Sonic Youth

An dem Tag, an dem du Versace-Modell wirst, ist alles vorbei

09.04.1998, 11:45, Text: Autor unbekannt


? Ist es nicht schwer, mit einem Liebespaar in einer Band zu spielen?
S: [Pause] Nein. Die beiden streiten sich eigentlich gar nicht ...
K: ... nun ja, Thurston hat manchmal seine Tage. Aber wie die meisten Paare in einer Band versuchen wir, die Sache nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es ist schließlich wichtig, uns persönlich keine Sonderrechte einzuräumen, die andere auch nicht haben.

? YO LA TENGO haben da so ihre Probleme. Wenn die den Bassisten James McNew nicht hätten ... K: ... ich dachte, Ira und Georgia wären das Paar, das nie streitet.
S: Oh doch, da geht's manchmal ganz schön rund. Nein, ich scherze, die sind klasse, aber sie diskutieren sehr ausgiebig.

? LOU REED hat einmal gesagt, New York sei der einzige Ort, an dem er wirklich kreativ sein könne.

Brauchen auch SONIC YOUTH diesen Mikrokosmos, um Innovationen freizusetzen? S: New York macht abhängig. Mir gefallen Städte überall auf der Welt, aber ich muß immer wieder zurück. Ich habe gerade sechs Monate in Los Angeles gelebt. Nur um etwas anderes kennenzulernen. Aber wir kommen alle nicht gebürtig aus New York, und vielleicht ist unsere Abhängigkeit noch nicht so ausgeprägt wie die von LOU.
K: Die Legende von der riesigen Künstlerstadt, wie? Genaugenommen halten wir uns nur in einer Bar regelmäßig auf. Der Besitzer setzt auf eine Mischung aus Kneipe und Djaying. Da kommen Jazzmusiker, Autoren und Rocker hin. Es ist wirklich nicht schwer, die Szene von New York zu finden und festzustellen, wie klein sie ist, wenn man den Club kennt.
? Das Phänomen SONIC YOUTH besteht darin, daß die Band mit jeder ihrer Platten in der Lage ist, eine neue Hörerschaft für sich zu gewinnen. Nicht so wie andere Gitarrenbands, die für ein bestimmtes Genre stehen. Wie fühlt man sich als Kultband?
S: Nett. Ich mag Meinungen von anderen Leuten, insbesondere über SONIC YOUTH. Aber es ist hart, sich Gedanken darüber zu machen, wie man zu dem steht, was andere über einen denken. Manche Leute meinen, wir sind zu erfolgreich für eine Kultband. Innerhalb der Band reden wir über so was nicht. Wir machen das, was wir seit 15 Jahren machen: proben, aufnehmen, mixen, experimentieren, Shows spielen. Uns macht es Spaß, Musiker zu sein.
? Ihr habt euch zum neuen Album ein Studio in Manhattan eingerichtet. Wo liegt der Vorteil?
S: Es ist ein 16-Spur-Studio, in dem wir per Multitrack-Tape ganze Sessions mitschneiden können. So geht nichts verloren, was sich eventuell für einen Song eignen könnte. Manchmal findet man Elemente, die man ohne das Tape gar nicht mitbekommen hätte.

? Das neue Album wurde von Wharton Thiers und Don Fleming aufgenommen. Brauchen SONIC YOUTH wirklich noch Produzenten? K: Don ist ein guter Freund, er kümmerte sich ein oder zwei Tage um den Gesangssound, war also nur kurz dabei, um Detailfragen zu klären. Wharton ist ein sehr lieber Mensch, der die gesamte Zeit im Studio wachte und unsere Sessions mitschnitt. Er war mehr als Engineer denn als Produzent dabei. Wir brauchten einfach Leute mit Know-how, die uns bei dem Unternehmen im eigenen Studio zur Seite standen. Ohne sie hätten wir uns in dem Chaos nie zurechtgefunden.

? In Deutschland ist soeben das dritte Album auf eurem bandeigenen Label 'Grand Harbour' erschienen. Eine Zusammenarbeit von SONIC YOUTH mit Ex-GASTR DEL SOL-Gitarrist JIM O'ROURKE. Worin unterscheiden sich die 'Grand Harbour'-Veröffentlichungen im Vergleich zu den Alben beim Major 'Geffen'? K: Es sind sehr schräge, manchmal durchgedrehte oder auch uneinheitliche Sachen, nicht wirklich Songs, mehr ... Noise. Soundlandschaften. Gerade diese EP mit JIM O'ROURKE klingt mit ihren fast 60 Minuten, als machten SONIC YOUTH Ambientmusik. Ein einziges, unendliches Gewebe aus Sound.

? Spielen bei der Entscheidung, was bei euch und was bei 'Geffen' erscheint, auch kommerzielle Fragen eine Rolle? K: Wir haben schon frühere Versionen von Songs veröffentlicht, deren Endfassungen auf 'Geffen'-Platten waren. Zumeist Live-Versionen, die sich von den Albentracks grundlegend unterschieden, diese kaum wiedererkennen ließen. Eine Nummer, die sich für 'Geffen'-Platten eignet, ist in der Regel ein Song. Was nicht heißt, daß es dabei um Verkaufszahlen geht, wie man unseren Alben hoffentlich anhört. Es ist einfach so, daß wir bei 'Geffen' vielleicht immer noch die klassischere Rockplatte machen wollen.

