Bernard Butler

Apostel der Rocksitten

01.06.1998, 22:45, Text: Autor unbekannt

'Was mir an britischer Musik stinkt, ist, daß die Musiker so selbstgefällig und arrogant sind. Hat denen keiner gesagt, daß Rock'n'Roll als Weltanschauung überholt ist? In den Sechzigern hatte diese Kultur eine Bedeutung, weil es das erste Mal war, daß Leute versuchten, etwa über Drogen zu Kreativität zu finden. Heute kann es für Musiker nicht mehr darum gehen, Posen einzunehmen und gesellschaftlich zu polarisieren, sondern nur darum, stilvoll Musik als Ausdrucksform zu nutzen.' Da hat sich einer Gedanken gemacht. Oder benutzt BUTLER seine Rolle als Moralapostel gegen den Verfall der Rocksitten, um Fragen nach den eigenen Defiziten zuvorzukommen? Er sagt: 'OASIS und diese Angeber haben nicht verstanden, daß wir in den Neunzigern leben.

Frauen sind emanzipiert, und Männer dürfen Gefühle zeigen. Die Gallaghers sind ein Spiegelbild der britischen Gesellschaft, die immer noch dieses viktorianische Geschlechterdenken im Kopf hat. Die Pest!' Die Songs auf 'People Move On' handeln von menschlichen Defiziten. BUTLER mimt den sentimentalen Anti-Star. Ein Mann, der echte Gefühle zeigen kann. 'Vergleiche den Titels meines Albums mit dem des letzten SUEDE-Albums: 'Coming Up'. Da merkt man, daß da grundsätzliche Unterschiede in der Attitüde vorherrschen. Ich versuche, den Musiker hinter dem Star zu zeigen.'
Apropos: Star. Wie kommt der Gitarrist mit seiner neuen Rolle als Frontmann zurecht? 'Bis vor dem ersten Konzert habe ich darüber nicht nachgedacht. Da war ich kurz nervös, dann war es okay. Dinge passieren, wie sie passieren sollen. Ich glaube, kein Musiker denkt über seine Funktion wirklich nach. Man füllt sie einfach aus. Außer David McAlmont, der denkt dauernd darüber nach, was für ein cooler Frontmann er ist!' Bereits Wochen vor der Veröffentlichung von 'People Move On' war London gepflastert mit dem Coverfoto der CD: einem düster dreinblickenden BERNARD BUTLER. 'Zuerst war ich geschockt. Dann dachte ich: 'Das bist nicht du, das ist nur ein Foto von dir.' Ein Image.' Und gleichzeitig ein Stellvertreter für BUTLERs orchestralen BritPop, der in sehr überzeugender Form die BEATLES und DAVID BOWIE zitiert. Sein Songwriting ist klassisch. Urtypisch britisch. Und doch: 'Ich habe während der letzten zwei Jahre viel NEIL YOUNG gehört, weil ich nach einem Orientierungspunkt für meinen Gesang suchte. Ich liebe sein simples und doch unerhört tiefgehendes Songwriting.' Also: BritPop moves on!



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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