THOMAS D.

Rückenwind

09.11.1997, 21:39, Text: Autor unbekannt

Doch der Standort Mediapark Köln erweist sich als hart umkämpft: Links bei VIVA sind WORLDS APART zu Gast, im 1Live-Gebäude zur Rechten produziert Ralf Bauer gerade Nachschub für den neuen deutschen Kinoboom. Daß die Heerscharen pubertierender Mädchen von THOMAS wenig bis keine Notiz nehmen, stört dann auch nicht ernsthaft, immerhin ist dieser Tag ganz den Medien gewidmet. Der Stuttgarter hat nicht nur erst kürzlich seine erste Solo-LP in die Läden gestellt, sondern auch allgemein einiges zu sagen. Immerhin wird der gebeutelte Konsument dieser Tage an jeder Ecke von Post-FANTA 4-Deutsch-Rap-Fäkalien belästigt, dagegen tummeln sich auf dem neugegründeten FANTA-Label \"Four Music\" plötzlich so credibile Namen wie der FREUNDESKREIS.



? Wie fühlt man sich, wenn man vor dem Jugendsender überhaupt steht.! So als alter Popstar ...? Genau, ohne euch gäbe es solche Auswüchse wie die Schwester mit dem Messer wohl nicht ...! Willst du mich jetzt zur Rechenschaft ziehen für die Scheiße, die zur Zeit in den Hitparaden läuft? Okay, wir haben wahrscheinlich den Stein ins Rollen gebracht, aber die Leute, die die Scheiße kaufen, sind doch wohl im Endeffekt für ihre Existenz verantwortlich. Ich will das jetzt nicht allein auf meine Kappe nehmen. Das ist ein ganz klassisches, nicht mal ein deutsches Phänomen, daß es eine gute Idee gibt und die ohne Gnade bis zum Erbrechen kopiert wird und dann irgendwann nur noch ein Abklatsch der guten Idee übrigbleibt. Der reicht aber komischerweise vielen Leuten da draußen. Das ist doch reines Placebo. Da ist nichts dahinter, nichts, was länger hält. Ich kann nichts für den schlechten Musikgeschmack der Welt. Das einzige, was ich tun kann, ist, selbst auch Musik zu machen, um wenigstens ein bißchen was dagegen zu stellen. Wobei TONY COTURA mit Sicherheit auch denkt, er würde gute Musik machen.

? Die SPEX steckt euch aber auch gerne ins deutsche Kommerzlager ...! Ich habe irgendwann aufgehört, die SPEX zu lesen, weil es sich da auch schon seit langem nicht mehr um Musik dreht. Es geht da nur um eine dogmatische Meinung. Prinzipienreiterei, die vollkommen fehl am Platz ist. Man muß allerdings fairerweise sagen, daß wir ja wirklich Popmusik machen, denn Pop ist populäre Musik, und populär sind die FANTAs nun mal. Aber wir machen unser eigenes Ding, gehen unseren Weg und sind in diesem Bereich innovativ, was leider kaum zur Kenntnis genommen wird. Das ist das gleiche Phänomen wie damals, als wir angefangen haben, deutsch zu rappen, und sich alle über uns totgelacht haben. Dann plötzlich, ein halbes Jahr später, ganz heimlich, ganz leise, rappte jeder auf deutsch. In Deutschland ist viel Neid im Spiel. Wenn du Erfolg hast, nimmst du jemandem anscheinend was weg. In Amerika ist das genau andersherum. Da wird gesagt: \"Cool, du hast es geschafft, man, und das zeigt uns, daß es jeder schaffen kann.\" ? Dein Album klingt lockerer als die FANTA-Longplayer ...

! Ich bin absichtlich weggegangen von dieser durchproduzierten Ecke. Das war ja auch der Punkt, wo die Deutschen sich eingeklinkt haben. Die Deutschen waren ja schon immer so Techniker. Das war ja schon bei Techno so. Da hat man sich auch gedacht: \"Ja, ich weiß, wie man diese Knöpfe bedient. Die Seele habe ich nicht, um Gitarre zu spielen. Aber diese Maschinen kann ich benutzen.\" Ich will Techno und so was jetzt gar nicht schlecht machen: Das ist auch Musik, auch Kunst. Aber für mich war es wichtiger, diesen Bereich ein bißchen zu verlassen. Ich wollte eine Session machen, nicht sagen: ja schau mal, hier ist der Text, ich will das so und so, mach mal.

? Immerhin scheinst du dich vom Beruf Frisör endgültig verabschiedet zu haben. Der Gesellenbrief ist ja nun weg ...! Was ihr nicht wißt: Ich hab zwei davon. Als ich die gefunden hab', hab' ich mir gedacht: \"Cool, kannste doch eigentlich einen rausgeben.\" Die Wahrheit ist aber: ich schwör', ich werde nie wieder Frisör. In dem Stück sind aber auch einige Wahrheiten drin, so wie \"ich schließ meinen Popstarladen nie ab\". Mein Arbeitstag endet nie. Der Vorteil von einem \"richtigen\" Job ist: du hast einen festen Feierabend, kannst dich ausklinken. Aber gerade daran gehen die Leute ja kaputt. Weil sie acht Stunden am Tag eigentlich das machen, was sie gar nicht wollen. Weil sie in der restlichen Zeit niemals ihr Leben nachholen können.

? Das erzähl mal einem, der zehn Stunden am Tag malochen muß, um seine Familie durchzufüttern ...! Ich habe schon manchmal das Gefühl, daß ich mich entschuldigen müßte, dafür, daß ich ein privilegiertes Leben führe. Ich bin aber der festen Überzeugung, daß der Wille den Weg schafft. Auch das hat mein Leben gezeigt, daß wenn man an etwas wirklich glaubt, wenn man wirklich dafür arbeitet, daß es dann auch funktioniert. Ich glaube, daß vielen das Festhalten an Sicherheiten im Weg steht, an Dingen, von denen sie meinen, daß sie sie unbedingt bräuchten.



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aus Intro #50 (Dezember 1997 / Januar 1998)
 
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