METALLICA

Smells like Schmiermatte

09.11.1997, 11:26, Text: Autor unbekannt

METALLICA frönen einer bodenständigen Kompromißlosigkeit, die bewirkt, daß trotz ihres äußerst mittelmäßigen '96er-Albums \"Load\" sich die Fans am Tag des Erscheinens von Nachfolger \"Reload\" schon vor Ladenöffnung in Scharen die Nasen an den Fensterscheiben der Plattenshops plattdrücken. Auf METALLICA ist Verlaß. Ein Phänomen, mit dem sich durchaus auch der anhaltende Erfolg von JOE COCKER erklären ließe. Im Gegensatz zu unmotivierten Coverversionen bekommt der Konsument hier jedoch Geschwindigkeit, Gitarren, aggressive Emotion - reichlich und garantiert. Kein pseudoprätentiöses Computergefrickel wie von U2, langweilige Querverweise an HANK WILLIAMS im Stile von REM oder gar blutarmer Jazzrock vom geistig entrückten Ex-Polizisten STING.

Bloß stramm auf die 12. Verquickt mit Botschaften, die wie eine apokalyptische Auswucherung der No-Future-Generation klingen. James Hetfield: \"Ich kann gar keine happy Songs schreiben!\" METALLICA sind das letzte Rockmonster, das den Werten treu geblieben ist, für die es einst stand.
In einer von Elektronik bestimmten Welt, in der sich SLAYER mit ihren faschistoiden Parolen längst unwiderruflich diskreditiert haben und Lemmy Kilmister nur noch an Merkur-Automaten um die nächste Nase Koks Sonderspiele hochdrückt, sind sie die letzte Konstante von schweißtreibendem Rock'n'Roll. Dessen sind sich die Konsorten Hetfield, Hammett, Newsted, Ulrich selbstredend bewußt und kompensieren das journalistische Kreuzverhör um Fragen der Stagnation und Beliebigkeit sowie nach einem Mangel an Ideen mit dem traditionellen Allheilmittel der Metaller-Posse: Sie dreschen Phrasen: \"Solange diese Band eine musikalische Vision hat und diese auch umsetzt, ist alles andere irrelevant\", sagt Lars Ulrich. Was das im Klartext bedeutet, erklärt Kirk Hammett: \"Vision meint, im Einklang miteinander zu sein. Zu wissen, diesen oder jenen Weg wollen wir gemeinsam gehen. Was die Leute davon halten, ist dabei völlig unwichtig.\" Solche Ignoranz fußt auf einem kanonischen Ansehen. Denn neben NIRVANA ist METALLICA der Act, der es in den Neunzigern geschafft hat, einer Underground-Bewegung zu Massenkompatibilität zu verhelfen. Sie haben das Wort \"Evil!\" in den Sprachgebrauch des Mainstream eingeführt. \"... or die!\" als Satzanhängsel wurde mit ihnen gesellschaftsfähig. Zeige- und kleiner Finger munter in die Höhe gerichtet. Live fliegen weiter Plektren in Massen, man spuckt zwischen zwei Gesangsteilen durchaus mal grün auf den Bühnenboden und garniert die kurzatmigen Ansagen mit zahlreichen Syntaxkonstellationen aus dem Wort \"Fuck\". Nur die langen Haare, die sind ab.
Das kokette Desinteresse an Hörererwartungen ist insofern auch nur die halbe Wahrheit. Zwar hatte die Band - unterstützt von Imageberatern und Visagisten - bei ihrem Comeback 1996 das jeans-, matten- und kuttenbetonte Outfit zugunsten einer erwachsenen Borsalino-Erscheinung aufgegeben und damit den neunzigerkompatiblen Typus des Metal-Gentlemen erschaffen. Musikalisch blieb jedoch vieles beim alten. Das Metal-Lager übte leise Kritik am Kompromiß, den \"Load\" gegenüber Alternativerock einging. Ein Vorwurf, den die Band weiterhin zurückweist. Hammett: \"Für die 'Die Hard'-Fans tut es mir leid, aber wir haben uns in den vergangenen Jahren musikalisch eben weiterentwickelt. Wir haben getan, was uns gefiel, und damit müssen sich die Leute eben abfinden. Aber ich hasse wirklich College-Rock! Zu Hause lege ich am liebsten alte Jazz- und Blues-Platten auf. Und NIRVANA waren in Wahrheit eine Metalcombo!\"
