Christoph Schlingensiefs Partei "Chance 2000"
Der Weg geht weiter, auch wenn das Ziel explodiert ist
07.06.1998, 18:20, Text: Autor unbekannt
Das führt ohne Umwege zum 37jährigen Christoph Schlingensief und seiner Partei "Chance 2000". Bei der Betrachtung von Schlingensiefs bis vor kurzem noch ausschließlich im virtuellen Raum von Film und Theater stattfindenden künstlerischen Aktionen (manche würden von Zumutungen sprechen) wurde stets deutlich, daß sich der Mann ganz hervorragend auf eine bestimmte Form von symbolhafter Selbstinszenierung versteht. Das zeigte sich vor allem bei den acht Folgen seiner Talkshow "Talk 2000", die einerseits versuchte, in alter Happening-Tradition Kunst und Leben zu kombinieren, und gleichzeitig darauf hin arbeitete, Talkshow-Mechanismen aufzuzeigen und bloßzustellen.
Von da bis zu einer "richtigen" Partei war es nicht mehr weit; "Partei der letzten Chance" zunächst, woraus sinnigerweise schließlich "Chance 2000" wurde, aber das Motto blieb: "Scheitern als Chance". Mancher wird sich aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen fragen, ob das nun wirklich ernst gemeint ist, oder ob es sich nur um eine weitere geschickte Selbstinszenierung des Herrn Schlingensief handelt, mit der er (ganz im Sinne Thomas Meyers vom Beginn des Textes) unseren real existierenden Politikern den Spiegel vorhalten will?! Eulenspiegelei also oder das ernsthafte Anliegen, etwas ändern zu wollen, und wenn, wie und was, das ist hier die Frage.
? Ist "Chance 2000" inzwischen eine Partei im klassischen Sinne, oder wie hat man sich das vorzustellen?
! "Chance" ist eine richtige Partei, die Unterschriften in Berlin sind gesammelt - über 2.000 muß man haben -, die Landesverbände sind gegründet, zehn insgesamt. Auf der einen Seite steht dabei der Mensch, der sich selber wählt mit der Namenskombination Chance Müller oder Müller Chance. Der wird von dem Verein "2000" unterstützt, den ich auch selber unterstütze. Wer nicht selber kandidieren will und lieber eine Partei wählt - als Referenzpartei, aber real teilnehmend -, der wählt dann "Chance 2000", also den Bundesvorsitzenden Herrn Schlingensief. Der gleichzeitig aber alles dafür tut, daß es noch mehr Leute gibt, die für sich selber kandidieren. Wir haben vielleicht fünf Direktkandidaten der Partei, ansonsten sporne ich alle an, unabhängig nur für sich mit dem Begriff "Chance" zu operieren. Ich möchte, daß das eine Selbstbewußtseinsmaschine wird, die man selber bedient. Wenn ich da nur als Messias rumturne, habe ich da wenig von. Davor will ich mich lieber schützen, bevor ich nachher bekanntgeben muß, daß ich keine Blinden heilen kann.
? Erwartet das tatsächlich jemand von dir?
! Ein paar Leute kommen mir wirklich so vor, wie bei der Bahnhofsmission in Hamburg oder auch hier im Zirkuszelt in Berlin. Da waren einige dabei, für die scheinbar die totale Revolution beginnt, aber die braucht natürlich auch immer einen Anführer, und da habe ich schon ein paar Leute enttäuscht. Da genau liegt ja auch der Fehler, daß man hinterher wieder nur sein Kreuzchen macht bei Leuten, die medienwirksam die bessere Führerfigur abgeben.
? Und das Buch "Chance 2000 - wähle dich selbst" fungiert als konkretes Parteiprogramm bzw. gibt eine Anleitung dazu?
! Das Buch ist ähnlich entstanden wie "Chance 2000", nämlich Hals über Kopf. Dadurch konnte man keine Kontrollmechanismen einbauen, sondern muß erst mal loslegen und kann dann später immer noch sehen, ob man sich total verrannt hat. Darin enthalten sind die Bundessatzung und auch Teile des Parteiprogramms, dann E-Mails von Leuten, die "Chance" geschrieben haben, Aufsätze vom Oberstaatsanwalt Kuhlbrodt, der hier in Berlin die Formalien der Parteiarbeit und auch die Spaltung miterlebt hat. Dann Texte von mir, die ich irgendwann mal losgelassen habe. Das Buch ist aber keine Abhandlung darüber, wie man unsere Gesellschaft mal gründlich verändern könnte - es ist keine Bibel. Deshalb stellt es auch keine Forderungen an einen, sondern sagt: Wir machen einfach mal was. Und das einzige, was die Leute wahrscheinlich noch richtig auf die Palme bringt, ist zu sagen: Beweise, daß du da bist, wähle dich selber, das Parteiprogramm bist du. Es ist kein besseres Parteiprogramm denkbar als das, was man in sich trägt. Aber man muß natürlich wissen, wer man ist. Von daher sind wir eine Partei, die wirklich extrem offen ist, und die nicht ein bestimmtes Endziel hat - wer bei uns ein Endziel hat, fliegt hochkant raus. Im Moment haben wir ca. 16.000 Mitglieder, und so viele Ziele haben wir auch. Natürlich kann ich die nicht alle kennen und habe auch nicht das Bestreben, die alle zu archivieren und dann mal den Querschnitt zu bilden.
