THE VERVE
Eine eigene Geschichte
27.09.1997, 13:43, Text: Autor unbekannt
Im Zweifelsfall hilft nur die Quellenkunde! \"Come On Let The Spirit Inside You / Don't Wait To Be Found / Come Along With Our Sound / Let Me Speak Through You / Let The Weights Come Off That Confuse You / I Never Meant No One To Get Nasty\" (\"Come On\").
Jaja, am Anfang war das Wort, das große! Aber wir sind doch jetzt nicht im Buch der Bücher gelandet, oder?! \"'Urban Hymns' hieß ursprünglich der Arbeitstitel für einen Film, den wir mit Freunden gedreht haben. Ein Dokumentarfilm über das Arbeiten im Studio, darüber, wie VERVE arbeiten. Aber wir haben 1997, und so Stücke wie 'Bittersweet Symphony' oder 'Rolling People' werden in den Städten einfach Hymnen sein.
Gegenseitiger Respekt, der da herrscht, sonst hätte der nölige Noel wohl nicht mit \"Cast No Shadow\" einen Song über Richard Ashcroft geschrieben. Und es gab doch auch mal eine Zeit, in der OASIS Vorgruppe von VERVE waren und die \"Sun\" wenig daran interessiert schien, die abgeschnittenen Haupthaarlocken von Liam verlosenderweise unters schmachtende Volk zu bringen.
MYSTERY oder \"Wigan rules!\"Mit einem \"Storm In Heaven\" konnte man seinerzeit zwar debütieren, aber selbigen sicher nicht auslösen - mehr schon den Sturm im Wasserglas. Die auf \"Urban Hymns\" besungenen \"Old Streets\" waren damals noch gepflasterte, beschaulich verlaufende Landwege. Die Songs schrien Psychedelic, waren aber leider nur Esoterik, die glücklicherweise sparsam eingesetzten Bläser wollten Kontrapunkte setzen zum kraftlos-verhuschten, säuseligen Sound, erschallten jedoch leider überambitioniert-trötig, der mit einer damals dünnen Stimme ausgestattete Vokalist wollte Mysterien in die VERVsche Popwelt involvieren, doch nichts war greifbar, alles \"Virtual World\". Man hörte, nein spürte, da sind vier Jungs aus dem Norden, die es gut meinen mit ihrer Idee von britisch-hippiesker Popmusik, aber leider noch zu wenig über den Tellerrand hinausgeschaut haben. Gemeinste Kategorisierungen, gegen die man bei THE VERVE schon immer etwas hatte: \"Die 90er sind vollgepackt mit Logos und Labels. Nike, McDonalds, riesige Konzerne, die die Welt mitbeherrschen. Und so braucht heute eben alles ein Label - um es verpacken zu können. Man macht dadurch alles so verdaulich wie einen Rindfleischburger. Aber ich bin noch nicht darauf vorbereitet, ein blöder Burger zu sein. Genausowenig bin ich bereit, ein 'fizzy drink' oder ein Paar Turnschuhe zu sein. Denke als VERVE-Fan niemals, du wüßtest, wie die nächste Platte oder Single klingen könnte. Alles, was du wissen kannst, ist 'that it's gonna blow your mind ...'\" Ja, so verarbeiten die Leute aus dem Norden ihre Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Hauptstädtern.
HYSTERY oder \"Smells Like Nevermind!\" Ganze Jugendbewegungen hätten ihnen auf einmal alles geglaubt, die Geschichte der englischen Popmusik - Britpop nennt man das gerne - hätte vielleicht einen anderen Verlauf genommen, die Hysterie wäre in andere Richtungen verlaufen, wenn, ja wenn während der Aufnahmen zu \"A Northern Soul\" nicht Grabenkämpfe zwischen Nick McCabe und Richard Ashcroft das weitere Fortbestehen der Band unmöglich gemacht hätten. Da hatte man nun ein Album, das nach eigener Aussage VERVEs \"Nevermind\" sein sollte, das mit \"History\" schon eine Hymne besaß, bevor man urban oder in London heimisch war, und das vielleicht lediglich während einiger Songs ein wenig orientierungslos den Weg aus den Augen verlor und unstrukturiert klang. (Das Leben war ab hier keine lange gerade Straße mehr, die von Wigan nach London führte, auch kein langer ruhiger Fluß, sondern \"Life's An Ocean\".) Und an dieser Stelle dann eine blitzsaubere Trennung. Klar, dummerweise bevor ihr \"Nevermind\" minds blowen sollte oder konnte, dafür ging die Trennung aber auch ohne \"blow out one's brain\" vonstatten.