METALLICA genießen Kultstatus. Nicht nur Beavis von den MTV-Anarchisten \"Beavis & Butthead\" ist bekennender METALLICA-Verehrer. Zum Beweis von Jugendlichkeit und Entschlußkraft präsentierte sich auch Nazi-Populist Vladimir Schirinovsky beim letzten Präsidentschaftswahlkampf in Rußland mit Streetwear der Band. Kirk Hammett darauf seltsam berührt: \"Oh, that guy. That's cruel! Aber manchmal geht Musik eben seltsame Wege!\" METALLICA repräsentieren die traditionelle Metal-Attitüde vom Schmelztiegel der Ideologien, in der Bierdurst vor Politik kommt und das Recht auf Headbanging ein Synonym von Lebensqualität ist. Das war immer so und das wird immer so bleiben! Auch wenn die Band im Jahr 1991 mit dem sogenannten \"Black Album\" so unaufhaltsam Einzug in die BWL-Studenten-Appartements mit Einbauküche, Friseursalons und Amtsstuben hielt, - Hammett: \"Wir verkauften eine Billion Alben, oder so was!\" -, daß der aufkeimende Kommerzialisierungsvorwurf der Metal-Posse eine logische Folge sein mußte. Doch die Szene verfügt über so wenig Alternativen, daß die einschlägigen Magazine trotz kritischer Begutachtung des \"Reload\"-Materials dem Thema METALLICA Priorität einräumen. METALLICA sind der größte gemeinsame Nenner.
Dabei suggeriert der Titel wie auch das dem Vorgängeralbum zum Verwechseln ähnliche Coverartwork eher ein Remix- oder B-Seiten-Album als eine Neuproduktion. Hammett: \"Die Assoziation ist uns erst nachdem wir einige Interviews gegeben hatten aufgefallen. Der Großteil der Songs ist bei den Sessions von 'Load' entstanden, so daß wir ursprünglich vorhatten, ein Doppelalbum herauszugeben. Schließlich waren wir aber der Ansicht, daß durchaus Stoff für zwei eigene Werke vorhanden wäre, so daß wir uns für eine Teilung des Materials entschlossen.\" Was bei \"Load\" noch wie ein unausgegorener Versuch klang, Metal in zeitgemäßen Rockströmungen als massenkompatible Melange zu etablieren, ist auf \"Reload\" eine musikalische Zeitreise durch 16 Jahre METALLICA-Historie. Die fängt bei dem problematischen Song-Sequel \"The Unforgiven II\" an und endet bei Stücken wie \"Attitude\" als Hommage an selige \"Master Of Puppets\"-Zeiten.
Wieder griff man auf die Fähigkeiten des Produzentenfreundes Bob Rock zurück. Und so ist der Sound vor allem eines: amtlich! Alles laut und am Limit. Der Drumstil des ehemaligen Amateur-Tennischamps Lars Ulrich genießt als musikalisches Monument der Postmoderne zwar den Nimbus der Unantastbarkeit. In den Achtzigern sinnierte jedoch eine ganze Generation von Nachwuchsschlagzeugern über die Dauer der Abmischung von Bassdrum und Toms, über die technischen Gegebenheiten von Compressoren für den Kick bis hin zu Noise-Gates für die prägnante Kürze des Wumms. Dagegen klingt das kontrapunktive Spiel heute, in Zeiten, in denen das Muckertum durch die Unfehlbarkeit des Computers weitgehend als ausgerottet gilt, in seiner urtümlichen Wucht eher nach Sport als nach Musik. Ulrich macht nicht nur hinten dicht, er bildet auch gewohnt dominant den atonalen Gegenpart zu Hetfields düsterer Melodik. So sehr es den Stil auch prägt. Trotz der zahlreichen 7-Minuten-Epen: irgendwann nervt es.
Insofern wird \"Reload\" nur beim Gastspiel der zur Rockoma avancierten MARIANNE FAITHFUL wirklich aufregend. Für die Single \"The Memory Remains\" darf der Inspirationsquell ganzer Schaffensperioden der ROLLING STONES ein elegisches \"La-la-la\" anstimmen. \"Wir wollten eine unverwechselbare Frauenstimme auf dem Album. Irgend jemand brachte MARIANNEs Namen ins Spiel, und wir riefen sie an. Sie sagte sofort zu, und als wir zusammentrafen, war es, als würden wir uns schon lange kennen. Sie ist wirklich eine Ikone des Rock'n'Roll\", sagt Kirk Hammett. Ansonsten metallastige Stangenware wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Nostalgie ist Trumpf. Hetfield: \"Wir spielen Musik, und entweder kannst du sie leiden oder nicht.\" Punkt!
METALLICA hören ist, wie am Ende eines virtuellen Lebens in den Neunzigern zurück in das warme analoge Bett der Achtziger zu kommen. Wenn James Hetfield Dinge brüllt wie \"Gimme fuel, gimme fire, gimme that what I desire!\", rast der Retrozug dem Zuhörer direkt durch die Eingeweide. Sieht zwar etwas gediegener aus, riecht aber wieder verdammt nach Matte, Kutte & Maßkrug. Glaub' es ... or die!



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aus Intro #50 (Dezember 1997 / Januar 1998)
 
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