? Und wo liegt der Reiz in diesem Partei-Ding? Ich meine, du bist nicht der erste, der abseits der etablierten Parteien so einen Versuch gestartet hat, da ist z. B. die APPD, die deine Bemühungen um Arbeitsplätze gar nicht so toll findet.
! Der Reiz liegt darin, eine außerparlamentarische Opposition mit dem Referenzmodell von Partei in Deutschland in einer für die 90er Jahre gemäßen Situation zu forcieren. Sich einfach mal bewußt zu verweigern und andere Bilder zu erzeugen: 2. August, 16 Uhr, sechs Millionen gehen mit ihren Sympathisanten baden im Wolfgangsee. Österreich ist jetzt schon aus dem Häuschen vor Aufregung. Oder daß man sich nach 16 Jahren Helmut Kohl auch mal 16 Stunden in der Wahlkabine überlegen darf, was man wählt. Das läuft für einige unter Spaßpartei, ich bin aber der Meinung, daß die Spaßparteien im Bundestag sitzen. Wenn die APPD meint, sie müßte am Ende alles versaufen und die Leute in Bierbüchsen auszahlen, dann ist mir das zu wenig. Weil ich meine Sachen immer länger betrachtet habe, und eine leer gesoffene Bierbüchse könnte ich mir nicht so leicht über mehrere Jahre angucken, jedenfalls nicht dieselbe. Die lustigen Arbeitslosen gibt es auch, aber die können mir total gestohlen bleiben. Denn ich kenne Leute, die sich umgebracht haben, weil sie keine Arbeit hatten. Arbeit ist nicht gleich Arbeit, und deshalb werden wir auch nie wieder alle Arbeit haben. Es gäbe erst für alle wieder Arbeit, wenn wir für eine Mark auf Knien die Straße sauberlecken und das zum Beruf erklären. Wenn das Arbeit sein soll, dann sollte man Arbeitslosigkeit als Beruf anerkennen.
? Kommt diese Message denn auch bei den Arbeitslosen an? In Sachsen-Anhalt hatte man ja eher den Eindruck, daß es auf den momentanen Politikfrust nur eine recht zweifelhafte Antwort gibt.
! Ich kann nicht abstreiten, daß ich das Ergebnis in Sachsen-Anhalt für die DVU hervorragend fand, weil das genau wegen der Politik zustande kam, die jetzt auch wieder weitergeht. Was da als Politik betrieben wird, ist eine absolute Vollverarschung. Es ist alles von vorne bis hinten funktionalisiert: Wählst du das, dann garantiere ich dir das. Die Bilder, die man uns dort zeigt, besitzen eigentlich gar keine Wahrheiten mehr, sondern sind nur noch Oberfläche, heruntergekommene Inszenierungen bzw. Täuschungsmanöver, so daß ich mir manchmal an den Kopf packe, daß das überhaupt noch jemand ernst nimmt. Wir sind gerade an einer Wendestelle, wo wir in allem latent die Totalinszenierung vermuten und manchmal sogar vorm Spiegel morgens das Gefühl nicht loswerden, daß man das gar nicht selber ist, der da rausglotzt.
? Was für Leute haben sich bisher "Chance 2000" angeschlossen?
! Alles querbeet, vom Totalbehinderten bis zu älteren Damen um die 50, die den Christoph ganz süß finden. Dann gibt es 16jährige Mädchen, die mich süß finden, aber auch junge Männer, die mich zwar scheiße, aber die Sache gut finden. Ziemlich viele Arbeitslose. Wir haben Leute dabei wie Joop, Harald Schmidt und Herbert Grönemeyer. Selbst im Ausland gibt es Leute, die das gut finden und sich melden. In Paris werden wir wahrscheinlich sogar ein Büro von "Chance" aufmachen.
? Wie wichtig ist denn die Prominenten-Ebene wie z. B. Joop für "Chance 2000". Hast du nicht Angst, da auch wieder nur funktionalisiert zu werden?
! Es soll mir mal irgend jemand sagen, wie man so ein Projekt finanzieren soll, da kriegst du keine Steuermark für. Ich hatte noch das Glück, daß ich das aus einer Theatersituation heraus gestartet habe, die durch Steuergelder finanziert wurde. Ich habe auch von Freunden vom Zirkus gehört, die gesagt haben: "Joop, das darf man nicht." Warum kann das nicht einfach in seinem Sinne schick sein, warum muß es direkt funktionalisiert sein: Wenn sie schon helfen wollen, dann bitte mit verbitterter Miene! Ich begebe mich natürlich in die Hände von Herrn Joop, der hier aber überhaupt keine Forderungen stellt. Er hat uns eine Summe überwiesen, und die war lebensrettend. Die ist jetzt aufgebraucht, und wir müssen uns wieder neues Geld besorgen. Der rasselt mit uns in dieses Vergnügen hinein, was er sogar als Vergnügen empfindet, und weiß genausowenig, was am Ende dabei herauskommt.
Wem das Interview nicht aufschlußreich genug erscheint, kann sich auch unter http://www.chance2000.com über die Aktivitäten der Schlingensief-Partei informieren bzw. sollte das bei "Kiepenheuer & Witsch" erschienene "Chance 2000"-Buch zur Hand nehmen. Ansonsten sehen wir uns alle hoffentlich am 2. August um 16 Uhr im Wolfgangsee wieder - Badehose nicht vergessen!
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