Jay Jay Johanson

It's a thin line between Kitsch und Genie

18.06.1998, 11:52, Text: Autor unbekannt

Whiskey

Ich trinke keinen Whiskey, ob mit oder ohne 'e'. Und ich glaube auch keinen Produktbeschreibungen. Schon gar nicht, wenn sie von einer Mischung aus x, y und tollen Beats berichten, zum Beispiel einer großen Crooner-Stimme in Tradition von ELVIS, ROY ORBISON und CHET BAKER, von Streichern und Sentiment und besten Break- und Trip-Beats. Diesbezüglich Abbitte leisten und sich mit Todesverachtung eine Flasche ekligen Malzschnaps eingießen ist nicht schön, doch in jedem Fall ein guter Deal für eine Platte, die eines der ganz wenigen Beispiele dafür ist, daß jenseits von 'gut gemacht' noch was geht im Cut&Paste-Zeitalter.

Überraschung zum Beispiel. 'Whiskey' ist pure Überraschung, selbst wenn vorher alle obigen Informationen gespeichert wurden. Diese 'billigste Aufnahme, die 'BMG Schweden' je veröffentlicht hat', ist der digitale Beweis, daß wenig Möglichkeiten und gesampelte Streicher besser funktionieren können als das echte Ding. Drama und Song, Struktur und Melodie, Waldhörner, Walzer, Hollywood, Wien, die 20er und der schmackige Overkill großer Romantiker aus zwei Jahrhunderten Hand in Hand mit Clubkultur. Konstruiert, hysterisch und surreal, dabei aber genau das Maß an cooler Selbstverständlichkeit, das soviel Kitsch durch alle Ebenen hindurch zum Spektakel macht. 'I'm older now much older than I was when I was young' ist das immer wiederkehrende Mantra von 'Whiskey', im Video zu 'Tell The Girls I'm Back In Town' sieht man einen ausdruckslosen Riesen mit bleistiftdünnen Armen in der Gefängsniszelle, der mit klarer, klagender Stimme von etwas singt, was kaum weiter von der Realität entfernt sein könnte. Orchester, Drama, Breakbeat. Jahrhundertstück. So stilsicher, daß auch die langsam eintropfenden Informationen zu JJJ, der als Artdirector (natürlich) das Gegenteil kultureller Unschuld verkörpert, an der Begeisterung nichts ändern konnten. Bis ...

Tattoo

'Die Leute bei der Plattenfirma fanden den Titel schrecklich: 'Das klingt ja nach AEROSMITH', haben sie gesagt, und ich: 'Okay, besser AEROSMITH als DEAN MARTIN.' AEROSMITH sind viel kreativer als DEAN MARTIN.' Schluck. Das sitzt. Doch nicht nur wegen einer solch unhaltbaren Aussage (die JAY JAY insofern relativiert, als daß er zugibt, daß DEAN MARTIN die besseren Klamotten und den besseren Haarschnitt hat) ist die jetzige Situation deutlich ernüchtert. JAY JAY JOHANSON ist ein Songwriter. MARTIN, SINATRA und CHET BAKER haben keine Songs geschrieben, also sind sie keine ernstzunehmenden Künstler. Sein musikalischer Wertmaßstab sind gute Songs. Und gute Songs finden sich auf 'Tattoo', doch leider nicht viel mehr. Verglichen mit dem glitzernden und holpernden Überschuß von 'Whiskey', ist hier alles schiefgelaufen: Die Stimme steckt bis zum Hals in flächiger Produktion, die Beats sind rund und schlapp, und alles gleitet gefällig-gemächlich über den Coffetable. Wohlgemerkt, gemessen an 'Whiskey', nicht an zehntausend anderen Studio-Ausgeburten. Doch wie sie alle ist JAY JAY RADIOHEAD- und SMASHING PUMPKINS-Fan, auf der Bühne rockt er, und 'Tattoo' verhält sich zu 'Whiskey' wie 'Protection' zu 'Blue Lines', wie ein gutes, aber berechnetes - ähem - Produkt zu einem Wunderwerk. Was aber immer noch State Of The Art ist, sind seine Videos, die morbiden. In 'Milan, Madrid, Chicago, Paris' werden Folgen von Autounfällen mit einer Mischung aus UNSANE-Schock und 60er-Futuristen-Atmosphäre seziert. Vor nicht allzu langer Zeit hat JAY JAY auch ein Stück für den Grand Prix geschrieben, wo es um einen Typen geht, der mit den Taschen voller Steine von einer Brücke springt. Haben sie nicht genommen. Ja, wenn es ihm gut geht, macht er keine Musik, dann trifft er sich lieber mit Freunden und kocht. Oder mit Freundinnen. Weiblichkeit regiert sein 28jähriges Leben, Texte sind Tagebuch-Notizen, wie das Stück über eine verheiratete Frau in Schweden, in die er verliebt war und über Jahre mitansehen mußte, wie schlecht sie von ihrem Typen behandelt wurde, ihn aber trotzdem nicht verlassen hat. Seitdem JAY JAY in Frankreich, dem Land seiner größten Erfolge, zum Sexsymbol verklärt wird, läßt er es sich gutgehen und zieht jeden Morgen gutgelaunt haufenweise Briefe 14jähriger Mädchen aus dem Briefkasten. Sein erstes Publikum war College, dann kamen die Kinder und dann Menschen bis 50, die sich zwar an den DJ-Geräuschen stören, aber dafür seine Stimme lieben. JJJ ist multitask. Er malt, hat Anfragen von Galerien, will Mode machen und natürlich Film. Schon jetzt kontaktieren ihn täglich zunehmende Scharen von Filmemachern, darunter auch - potzblitz - Aki Kaurismäki und ein auf Cartoons basierender US-Familienentertainmentgigant, der hier nicht genannt werden soll. Hey, lets go big time. Milan, Madrid, Chicago, Paris. Mal sehen, ob wir dabei bleiben.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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