Ulf Poschardt

Bücher: ein Frage-Antwort-Spiel

05.06.1998, 16:04, Text: Autor unbekannt

Poschardts Art, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, war beide Male ähnlich. Im Interview, das in seinem Büro stattfindet (weiße 70er-Kunstledersofas, ein großer Glasaschenbecher, ein rotes Plakat: Rainald Goetz' Frankfurter Vorlesungen zu Rave), meint er über 'DJ Culture', da habe er sich 'voll' in die Geschichte 'reinplumpsen lassen', nachdem klar geworden sei, 'was es alles zu entdecken gibt'. Und was die Mode betrifft, spricht er von dem 'Versuch, aus ihr selbst heraus ihre Geschichtlichkeit zu beschreiben' und 'in die Materie selbst hineinzukriechen'. Deshalb die Frage: Wie kommt es, daß die Mode - wenn ich das mal so zweideutig formulieren darf - weniger stark ist?
Der Titel ist 'Anpassen'.

Erzählt wird eine Geschichte in drei Teilen ('Dreiteilung? Trivialdialektik!'). Der Beschreibung, wie die Mode seit dem 18. Jahrhundert zur 'Konstruktion bürgerlicher Identität' beitrug, folgt ein mit 'Gegenkonstrukte' überschriebener Teil, der das Verhältnis künstlerischer und subkultureller Avantgarden des 20. Jahrhunderts zur Kleidung zum Gegenstand hat. Im letzten Teil, dem mit Abstand interessantesten des Buches, greift Poschardt nach Erklärungen dafür, daß nach Punk Ende der 70er Jahre diese Gegenkonstrukte in der Haute-Couture- und Prêt-à-porter-Modewelt aufgegriffen wurden und heute nicht mehr aus ihr wegzudenken sind (Westwood, Gaultier, Galliano, McQueen ...). Labels wie Comme des Garçons, Dolce & Gabbana, Helmut Lang und Martin Margiela werden dort vorgestellt und zwar mit dem Fokus auf so verschiedene Gesichtspunkte wie Eleganz, Melancholie, Askese, Narzißmus, Selbstzerstörung oder auch Coolness. Poschardt skizziert diese Beziehungen zwischen Labels und Gegenwarts-Ideen, 90er-Lebensphilosophien im Rahmen einer oft geradezu erschlagenden Ansammlung von Theoriezitaten (von Hegel bis Luhmann niemand, den man wirklich vermissen müßte). Poschardts Erzählstil ist dabei um Souveränität bemüht, sehr substantivlastig gehalten. - Warum ist die Mode dennoch schwach? Ohne etwas entschuldigen zu wollen, vielleicht muß man Bücher mit der folgenden Unterscheidung betrachten: Klären sie eher Fragen oder werfen sie welche auf? Wobei klar ist, daß prinzipiell Fragen gestellt werden müssen, um Antworten überhaupt sinnvoll zu machen - solcherart Fragen sind hier nicht gemeint. Gemeint sind die Fragen, die sich beim Lesen (oder auch Schreiben) eines Textes ergeben, die einfach auftreten oder auch in Kauf genommen werden, und die sich nicht erschöpfen lassen in Antwortversuchen. Die einfach stärker bleiben.
'Anpassen' steht auf dieser Seite der stärkeren Fragen. Ich habe es getestet: Wenn 'Anpassen' ein im Sinne von Antworten starkes Buch ist, dann müßte es eigentlich als das kulturhistorische, kulturkritische, kulturtheoretische Buch, um das es sich dabei zweifellos handelt, auch die Frage nach der Casualness beantworten. Und tatsächlich findet sich im ersten Teil ein Kapitel zum Thema. Casualness, verstanden als die Einstellung zu bequemer, lässig ausschauender Kleidung mit Stil, ist mit Sicherheit eine DER 90er-Jahre-Attitudes. Es gibt etliche Bilder, die sie zugleich repräsentieren und erzeugen, diese ganzen coolen Skater und Snowboarder etwa. Oder Max Cherry aus 'Jackie Brown': eine Phantasie von amerikanischer Entspanntheit, von Coolness ohne Aufgeregtheit. Casualness - das ist so ein Gefühl, und ich würde gerne mehr darüber lesen. Nicht in 'Anpassen'. Was sich bei Poschardt findet, hat nichts mit diesen Casual-Gefühlswelten zu tun. Casual, das heißt bei ihm: die Geschichte von 'Levi's' als Markenware und der Jeans überhaupt als Bedeutungsträger. Während die Beschäftigung mit der Marke das Thema Abgrenzung/Distinktion aufwirft (Poschardt geht es ungeheuer gut an in zwei späteren Kapiteln, 'Microfashion' und 'I shop therefore I am' feat. Versace, Cher Horowitz aus 'Clueless', Bret Easton Ellis und die ganze Bande), verbleibt die Bedeutung der Jeans allgemein als Zeichen - historisch betrachtet! - lange Zeit beim Wilden Westen, bei Freiheit und einer Vorstellung von Gleichheit, die Individualismus nicht ausschließt, sondern braucht. Ein riesiges Rebellionspotential hing da mit dran, man denke nur an die 50er Jahre. Heute sei die Jeans in Bedeutungshinsicht jedoch so etwas wie ein leerer Container. Alle tragen sie. Alle denken sich dazu, was ihnen gerade so einfällt. Am häufigsten wahrscheinlich 'sexy!' Nicht gerade eine befriedigende Antwort auf meine Frage!

