Labelportrait: Cooking Vinyl

Die wunderbare Welt des Martin Goldschmidt

06.11.1997, 14:12, Text: Autor unbekannt

Mr Goldschmidt verliert kurz die Fassung, scheint die Tragik dieses Augenblicks kaum begreifen zu können, ... um sich kurz darauf dank meiner Frage nach dem Stand in Sachen Andy Partridge und Kollegen schnell wieder heim, ins Land unendlicher Zufriedenheit, zu begeben. Sein fassungslos - und genau so schon im Zusammenhang mit dem Signing BILLY BRAGGs wie mit Sicherheit bereits angesichts der unterschriebenen Verträge ANI DIFRANCOs, JACKIE LEVENs, CARTER USMs, MEKONS' usw. - hervorgestoßener Kommentar ob dieses, seines jüngsten Erfolges lautet dann auch schlicht und ergriffen: \"I can't believe they're on my label.\" Bezeichnend für das Verhältnis des sympathischen \"Cooking Vinyl\"-Chefs zu seinen Künstlern: er ist ihr Freund, ihr Fürsprecher, ihr ..., aber in allererster Linie ist er ihr Fan.
Goldschmidt startete das Label mit einer Band, die auch heute noch zu den Konstanten im Hause \"Cooking Vinyl\" zählt.

Ihr Tape überzeugte ihn so dermaßen, daß er loszog, für die junge Folkband namens THE OYSTERBAND einen Plattenvertrag an Land zu ziehen. Was sich als deutlich schwieriger herausstellte, als er in seiner Begeisterung vermutet hatte. Nachdem er bei zahllosen AR-Managern vergeblich vorstellig geworden war, beschloß er schließlich, das Material, an das er so fest glaubte, selbst zu veröffentlichen. Dem folgten zahlreiche weitere Releases, einzige relevante Kriterien: es mußte gefallen und es sollten gegenseitige Sympathien vorhanden sein. Einige, wie z. B. THE HORSEFLIES oder die MEKONS (mit ihrem Meisterwerk \"Honky Tonkin'\"), gaben nur ein kurzes Gastspiel, andere, wie der Ex-DOLL BY DOLL-Kopf JACKIE LEVEN, würden die Wärme und Sicherheit des Goldschmidtschen \"Imperiums\" nie und nimmer gegen ein ausschließlich erfolgsorientiertes Majordasein tauschen, zumal LEVEN im speziellen selbst mit seiner früheren Band niemals so erfolgreich war, wie er es heute ist. THE HORSEFLIES, auch heute noch eine von Goldschmidts Lieblingsproduktionen, überlebten den Wechsel zum und den Flop beim Major nicht und sind heute trotz eines Ende der 80er über die Maßen gefeierten, unglaublich innovativen und allerorts als wegweisend eingestuften Albums weitestgehend vergessen.
Jemand, der sich seit Beginn seiner jungen Karriere gegen die Vereinnahmung durch eine Company sperrt und von Anfang an auf eigenem Label veröffentlicht, ist die mittlerweile in den Staaten unglaublich erfolgreiche Singer/Songwriterin ANI DIFRANCO. Bei ihrer Firma \"Righteous Babe Records\" sind mittlerweile rund zwanzig Angestellte damit beschäftigt, eine einzige Künstlerin zu vermarkten, ... und das für eine solchermaßen autonom arbeitende Firma in den Vereinigten Staaten, wo es als unmöglich gilt, ohne Majorvertrieb die Platten auch nur annähernd flächendeckend in die Läden zu bekommen, ausgesprochen effizient. Auch in Europa wurde man auf ANIs Talent relativ schnell aufmerksam, dennoch schien die Künstlerin zu niemandem, auch keinem europäischen Indie, so viel Vertrauen zu haben, daß sie den Zuschlag zu einem Lizenzdeal gegeben hätte. Es sollte zumindest dauern, bis sie Martin Goldschmidt kennenlernte, daß ihre Platten in Europa zu erwerben sind. Nach und nach bringt er nun den kompletten Backkatalog der produktiven Mittzwanzigerin heraus, und auf beiden Seiten ist man mit dem Ergebnis mehr als zufrieden.
Im Hause Goldschmidt darf gut Ding ruhig Weile haben, hier wird auf den Single- und Video-Terror zur Eroberung der Weeklys und Fernsehsender verzichtet. \"Cooking Vinyl\"-Veröffentlichungen zeichnet eine gewisse Zeitlosigkeit aus. Sie brauchen manchmal, bis sie vernünftig abverkaufen, aber dann tun sie es in der Regel stetig. Wer allerdings glaubt, Mr Goldschmidt sei ein reaktionärer Trendmuffel, der hat sich gründlich verschätzt: Demnächst gibt es das erste Tochterunternehmen - ein Dancelabel. Natürlich wird er auch hier keine Übernachtsensationen signen - ein wenig gediegener darf es schon sein -, aber Funk muß es haben und die Ärsche soll es zum Wackeln bringen. Schließlich will Martin den Stoff ja auf seinen geliebten Parties hören, um endlich auch dort sagen zu können: \"I can't believe they're on my label.\"



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aus Intro #50 (Dezember 1997 / Januar 1998)
 
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