Bran Van 3000
show off / off limits
10.06.1998, 14:27, Text: Autor unbekannt
Circa eine halbe Stunde vorher: Die mitgebrachte Erwartungshaltung für BRAN VAN 3000 ist immens. Wer macht so was? So was wie das Debüt-Album der Band. Auf 'Glue' toben sich alle erdenklichen Styles aus. Von Soul zu Breakbeat über Trash zum Jazzy-Sein. Die Stilvielfalt mutet ähnlich an wie der Soundtrack zu dem Film, der abläuft, kurz bevor man stirbt. Alles passiert noch mal Revue, und hier kommt die klangliche Umsetzung. Nichts fehlt. Mal scheppernd, mal smooth werden die einzelnen Teile des coolen Patchworks zusammengesetzt. Man muß nicht Popmusik studiert haben, um bei diesem augenzwinkernden Sampling-Dschungel an BECK erinnert zu werden. Doch ist das Prinzip in einer derart fordernden Weise betrieben, daß es in bestimmten Momenten den Anschein hat, hier suche jemand am Radio den Sender.
An seiner Seite befinden sich bei BRAN VAN 3000 diverse Mitmusiker- und SängerInnen. Live stellen sie einen festen Stamm von neun Leuten und eröffneten in Europa vor MASSIVE ATTACK. Jeder repräsentiert dabei einen speziellen Style, der MC genauso wie die Soulsängerin. Ist das noch ein smartes Happening, fragt man sich, oder schon Angeberei? 'Du findest, daß es nach show off aussieht?' Di Salvio lächelt verschmitzt: 'Irgendwie sind wir natürlich schon Angeber.' Sagt es und weiß, daß man das BRAN VAN 3000 kaum als Schwäche auslegen wird. Das weitere Gespräch fördert ein immer umfangreicheres Namedropping zutage. Was wo wie zitiert wird. Für die nächste Platte allerdings wird in die Hand versprochen, den Schwerpunkt auf Rap und HipHop zu legen. Ob solchen Universalisten eine Spezialisierungsaussage dieser Art abzunehmen ist, bleibt fraglich. Aber was soll auch jetzt schon das Thema der nächsten Platte? Erst mal wichtig, mit der aktuellen umzugehen. Da ist allemal genug zu holen - und daß die Macher Leuchtreklame und Busen den Autonomen vorziehen, liegt sicher nur an schlechten Reisebroschüren.
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Real New Wave Party
---HIGHHOLYDISCOMASS comes to town---
Dass Punk und Disco weit mehr verbindet, als nur der Zeitpunkt ihres Entstehens, steht außer Frage. Wem Punk mehr bedeutet als tote Hose und für wen Disco alles andere als ein Schimpfwort ist, der weiß um die Schnittmenge dieser beiden Musikstile, die gleichzeitig beide auch Lebensgefühl waren und sind. Wunderbar beschrieben hat das gerade der englische „NME“ in einer Rezension zu Gossips neuem Album „Music for Men“. “Teenage Jesus and the Jerks crashing Studio 54“, so der Rezensent, vor dessen geistigem Auge beim Genuss von „Music for Men“ die genialen New Yorker No Wave-Dilettanten die wohl bekannteste Disco der Welt aufmischen.
Und auch Gossips dralle Gallionsfigur Beth Ditto selbst, eine Punk-Ikone des 21. Jahrhunderts, bringt es auf den Punkt sprich auf die Tanzfläche, wenn sie „For Keeps“ so erklärt: „I wanted it to be the ‚Don’t You Want Me’ of this record“. „Don’t You Want Me“ war bekanntlich der größte Dancefloor-Filler der Electro-Pioniere Human League.
Auch Arte erinnert sich gerade an die Zeit, als „Don’t You Want Me’ aus jeden Punkschuppen schallte und zu Nummer 25 der meistverkauften Singles aller Zeiten im UK wurde. So propagiert der TV-Sender den „Summer of the 80s“ und unternimmt eine Zeitreise in das Jahrzehnt, das uns Joy Division und New Order bescherte, Style Council und Prince, Duran Duran und Chic.
Grund genug für „HighHolyDiscoMass“. „HighHolyDiscoMass“ (übrigens ein Songtitel der ebenso wie Human League aus Sheffield stammenden Industrial-Avantgardisten Clock DVA) bittet nun mit Bands wie Cabaret Voltaire, Heaven 17, Shriekback, 400 Blows oder Gang of Four (just to name a few) einerseits die Creme de la Creme der 80er Jahre und der damaligen Post-Punk-Ära zum Tanz und schlägt andererseits mit neuen Helden wie Junior Boys, MGMT, Hercules and Love Affair oder White Lies (again just to name a few) die Brücke auf den Tanzboden des dritten Jahrtausends. Da bleibt dann mit David Bowie nur noch eins zu sagen: „Let’s dance!“