? In diesem Zusammenhang: 1990 seid ihr von einer Indie-Firma zu einem Major-Label gewechselt. Inwieweit hat sich das positiv oder negativ ausgewirkt? K: Für die Band war der Wechsel notwendig, denn so hatten wir die Möglichkeit, als SONIC YOUTH weiterzumachen. Damals gab's Probleme mit den Indies, auf denen wir veröffentlicht hatten, es ging um Geld. Anfangs war der Wechsel auch für uns ein Rückschlag. Aber aus heutiger Sicht war es das Beste, was wir tun konnten. Wir bekamen einen Manager, was viele Dinge vereinfachte.

? Wurdet ihr damals mit Vorwürfen konfrontiert, als Ikone des Indie-Rock zu einem Major zu wechseln? K: Zunächst waren da viele, angeführt durch Steve Albini, die sagten: 'Jetzt habt ihr euch verkauft!' Unser Publikum änderte sich, weil nach der Veröffentlichung von 'Goo' und 'Dirty' auch Kids zu unseren Konzerten strömten. Die hatten unsere Videos auf MTV gesehen. Für unser älteres Publikum zunächst eine etwas eigenartige Situation, aber allmählich wuchsen die beiden Hälften zusammen, denn beide erkannten, daß wir uns nicht verbiegen ließen.

? In Europa boomt die Elektroszene. SONIC YOUTH gelten als nachhaltig beeinflußt von Bands wie CAN. Das Coverartwort eures neuen Albums ist eine Referenz an die 'Unlimited Edition' der Kölner Krautrocker. Was beeinflußt euch derzeit am meisten? K: [lächelnd] Mich macht französische Popmusik sehr an oder BILLIE FONTANE, eine Avantgarde-Sängerin. Aber auch eine Menge von diesem Elektro-Kram ist klasse. Zum Beispiel DigitalHardcore.
S: Mir gefallen die Sachen von OVAL. Der hat eine Zeitlang bei 'Thrill Jockey' veröffentlicht. Wirklich interessante Ambient-Alben.
? Das elfminütige Stück 'Hits Of Sunshine' habt ihr dem verstorbenen Beatnik-Literaten Allen Ginsberg gewidmet. Kanntet ihr ihn?
S: Lee und er trafen sich sehr häufig. Sie wohnten in der gleichen Gegend in New York. Allen kam zu einigen Shows von uns. Lee und ich unterstützten ihn musikalisch mit einigen anderen Instrumentalisten, wenn er las. Thurston schrieb den Text zu 'Hits Of Sunshine' am Tag, nachdem er starb.
? In den Achtzigern firmierten SONIC YOUTH einige Zeit unter dem Namen CICCONE YOUTH, um MADONNA als starke Frau im Rockbiz ihren Tribut zu zollen. Mögt ihr das neue MADONNA-Album?
K: It sucks. Ich habe ein Problem mit dem Marketing, dieses spirituelle BlaBla und die Sache mit ihrem Kind. Mir gefallen die Fotos von ihr nicht mehr. In den Staaten ist sie inzwischen wirklich überall zu sehen. Es macht keinen Spaß mehr, sie zu verfolgen. An dem Tag, an dem du Versace-Modell wirst, ist alles vorbei. Einziger Zusammenhang zu damals ist, daß das Album der CICCONE YOUTH das letzte war, bei dem wir mit Wharton Thiers arbeiteten.
? Gibt es ein Album, das ihr am liebsten aus eurer Discographie streichen würdet?
S: Ein Album, das wir noch einmal aufnehmen müßten? Wahrscheinlich 'Goo', oder?
K: Wegen des Aufnahmeprozesses. Wir hätten es viel simpler machen müssen.

? Die Demos von 'Goo' sind als Bootleg erschienen. Sie sind phantastisch.
K: Es ist oft so, daß wir unsere Demos mehr mögen als die vollendeten Alben. Ganz einfach, weil wir ohne die Alben nicht dem Druck ausgesetzt wären, im Studio zu sein und uns zu fragen, wie hat es auf dem Demo geklungen. Früher hatten wir dieses portable 8-Spur-Studio für unsere Aufnahmen. Jetzt geht alles über 16-Spur, und unsere Demos sind gleichzeitig die fertigen Alben. Der Produzent von 'Daydream Nation' nahm auch 'Goo' auf. Wir hatten nicht erwartet, daß er durch den Major-Deal dermaßen unter Druck geraten würde, etwas Amtliches abliefern zu müssen. Er hörte damals viel HipHop und war eigentlich eher ein Livemixer. In dieser Hinsicht bedeutete 'Goo' auch keinen guten Start beim Major.



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aus Intro #54 (Mai 1998)
 
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