ISOTOPE 217 & AERIAL M
Schildkrötensuppe
21.01.1998, 14:48, Text: Autor unbekannt
\"TORTOISE hat eine seltsame Existenz\", bestätigt Dan Bitney, der mit den beiden anderen TORTOISE-Mitgliedern Jeff Parker und John Herdon jetzt auch unter dem Namen ISOTOPE 217 fungiert. \"Wir proben und nehmen eine neue Platte auf, dann geht's auf Tour, aber den Rest der Zeit nimmt sich jeder für seine eigenen Projekte. Über Jeff sind wir mit einer Reihe anderer Jazz-Musiker zusammengekommen, die er von seiner Arbeit mit dem CHICAGO UNDERGROUND ORCHESTRA kennt.\"
Und Gitarrist Jeff, der seit \"Millions Now Living ...\" zur TORTOISE-Besetzung gehört, fährt fort: \"Das CHICAGO UNDERGROUND ORCHESTRA besteht aus einer Reihe von Jazz-Musikern, arbeitet aber auch in derselben Richtung wie TORTOISE oder ISOTOPE.
Auch ISOTOPE bilden ein solches, auf dem \"Workshop\"-Gedanken basierendes System. Zusammen mit Hornist Rob Mazurek, der Posaunistin Sara P. und Bassist Matt Lux arbeiten sie auf der Basis von freier Improvisation an einer Verbindung von Jazz und avantgardistischen Strömungen in der Rockmusik. Ähnlich wie bei TORTOISE geht es um Sounds und rhythmische Strukturen, Collage und Textur, die auch den Charakter der insgesamt sechs Stücke auf dem Album \"The Unstable Molecule\" bestimmen.
Die Nähe zum Jazz, und in diesem Fall speziell einer Tradition afro-amerikanischer Musiker im Umfeld der in Chicago beheimateten AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians), ist bei ISOTOPE immer deutlich hörbar. Die AACM, seit ihrer Gründung 1965 als unabhängige Nonprofit-Organisation mit der Förderung hauptsächlich schwarzer Jazz-Avantgarde beschäftigt, stellt vor allem durch Künstler wie ANTHONY BRAXTON, ROSCOE MITCHELL ODER LESTER BOWIE eine Größe im Jazz-Universum dar. Mit Lester Bowie hat Jeff Parker sogar schon zusammengearbeitet, ansonsten besteht seine Verbindung zum AACM in der Mitwirkung bei Ernest Dawkins NEW HORIZON ENSEMBLE.
Und wie um dieses Hochkultur-Cocktail noch zu toppen, fahren ISOTOPE in ihrer Selbstbeschreibung noch Verweise zu SUN RA und ERIC SATIE auf, dessen \"phonometrisches System\" jeden Musikwissenschaftler zur Verzweiflung treiben müßte.
Jeff: \"Die Sache mit den 'Phonometrics' ist ein reiner Witz. SATIE stellt sich ein System vor, mit dem man Klänge messen kann. So nach dem Motto: ein 'Fis' wiegt 17,3 Kilogramm.\"
Dan: \"Dabei ist das eigentlich Jeffs Spitzname: Er ist 'Mr. Phonometrics', und ich bin 'Beat Scientific.'\"
Tidenhub Was für ISOTOP Gruppendynamik und Improvisation bedeutet, heißt bei Dave Pajos Soloprojekt AERIAL M Eigenbrötlerei und Minimalismus. Mit den legendären SLINT nahm Pajo 1991 das Album \"Spiderland\" auf, spielte dann kurz bei deren inoffiziellen Nachfolgern FOR CARNATION, um schließlich ebenfalls bei TORTOISE zu landen. Bei deren jüngstem Auftritt im Rahmen der \"Wow & Flutter\"-Tour (siehe Sehtest) war er noch auf der Bühne zu sehen, soll die Band aber neuesten Gerüchten zufolge verlassen haben. Das entspräche auch seinen Vorstellungen davon, wie es mit AERIAL M weitergehen soll: \"Von Natur aus bin ich eher introvertiert, also habe ich auf dem Album alle Instrumente im Alleingang gespielt und aufgenommen. Jetzt habe ich aber eine richtige Band, einige Freunde aus Louisville. Anfang nächsten Jahres soll es eine Wiederveröffenlichung der Singles geben, die unter dem Namen M und M IS THE THIRTEENTH LETTER erschienen sind. Im Frühjahr soll's dann auch eine Tour geben.\"
Schönheit kommt bei AERIAL M nicht etwa von Komplexität oder aufwendigen Soundbasteleien. Statt dessen sparsamste Gitarrenarbeit und eine fast schon folkige Grundstimmung, Ruhe und Gelassenheit, ein ständiges Auf- und Abschwellen sich verzahnender, zarter Akustikklimpereien mit ein wenig Bass und Schlagzeug im Hintergrund. Minimale Verschiebungen sind der Motor für die sonst absolut entspannend dahinplätschernden Songs. Ewige Wassermusik, versonnenes Latenight-Flair und die Entrücktheit einer verblichenen Schwarzweiß-Fotografie, die das überflutete Louisville im Jahre 1937 zeigt: \"Das Coverfoto entstand in dem Jahr an der Ecke Broadway/4th Ave. Ich bin gleich um die Ecke zur High School gegangen, und das abgebildete Hotel sieht heute noch genauso aus. Das Bild paßt gut zu der etwas entrückten Stimmung der gesamten Platte. Außerdem gab's in Kentucky während der Aufnahmen im letzten Jahr auch Hochwasser. Ich mußte aus dem Keller meiner Eltern in die Garage umziehen.\"
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