Drei Szenen zur Legendenbildung: 1. Klein-Richard schmeißt während seiner Schullaufbahn eine Abschlußprüfung; von den verwirrten Lehrern ob seiner Zukunft befragt, antwortet er, daß er in einer Rockband spielen werde - in DER Rockband. 2. Richard muß sich entscheiden! Fußballerkarriere oder Popstar. Er hängt die Schuhe an den Nagel und nimmt das vorbestimmte Schicksal in die Hand. 3. Mr. Ashcroft sitzt grübelnd zu Hause, hört Radio. Der Radiosprecher verkündet, VERVE seien Geschichte, deswegen nun der Song \"History\". Geigen, Weltschmerz, \"I wander lonely streets ...\"
Wir wissen, der unter Punkt 1 und 2 vorgestellte Protagonist pumpt sich wegen Punkt 3 nicht ein halbes Pfund Schrot in die Birne. Glücklicherweise!
HISTORY oder \"Music is our only salvation\"Man will nicht mehr zurückschauen. Sieben bis acht Monate hat es gedauert, bis man wieder THE VERVE war. Richard hat seine Lektionen gelernt und schickt sie uns als Erlösungshilfe mit auf den Weg: \"Nimm so einen Song wie 'Lucky Man'. Es ist einer der persönlichsten Songs, die ich je geschrieben habe. In dem Moment, als jemand, der im Studio steht und diesen Song singt, 'then all the shit leaves your shoulders', bin ich ein glücklicher Mensch. Es ist nur eine Momentaufnahme, aber ich habe die beste Woche meines Lebens hinter mir.\" Wer so spricht, hat das Recht auf diese \"lyrics\": \"How many corners do I have to turn / How many times do I have to learn / All the love I have is in my mind / Well I'm a lucky man / With fire in my hands.\"
Und das \"Fire\" in seinen Händen sind die \"Urban Hymns\". Eine Platte mit großartigen Songs (teilweise im Radioformat), mit Dir den Atem nehmenden Gitarren, mit zartschmelzenden Streichern, an die Wand drückendem Sound, Dekadenmelodien und Groove. Eine ob ihrer Komplexität, Emotionalität und Tiefe fast Schmerz zufügende Platte, die durch ihr manchmal fast runtergepitcht wirkendes, jedoch stets hohes Maß an Körperlichkeit ausstrahlendes Sprachrohr Richard Ashcroft eine neue Wahrnehmung von Zeit, eine Verschmelzung von privatem Schmerz (wahlweise Wut, Angst, Liebe) und konsumierender Öffentlichkeit propagiert und in besten Augenblicken auch erreicht. \"Wenn jemand mit zwölf Jahren 'Ticket To Ride' von den BEATLES hört, nimmt er es natürlich auf einem ganz anderen Niveau wahr als mit 25. Darum geht es doch bei guter Musik. Um die emotionale Tiefe. Nimm z. B. jemanden wie BRIAN WILSON, der immer sehr persönliche Musik mit universellen Belangen gemacht hat.\" Klasse Name-Dropping! WILSON, BEATLES (gern und häufig angewandte Referenz, siehe auch \"I'd be the first to toast yeah to my RUBBER SOUL\") und dann noch das: \"MILES DAVIS, FUNKADELIC, SLY AND THE FAMILY STONE, HipHop - all das ist ein wichtiger Einfluß auf unsere Musik. Alle großen Rockbands waren solchermaßen beeinflußt durch schwarze Musik. Nur haben weiße britische Gitarrenbands [an dieser Stelle ausgesprochen wie ein Schimpfwort] dieses Erbe der schwarzen Musik in den letzten Jahren komplett ignoriert. Das ist ein großer Fehler. Das haben wir niemals gemacht, denn 'Groove', das Bewegen des Körpers, ist am Ende der Neunziger sehr wichtig und geht Hand in Hand mit dem Bewegen des Kopfes.\" Oder: \"Nimm endlich den Stock aus dem Arsch\" (SPEX-Kollege zu VISIONS-Kollege, der VERVE so gar nicht tanzbar finden wollte). Und lange schon ist uns klar, daß die Bandmitglieder keinesfalls Komplexe hegen. Sie legen eher noch zu: \"THE VERVE ist die einzige Band der Welt, die natürlich wirkende Grooves und klassische Songs in ihre Musik integrieren kann, ohne albern zu klingen. THE VERVE is the most powerful rock'n'roll band in the world.\"
Ach, könnte ich noch einmal Teenager sein. Ich kaufte mir jede Zeitung mit jedem noch so kleinsten Schnipsel VERVE, ich stünde am Tag eines Konzertes mindestens zwölf Stunden vor Einlaß am Haupteingang, ich kaufte mir die Platten der von Richard Ashcroft respektierten und bewunderten Bands, ich träumte von dem Gewinn des BRAVO-Preises \"Ein Tag mit deinem Star\". Doch ich bin doll kritischer Musikjournalist, als der ich zu reflektieren und zu analysieren habe. Doch auch zu glauben! Denn wofür schreibt man über Musik, wenn man nicht ähnlich dem Teenager kompromißlos zu glauben vermag. Vielleicht sogar daran, daß THE VERVE die zur Zeit beste Band der Welt sind. Aber auf jeden Fall daran, daß \"Urban Hymns\" das beste Album des Jahres ist! \"Hope you see like I see / Hope you see what I see / Hope you feel like I feel.\"
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