PERE UBU

Datapanic In The Year 1998

08.03.1998, 17:08, Text: Autor unbekannt

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, daß Mitte/Ende der 70er z. B. das Hören der TALKING HEADS weit vorn war. Sind auch PERE UBU inzwischen Mainstream? Ist Mainstream das Schicksal aller guten avantgardistischen Rockmusik? Die Zeitabstände, in denen Avantgarde zu Mainstream wird, haben sich jedenfalls extrem verkürzt.
Als \"The Modern Dance\" und die erste EP \"Datapanic In the Year Zero\" erschienen, spielte sich die Künstlerband aus Ohio vor allem in Europa sofort in die erste Liga des US-Wave. Sie installierten - verkörpert durch Allen Ravenstine - neben ihrem saugend-apokalyptisch-kryptischen Rocksound mit Störgeräuschen aus dem Korg-Synthie eine Meta-Ebene, die exzellent zum wehklagenden Vibrato von David Thomas paßte.

Ein Konzept, das noch auf \"Pennsylvania\" zündet, auch wenn hier eher Folk- und BEACH BOYS-Sounds dominieren. PERE UBU deshalb als Väter des Noise-Rock zu bezeichnen bringt den passionierten Kulturkritiker Thomas so richtig in Rage: \"PERE UBU gehören nicht zu den ersten Noise-Rockbands, diese Schubladen sind absurd, symptomatisch für degenerierte Kritiker und ihr Verständnis von Rockmusik. Wir waren schon 1975 Mainstream. Wir sind weder Industrial noch Präindustrial, wir sind keine Avantgarde, kein Punk, sondern eine Mainstream-Rockband, das ist auch '98 unser State of Art.\" Ob Sarkasmus oder Ironie, PERE UBU sind nach wie vor eine Kultband am Rande des etablierten Rockbetriebs, ihr Sound ist zu komplex und disparat mit seinem Taumeln zwischen Rock und Elektronik, überraschenden Breaks und prosaischen Exkursionen. Seit geraumer Zeit werden David Thomas' Texte zwischen Realität und Fiktion nicht mehr abgedruckt; Vater UBU meint, Rockmusik sei eine \"nicht erzählende Kunstform, dazu da, das auszudrücken, was hinter den Worten ist. Es sind Hyroglyphen. Wenn du sie verstehst, gut, wenn sie dir nichts bedeuten, kann ich nichts machen. Ich werde nicht dafür bezahlt, Texte zu erklären, ich bin Rockmusiker, und Rockmusik liegt jenseits der Wortebene.\"
Na denn, Themenwechsel: \"Realität wird nach den Bedürfnissen der Medien definiert und Geschichte schneller umgeschrieben, als sie überhaupt passiert\", singt David Thomas im \"Pennsylvania\"-Opener \"Woolie Bullie\", und bei diesem Thema beginnt er zu sprudeln: \"Die Geschichte der Rockmusik ist Orwell-artig komplett umgeschrieben worden, zuletzt von den konservativen Kräften des Punk. Das war eine Kollaboration von Jeans-Companies und Parfüm-Herstellern mit dem Ziel, sie zu vereinnahmen. Allein die Idee, Rock sei eine Sache von Rebellion, ist absurd. Niemand glaubt das, in den späten 60s hätte niemand auch nur über diesen Müll gesprochen - du wärest ausgelacht worden. Rockmusik ist nicht Poetry zu naiven ethnischen Rhythmen, sondern eine neue Kunstform, in der Musik und Worte verschmelzen.\" Nachzuprüfen auf den überaus empfehlenswerten Live-Shows von PERE UBU in diesem Monat, denn auch wenn David Thomas alle theatralischen Elemente seiner Arbeit leugnet (\"Was soll ich im Theater, Texte von anderen Leuten runterlesen? Und die Oper ist das TV des 19. Jahrhunderts ...\"), live ist er unschlagbar: ein Koloß, der rudert und taumelt, ächzt, stöhnt und wehklagt wie ein Walroß auf Acid.



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aus Intro #53 (April 1998)
 
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