! Ich denke, das Modebuch ist dann gelungen, wenn man merkt, daß in ihm eine viele größere Verunsicherung darüber, was man mit Sprache anrichtet, steckt als bei 'DJ Culture'. Es sind viel stärkere Relativierungen drin, es ist nachdenklicher und darker und weniger zuversichtlich.

? Du hast deine Arbeitsweise diesmal nicht - wie bei 'DJ Culture' - als 'parasitär' bezeichnet. Aber wie groß deine Nähe zur Mode ist, merkt man dennoch daran, daß sich am Ende so eine Unentschiedenheit breitmacht: Sollst du jetzt in der Mode Hoffnungen sehen? Dann hast du da auch einen Kommunikationsbegriff, der mir nicht klar ist ...
! Ich habe nicht das Gefühl, daß es unentschieden ist. Ich denke, es ist genau und ambivalent zugleich. Das gefällt mir ja auch an Mode so gut: Die Ungenauigkeit ihrer Kommunikation bildet die Wirklichkeit der Kommunikation am besten ab. Sie zeigt, wie wir immer aneinander vorbeireden. Präzise Kommunikation ist zwar wünschenswert, aber sie ist eine Utopie. Ich wüßte nicht, welche Entschiedenheit es hätte sein können, die ich da ans Ende hätte setzen können. Ich weiß auch nicht, woher in der Zeit, in der wir gerade sind, eine solche Entschiedenheit hätte kommen sollen. Ich bewundere Leute, die sie haben, aber ich habe keine Ahnung, wo sie sein soll.

? Das ist doch eine gute Voraussetzung für einen Magazin-Macher, du bleibst neugierig.
! Ja klar. Natürlich. Ich finde es spannend ohne Ende. Sonst würde man sich auch nicht so lange mit solchen Sachen auseinandersetzen. Aber ich fände es schlimm ... Deswegen trifft mich das Wort von dir richtig, weil ich finde, 'unentschieden' hat so einen doppelten Klang. Das heißt, man hat sich nicht entschieden, oder es ist ein Unentschieden wie beim Fußball, so ein 1:1. Und beides finde ich irgendwie ..., also, ich finde, die große Entscheidung des Buches ist, DASS es ein Buch zu dem Thema ist. Muß sich ein Buch überhaupt entscheiden? Es muß sich für Ernsthaftigkeit entscheiden, für viel Arbeit, für einen Drive, einen Flow. Ich weiß nicht, ob es sich ENTSCHEIDEN muß, das klingt so nach der Weisheit letztem Schluß. Ich habe ja sogar den letzten Satz in eine Fußnote gesetzt.

? Fand ich schlau.
! Ich versuche halt - und da muß ich mich befreien, weil ich wohl eigentlich eher ein konservativer Mensch bin - Schritt für Schritt zu gehen und zu schauen, was möglich ist. Und gleichzeitig muß ich aber das Gefühl haben, daß ich mich dabei nicht auflöse. Ich denke, das ist die große Gefahr, wenn man sich einem so großen Thema andient: Daß man sich beim Aufgehen im Thema total auflöst. Deshalb ist die Unentschiedenheit eine riesige Gefahr bei der Materialfülle, die dir begegnet.

