für den ausgeschiedenen DJ HURRICANE ist.
Definitiv nicht am Album beteiligt ist dagegen PUFF DADDY, ein weiteres Gerücht, das auf den im Info gelegten falschen Spuren fußt.

½ oz. vodka, ½ oz. light rum and orange juice


AdRock: PUFFY war zwar zum selben Zeitpunkt wie wir in den TriBeCa-Studios, aber von dem haben wir nicht viel mitbekommen. Der war so gut wie unsichtbar. Mike D: Er ist unsichtbar, wirklich unsichtbar.
AdRock: Richtig, alle großen Produzenten sind unsichtbar.

? Ist RICK RUBIN auch unsichtbar?
Mike D: Natürlich, mein Gott, denk doch mal nach - diese Brille, dieser Bart ... Hast du denn nie 'Der Unsichtbare' gesehen? Aber was soll die Frage, wir haben nichts mehr miteinander zu tun.

? Immerhin behauptet er, die BEASTIE BOYS entdeckt zu haben. AdRock: RICK RUBIN hat uns entdeckt? Ich meine, der erzählt diesen Kack immer noch überall rum. Wie soll jemand, der sich derart auf anderer Leute Kosten aufplustern muß, überhaupt irgendwen groß machen können?
Gut, wenn ihr die Geschichte wirklich hören wollt, hier ist sie: Irgendwann einmal haben wir für einen Auftritt so einen psychedelischen Ölblasen-Projektor gesucht. John [Berry, neben LUCIOUS JACKSONs Kate Schellenbach eins der beiden Mitglieder der B.B.-Vorgängerband POLLYWOG STEW, die die Band vor der Gründung der BEASTIE BOYS verließen] kannte da diesen Typen, der angeblich so'n Gerät besitzen sollte. Also gingen wir ihn besuchen. Nun, er hatte keinen Projektor. Aber er besaß zwei Decks und eine PA. Eine richtig amtliche Club-PA, die hatte er tatsächlich in seinem Mini-Zimmer in einem Studentenwohnheim der NYU rumstehen. Irgendwie war das schon eine ziemlich gute Zeit, wir hingen fast jeden Nachmittag in RICKs Bude rum und haben Platten über seine PA gehört. Damit er uns die PA für Auftritte lieh, haben wir ihn schließlich als DJ angeheuert. Wer hat hier also wen entdeckt?
Mike D: Der Roboter, der unser Album in Wirklichkeit produziert hat, ist auch unsichtbar.

? Welcher Roboter?
Mike D: Na der, der auch den Refrain von 'Intergalactic' gesungen hat.

? Tibet.

'Intergalactic', die erste Single-Auskopplung aus 'Hello Nasty', ist weiß Gott nicht die catchigste Nummer des Albums, aber die Auswahl des Tracks zeigt deutlich das standing der BOYS in ihrem Unternehmen: Sie sind der Vorstand. Erfolgreiche Unternehmer mit Mut zum Risiko. Und mit einem höchst eigenen Wertekodex. Was getan wird, wird innerhalb des Triumvirats entschieden, Beeinflussung von außen hatte gerade während des Aufnahmeprozesses außerordentlich wenig Chancen. Egal, ob sie sich nun in LENNONs Loft, seinem Proberaum, ihrem eigenen, 'Dungeon' genannten, Kellerloch, dem Haus von Mike Ds Bruder oder in einem der drei von ihnen genutzten Studios eingeschlossen hatten. In den zahlreichen 'kleinen Pausen', die sie zwischenzeitlich einlegten, hatten natürlich die Labelarbeit mit 'Grand Royal', ihre Casualwear Company 'X-Large' und vor allem die Planung und Vorbereitung des dritten 'Tibetan Freedom Concert' Vorrang vor allem anderen. (Groß-) Unternehmen Gutmensch lief und läuft an allen Fronten auf vollen Touren! Das diesjährige Festival zur Unterstützung des von Adam Yauch ins Leben gerufenen 'Milrepa Fonds' war bereits nach wenigen Stunden ausverkauft und trotz eines Blitzeinschlags, der dazu führte, daß einige der angekündigten Headliner nicht auftreten konnten, ein voller Erfolg.

? Habt ihr das Festival bewußt nach Washington verlegt, um mehr Druck auf die Regierung der Vereinigten Staaten ausüben zu können? MCA: Ich denke schon, daß eine Veranstaltung, die quasi im eigenen Vorgarten stattfindet, nicht einfach so zu ignorieren ist. Die Regierung Clinton muß deutlich mehr Druck auf China ausüben. Nur ein erhöhter Sanktionsdruck seitens des Westens wird auf Dauer an der Situation in Tibet etwas ändern können.

? Die Europäische Union krault der Volksrepublik China ja auch eher den Bart, als daß sie die wirtschaftlichen Beziehungen ausnutzt, dem Regime etwas mehr Feuer unter dem Hintern zu machen. Habt ihr schon mal daran gedacht, ein 'Tibetan Freedom Concert' in Europa, z. B. in Brüssel, zu veranstalten? MCA: Wir spielen schon länger mit dem Gedanken und werden das definitiv auch umsetzen. Allerdings halte ich einen zentraleren Ort wie Paris als Veranstaltungsort für deutlich sinnvoller.

The Hip Sound Of The Hop World

Le Son Hip Du Monde Hop 1999 also auf einer gigantischen Krokettenbühne vor dem Eiffelturm? So, what'cha, what'cha want? Oder, um es wie in dem im Song verwandten Radiosample - quasi als Signal zur Völkerverständigung, zur Stärkung des internationalen Gutmenschen, besser noch Gut-Slackertums - auf hebräisch zu sagen: Az ma az ma hata rotse, rotse?



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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