Addict

Brit-Rock statt Blair-Pop

11.05.1998, 13:36, Text: Autor unbekannt

Der kaugummikauende Haargel-Smartie von der US-Immigrations-Behörde guckt interessiert, als er den Paß zurückgibt: 'ADDICT? Wie BUSH? Klingt gut, Mann, I'll check'em out.' Die USA sind das Mutterland der Rockmusik, und eine anschauliche Demonstration dieses Umstandes gibt es gleich bei der Einreise. 'Hier existiert einfach eine lange Rock-Historie, die tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt ist, und die jeder mitverfolgt', sagt ADDICT-Drummer Luke Bullen, 25. Wohl mit ein Grund dafür, daß seine Band auf der anderen Seite des großen Teichs ihr Sprungbrett für den Satz in die Alternative-Charts dieser Welt aufgebaut hat. ADDICT sind zwar aus Großbritannien - aber mit Tanzmusik-Tamtam oder gar BLUR-Brit-Blair-Pop haben sie nichts am Hut.

Dann doch eher mit SOUNDGARDEN oder den SCREAMING TREES: Man pflegt das große Riff, die kontrollierte Drum-Explosion und den rauhkehligen Gesang über die dunklen Seite der menschlichen Psyche - und zwar vorerst mit USA-Schwerpunkt. Klingt wie BUSH? Ganz genau, denn Vergleiche mit den Brit-Rockern, die mit ihren US-kompatiblen Klängen erst im Mutterland der Holzfäller-Hemden und zerschlissenen Stratocaster-Gitarren so richtig erfolgreich wurden, müssen sich die vier sympathischen Jungs von ADDICT schon gefallen lassen. Und zwar in mehr als nur vertriebstaktischer Hinsicht.
Gegen das ständige BUSH-Gelaber verwahrt sich Sänger Mark natürlich vehement: 'Weißt du, es geht uns mehr um Bands wie LED ZEPPELIN oder die STONES. Die waren erfolgreich in England und dann auch im Rest der Welt. Das wollen wir auch so machen. BUSH dagegen sind einfach in die USA gekommen, waren hier erfolgreich und sonst nirgendwo so richtig. Die Vergleiche werden nur so lange anhalten, bis die Leute wissen, wer wir wirklich sind.' ADDICT sind vor allem die Sandkasten-Kumpels Mark und Bassist James Denham, 28, die 'seit Ewigkeiten' zusammen Musik machen. Vor fünf Jahren trafen sie in London den 28jährigen Nikolaj Juel, der aus Dänemark zuzog, 'um mein Glück zu machen - oder eher auszugeben.' Das bestand - noch vor der ersten ADDICT-Veröffentlichung - vor allem darin, daß er seine Gitarre auf der letzten HEATHER NOVA-Platte schwingen durfte. Als dann vor drei Jahren noch Drummer Luke und kurz darauf ein Plattenvertrag mit 'Big Cat' zu der Besatzung stießen, war die rosige Zukunft komplett. Zur Produktion des dann anstehenden Debüt-Albums 'Stones' setzte man sich kurzerhand ab zum Ex-Rick Rubin-Engineer David Bianco (Luke: 'Er produziert unglaublich ... fett.') ins sonnige Hollywood, wo die Menschen laut Sänger Mark 'entspannter, mehr 'laid back' und auch offener für unsere Musik sind. In Großbritannien reagieren die Leute viel zurückhaltender.' So bricht denn die britische Provenienz nur noch bei Marks BEATLES-Pottschnitt durch - zu heimischen Pop-Phänomenen dagegen haben die vier eher distanzierte Haltungen: 'Britpop hat schon viel für britische Musik getan', erklärt Gitarrist Nikolaj. 'Vorher war einfach fast alles auf die Rave-Kultur aufgebaut. Aber Britpop ist sehr UK-zentriert, und wir hatten eine breitere Perspektive. Wenn Britpop die BEATLES ist, dann sind wir wohl eher die STONES.' Marks recht düstere Texte über gescheiterte Beziehungen und gestrandete Menschen wird man auf der nächsten Produktion nicht mehr zu hören bekommen: 'Bestimmte Sachen kommen zu bestimmten Zeiten zur Sprache. Die meisten Lyrics habe ich vor zwei bis drei Jahren geschrieben - und damals ging es mir einfach nicht so gut. Die neueren Sachen werden sich wohl positiver anhören, weil ich heute ein positiverer Mensch bin.'
Die neue Entspanntheit mag auch mit den regelmäßigen Aufenthalten im schönen Kalifornien zu tun haben, wo bei ADDICT-Konzerten Menschen in Mega-Baggy-Boller-Pants astreine ElectricBoogie-Moves zu den Post-Grunge-Gitarren hinlegen. 'Wieso habt ihr eigentlich keine eigenen Softdrinks in Europa?' fragte dann dieser Homeboy vor dem Club mit unwissender Unschuld: 'Und was ist noch deutsch außer Heineken und BMW?' - 'Nach den neuesten Entwicklungen: Rolls Royce' wäre wohl, vom Fauxpas mit dem holländischen Bier mal abgesehen, eine passende Antwort gewesen. Doch neben der Welt-Offenheit des weitgereisten Europäers wird sich hoffentlich auch ein kleines Detail des bandinternen Dresscodes nicht an die US-Zielgruppe anpassen: Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage im netten Gesprächskreis vor dem Konzert-Venue trugen, dem Ami-Klischee entsprechend, 100 Prozent der Anwesenden unstylishe weiße Socken - Frauen inklusive. Die Band zeigte sich ob der Beobachtungs-Ergebnisse entsetzt. Luke: 'Ich trage überhaupt nie, auf keinen Fall, niemals weiße Socken! Letztlich ist es wohl das, was uns wirklich von den Amis unterscheidet ...'



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aus Intro #55 (Juni 1998)
 
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