Go Plus

Gänsehäute kleiden mich total

18.06.1998, 17:58, Text: Autor unbekannt

'Aufgeben ist scheiße, und Suchen ist nicht gut. Kopfzerbrechen tötet und macht blind' ('Tagebau').


'Go Plus' ist ein XTC-Album - eine verständlicherweise sehr von Pit Przygodda, Lars O'Horl und Matthias Pracht verehrte Band und schon Popgeschichte. Die Assoziation des Weitergehens, des Gehens Plus ist eine schön passende. Exemplarische Zeilen wie 'Sehnsucht schreibt die Songs' (aus 'Haut') geben den Weg an, den das Trio seit 1990 geht, mal sich in zu großen Brüchen verirrend (Funkrock, Jazzrock, die komplizierteste Band sein wollen, bis das erste Mal MY BLOODY VALENTINE vom Himmel fiel), nun jedoch auf die entsprechende Minimalistik herunterkürzend.
Kleinformatige Popstrukturen mit viel Weite in sich, viel Platz zum Nachdenken und drin Verschwinden. Noch auf 'La Montanara' (Kitty-Yo / leider ohne Vertrieb) fanden in den Texten impressionistische Fragmente ihre Spiegelung. Das war teilweise schwer zu verstehen, doch heute: Positives in jeder Verzweiflung, Zuversicht in jeder Desillusionierung, und Pit singt seine Texte richtigerweise selbst, anstatt sie wie damals zu deligieren. Ohne eine 'Generation TALK TALK' heraufbeschwören zu wollen, aber auch hier haben diese ihre Spuren hinterlassen. Produziert von Tobias Levin, steht 'Largo' auf absolut eigenen Füßen und wird mit dem ersten Hören eine zutiefst private Platte. 'Ich glaube, daß jeder alles, was ich in den Texten sage, nachvollziehen kann, also würde ich vielleicht sagen, daß es persönliche Texte sind, aber nicht private.' - 'Ich meine jetzt nicht, daß es deine privaten Texte sind, sondern schnell von jedem als privat angenommen werden können ...' - 'Das würde ich aber schon als Kompliment aufnehmen.' - 'Ja, klar, ist es auch.' Doch, unser Gespräch war gut, denn hier stehen unfaßbarerweise drei Musiker deckungsgleich hinter ihrer Musik, auch wenn Lars und Pit im Gespräch feststellen mußten, daß sie eine unterschiedliche Belegung des Wortes Pathos haben. Wir stellten fest, daß es negatives und positives gibt, keines von beiden ist wirklich zutreffend, um 'Largo' zu charakterisieren. 'Wir sind heute viel sicherer darin, mit dem Wort Pop umzugehen.' - 'Das ist auch während der Produktion passiert. Die Tendenz war schon da, aber Tobias hat das Ganze noch weiter vorangetrieben.' (Siehe auch 'Hörtest'.)

'Glasperlen gleich kullern die Gedanken aus dir raus, wie du sie fühlst. Nicht schlecht!' ('Superfreunde').


GO PLUS versicherten mir Glücklichsein. 'Largo' ist eine ernsthaft angenehme Platte geworden, eine für große Gefühle. Und in 'Love Supreme', dem Lied, über das Lars bemerkte, sehr froh zu sein, daß es auf dem Album sei, erscheint die völlig unironische Zeile 'Ich liebe dich'. Ohne manchmal rote Ohren zu bekommen, kann ich das Lied fast nicht hören. Wir erfanden die Horrorvision, daß sich plötzlich alle genieren, GO PLUS gut zu finden, weil die Texte quasi uncool ehrlich und direkt sind. Irgendwann würden Leute nur noch mit Sonnenbrillen in der ersten Reihe stehen und 'Largo' in braunen Papiertüten aus dem Plattenladen tragen. Das passiert aber nicht, denn trotz der Veröffentlichung bei 'V2' 'ist die Musik doch zu speziell, um wirkliche Massenwirkung zu haben', meinte Lars. Etwas zu anders, etwas zu unbekümmert, daher nah an dir dran. 'Irgendwann mache ich einfach weiter mit einer Idee, die mir kommt, egal, was am Ende passiert ist. Wie in 'Brian' am Anfang: 'Das sind so Akkorde, das ist so 'ne Linie, erinnert mich so an dich', und daran habe ich weitergemacht. Dann habe ich einem Bekannten erzählt, daß ich gerade ein Lied für BRIAN WILSON schreibe, und der fragte mich sofort: 'Darf man so etwas überhaupt machen?'' Angesichts der immanenten Schönheit und/durch Zerbrechlichkeit von 'Brian' folgt ein Ja.

'Positiv vibrieren klappt nur für kurze Zeit, und übrigens das Warten ist Tagebau' ('Tagebau').


Da ist ein wenig Jazz übriggeblieben, viel Gitarrenidee, gestreicheltes, liebgehabtes Schlagzeug, erhaben vervollständigender Bass, Begeisterung für Songs, Gesänge, Harmonieprogressionen und die ewige Suche, auf daß sich die Menschen besser fühlen. Und ist auch 'Wir wollen, daß alles gut wird' eine der wenigen ironischen Textzeilen auf 'Largo', möchten GO PLUS das eigentlich doch. Und noch eine Aussage, vielleicht die Erklärung, warum Jungs überhaupt Musik machen:

'Mädchen auf der Straße, schaut mich freundlich an. Ich nehme die Gitarre und schreibe ein Lied. Ahaaaaaaaaa, yeah!' ('Haut').




Artikel kommentieren
aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Gruppen


YouTube

YouTube

SieTube? DuTube.

» Mehr Gruppen