Zen Guerilla

Knittergesichter maßgeschneidert

02.06.1998, 19:55, Text: Autor unbekannt

Und jetzt scheint es wieder an der Zeit. Zigarettenfirmen pflastern im amerikanischen Rolling Stone knapp zehn Seiten mit alten 'kernigen' Blues-Helden. Imagewerbung in Perfektion! Knittergesichter von der Stange. Da muß man doch zum Glimmstengel greifen. Das 'Fat Possum'-Label unter der Hand von 'Epitaph' ist mit seinen bereits seit ein paar Jahren existenten Blues-Ausgrabungen natürlich ganz weit vorne. Eine neue Label-Compilation trägt den Titel 'Not The Same Old Blues Crap'.
Marcus Durant, Sänger und Gitarrist von ZEN GUERILLA, weiß nur zu gut, was damit gemeint ist. In den 80ern zu Hause mit Blues und Soul aufgewachsen, mußte er sich die Roots - wie die meisten seiner Altersgenossen - nicht erst über Secondhandläden besorgen.

Er kennt sich aus. 'Der Todesstoß für den Blues ist meines Erachtens, wenn man sich auf die gängigen Schemata verläßt und meint, das wäre alles. Gerade der Blues lebt von Charakteren und Persönlichkeit. Man muß die Strukturen dazu nutzen, etwas Eigenes zu schaffen. Wer nur müde sein 12-Takt-Schema runterleiert, kann sich gleich einäschern lassen. Das hat mit wirklichem Blues nix zu tun.' Bei der Gründung von ZEN GUERILLA ging es Marcus Anfang der 90er aber doch vor allem darum, möglichst weit weg von diesen Roots zu musizieren. 'Ein natürliches Verhalten in dem Alter', wie er trocken meint. 'Wir wollten mit Sounds und Noise experimentieren.' Die Extreme eben - kennt man aus der eigenen Vergangenheit ja nur zu gut -, die Sozialisation hatte vor frühem Hardrock (von FOGHAT bis IRON MAIDEN und RONNIE JAMES DIO) genausowenig haltgemacht wie vor Weirdo-Noise Marke BUTTHOLE SURFERS. Hauptsache, abgefahren und heftig. 'Jetzt gehen wir gewissermaßen wieder einen Schritt zurück, allerdings mit einer anderen Einstellung. Jede Kunstform braucht irgendwann eine Verjüngungskur, sonst trocknet sie schlichtweg aus. Blues, Gospel und Soul sind mir aber definitiv zu wichtig, um sie müde aussterben zu lassen.'
Gesagt, getan. Mit ihrem vierten Album 'Positronic Raygun' sind die Neu-San Franciscoler einen gewaltigen Schritt weitergekommen auf ihrem Weg 'to strip it down'. Der Wahrheit ins Auge schauen, die verschleiernden Effekte beiseite räumen, um wirklich zu zeigen, was Sache ist. Ob sie damit den Blues-Nerv der Massen treffen, steht auf einem anderen Papier. Doch wie sagt Marcus zum Schluß so schön: 'Wir brauchen keinen Doppeldecker-Tourbus mit Video und all dem Scheiß, wenn es auch ein kleiner VW-Bus tut.' Eben. Solange nur das Tapedeck mit der LITTLE RICHARDS-Livekassette funktioniert.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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