? Unentschiedenheit, damit meinte ich: Was wird hier unter Kommunikation verstanden? Was soll da stattfinden? Konstruiert Mode Abgrenzungsmöglichkeiten? Erkennt man sich über den Umweg der Abgrenzung? Oder fehlt hier das Sich-Verstehen doch?
! Da gibt es kein Entweder-Oder. Da kann es gar keine Entschiedenheit geben. Die Form, wie Mode kommuniziert ..., also, das Buch versucht ja auch sinnlich zu sein, das hat sozusagen auch eine sinnliche Attitude ... Und das wird einem klar bei so einer Momentaufnahme: Wenn du in einem Club stehst, und vor dir steht eine Frau, da ist ein brauner Rücken und da sind vier Sommersprossen und da ist ein weißes Muskel-T-Shirt und eine schwarze Aufschrift von Ann Demeulemeester, und ein Licht fällt gerade darauf ... Und wenn du dann die Frage stellst, was dir das kommuniziert, dann kannst du irgendwie mit einem Hölderlin-Gedicht anfangen, mit einem Foto von Juergen Teller. Du kannst aber auch sagen, das ist für mich ein Gebet, das ist für mich die Frau, mit der ich gleich reden werde ... Du mußt ja im Grunde genommen nur da der Sache nachgehen, wo du selber eine Erfahrung hast. Wo du merkst: Mein Gott, da kickt mich jetzt gerade etwas TOTAL an. Und wenn du DANN zu einer Entschiedenheit kommst und sagst, ich weiß aber genau, was mir da kommuniziert wird, dann hast du es sozusagen einfach, ein Buch zu machen.
[Gedankenblase: ... ein Buch zu machen, das Antworten geben möchte!] Anders als 'DJ Culture', das sich an einem großen Stamm entlanghangelt, sage ich mal, ist das eines, das wirklich viele Sprachen hat. Und dadurch schimmert natürlich auch der Kommunikationsbegriff. Aber ich kann am Schimmern nichts Negatives finden. Ich fände es nur problematisch, wenn es dich abtörnt oder du das Gefühl hättest, es sei zu konfus. Aber wenn es gewissermaßen verschiedene Facetten und verschiedene Einstellungen zu diesem Phänomen hat, dann, würde ich sagen, ist das die Unentschiedenheit von Dreidimensionalität.
Hier Dreidimensionalität, dort Fortschritt: In 'DJ Culture' liegt er in dieser Kultur, in der Ästhetik der DJ-Musik. Am Ende, beim 'Leben in der Subkultur', geht deshalb die 'Morgensonne' in ihren schönsten Farben auf. So funktioniert das Antwort-Buch im Hinblick auf Theorie, im Hinblick auf den Nachschlagewerkcharakter war das sowieso klar. 'Anpassen' dagegen wirft Fragen auf - und läßt sie offen. Das ist zwar unangenehmer zu lesen, aber auch spannend. Beziehungsweise: Das würde gar nichts ausmachen, wenn nicht Poschardts Erzählstil so dermaßen auf das Antwortengeben ausgelegt wäre. Nur weil der Text dieses Versprechen seines Stils nicht einlösen kann, macht die Mode hier einen schwächlichen Eindruck.
Eigentlich ist es aber so: 'Einzig die Musik schafft es auf ähnlich populäre Weise hart und zart, banal und elitär, eisig und romantisch, hart und mitfühlend zugleich zu sein.' Und beide können 'tiefgründiges Wissen verbreiten, ohne selbst davon zu wissen'. Hört sich seltsam an, ist wohl aber so ähnlich, wie Wissen, das die Gestalt von Fragezeichen hat. Wie in 'Anpassen'. (Das SZ-Magazin ist dafür ja um so antwortenstärker.)

Ulf Poschardt:


  • DJ Culture - Diskjockeys und Popkultur, rororo-Sachbuch (ISBN 3-499-60227-X), DM 25,-
    Anpassen, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins (ISBN 3-8077-0184-2), DM 33,-

  • Mehr zu Poschardt und einer Reihe anderer aktueller Autoren und auch Musiker in dem Ende August erscheinenden Buch von Jochen Bonz: 'Meinecke, Mayer, Musik erzählt'.




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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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