Sensorama
Locker gemacht
01.06.1998, 20:31, Text: Autor unbekannt
SENSORAMAs 'Klangfabrik'-Studio liegt lauschig in einem hellen Hinterhof und war früher mal das Mehllager einer Bäckerei. Jörn schmeißt eine Dubreggae-CD in den Studio-Player: 'Roman kommt auch gleich. Willst du einen Tee?' Die beiden netten Jungs sind in der Frankfurter Techno-Klangbranche verstrickt in einen Wust von Projekten und Kooperationen: 'Angefangen hat alles so um 1992 mit ACID JESUS und klassischen Detroit-Sachen', erzählt Roman nach seiner Ankunft in dem Zwei-Zimmer-plus-Klo-Studio: 'Als ALTER EGO haben wir dann über SVEN VÄTH auf 'Harthouse' veröffentlicht - und dazwischen gab es immer mal wieder Solo-Maxis.' Erfolgreichstes Projekt der beiden ist jedoch SENSORAMA.
Roman, der früher mal Schlagzeuger war, fand schon 'mit 13 oder 14' KRAFTWERK gut. 'Das sagt natürlich jeder, aber es stimmt wirklich. Und später habe ich dann nicht NENA gehört, sondern eben DAF und DEPECHE MODE.' In der Zeit bekam Jörn von seinem Internats-Zimmernachbarn JOY DIVISION- und HUMAN LEAGUE-Platten vorgespielt. 'Ich hab damals das 'Sounds' gelesen mit den ganzen New Wave-Berichten, und ich wußte sofort: 'Ich will Popstar werden.'' Als er 1991 Roman kennenlernte, ging es zu zweit los damit. 'Denn so etwas alleine durchzustehen ist echt viel schwieriger', sagt Roman. 'Entscheidend war für uns vor sechs Jahren der Kontakt zu ATA und HEIKO M/S/O im Frankfurter 'Delirium', die als erstes Platten von uns rausgebracht haben.' Damals klangen die Werke der beiden so anders als das übliche Hardtrance-Gewaber des 'Sound of Frankfurt', daß sie erst mal auf Unverständnis stießen. Gleichzeitig aber wirkte ebendieses dominante Rave- und Großraum-Club-Umfeld - im Gegensatz zu vergleichbaren Produzenten aus Hamburg oder Köln - stark prägend: 'So eine Zehn-Stunden-Abfahrt ist etwas anderes als ein Wohnzimmer-Hör-Event', sagt Jörn. 'Das Club-Erlebnis war eine wahnsinnige Befreiung für uns, wir haben uns auf der Tanzfläche erst mal locker gemacht. Die Hamburger dagegen haben immer so eine Lo-fi-Trash-Haltung, während die Kölner etwas genauer, ernster und präziser sind. Diese Gegend ist für uns nach wie vor ein fruchtbares Feld.'
Zu diesem fruchtbaren Feld gehören auch die drei Labels, in die Roman und Jörn zusammen mit DJ ATA und HEIKO M/S/O involviert sind: 'Playhouse' mit seiner 'eigenen Vision von Deep House' (Jörn) und US-Lizensierungen wie dem landesweiten Superhit 'Lovelee Dae' von BLAZE. 'Klang Elektronik' mit experimentaler Elektronik, Detroit-Stuff und Engländern wie IL.EK.TRO. 'Und 'Ongaku', das japanische Wort für 'Musik', für reinen, harten Club-Techno', sagt Jörn. Später, auf der Fahrt nach Frankfurt ins 'Ongaku'-Office, glänzt dazu passend der Pharma-Riese Merck, Erfinder von MDMA, in der Nachmittagssonne. 'Wenn die nicht gewesen wären', sagt Jörn hinterm Steuer seines Citroëns, 'dann säßen wir jetzt wahrscheinlich nicht zusammen im Auto.'
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