Lion Rock

Die Trauer einer Pop-Ikone?

17.04.1998, 20:38, Text: Autor unbekannt

Oder hat er heimlich doch beschlossen, mitzuspielen im televisionären Produktionsprozeß jugendlicher Lifestyle-Codes? Immerhin ist 'Rude Boy Rock', die Single vom neuen Album 'City Delirious', schon zu Top-of-the-Pops-Ehren gekommen. 'Ja, natürlich!' lacht der auch als Remixer hochgeschätzte Robertson. 'Ich bin hier, um endlich Ruhm einzuheimsen und eine Jugendikone zu werden. Aber andererseits: Ich bin 39 Jahre alt, ich kann keine Jugendikone mehr werden.' Doch das Leben geht seltsame Wege, und deshalb sollte man für alles gerüstet sein.
Seltsame Wege ging auch 'City Delirious', denn bereits vor einem knappen Jahr hätte das Album das gleißende Licht der Pop-Welt erblicken sollen, nachdem die Single 'Wet Roads Glistened' schon gebührend auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Doch kurz vor der Veröffentlichung wurde Robertson von jener Unzufriedenheit ergriffen, die ihm verläßlich anzeigt, daß seine Arbeit noch nicht zu Ende gebracht ist: 'Es hat sich nicht richtig angefühlt. Also habe ich mehr als die Hälfte der Tracks rausgeworfen und neue geschrieben.' Herausgekommen ist dabei eine vorwiegend instrumentale Reise durch Räume und Zeiten der Popmusik. Trashige Beat-Anklänge und Ska-Vibes liefern den historischen Rahmen, vor dem sich sperrige House-Grooves an milde durchgeknallten Daddeleien zwischen Jazzfunk und EasyListening reiben. Robertson verfügt über einen Horizont und ein Stilempfinden, die es ihm ermöglichen, die Fäden selbst dann noch in der Hand zu halten, wenn sich Krautgrooves mit den poetischen Ausflügen von MC Buzz B vermischen. 'Meine Tracks sind als Schnappschüsse zu verstehen, als Audio-Dokumente. In Manchester finde ich immer wieder bauliche Strukturen oder Szenen, die ich zu beschreiben versuche. Natürlich, wenn du Texte schreibst, machst du sehr deutlich, worum es dir geht. Das ist mit Instrumentalmusik etwas schwieriger, aber für mich ist das eine erfüllende Aufgabe.' Geprägt war die Arbeit vor allem durch den Tod von Robertsons Mutter kurz vor dem Erscheinen des ersten Albums 'An Instinct For Detection'. 'Das nahm mir die Freude am Leben', relativiert er endgültig das eitle Treiben im Hintergrund. 'Aber anstelle einer dunklen, brutalen Platte wollte ich lieber etwas machen, das mich wieder hochbringt. Meine Mutter war ein sehr positiver Mensch, und sie hätte sicher nicht gewollt, daß ich rumsitze und mich selbst bedaure. Ich habe während dieser Zeit meinen Spaß wiedergefunden, und der ist das Wichtigste beim Musikmachen.' Dazu kann man ihn nur beglückwünschen und heimlich hoffen, daß er seinen Entschluß, in absehbarer Zukunft nicht auf Tour zu gehen, noch einmal überdenkt.



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aus Intro #54 (Mai 1998)
 
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