STEREOLAB
Laß kalte Platten stehn, kauf heiße!
26.09.1997, 18:57, Text: Autor unbekannt
Laetitia Sadier: ... Wo du gehst und stehst, wird dir heute gesagt: \"Paß auf!\" In allem, was du tust, wird eine potentielle Gefahr gesehen. In diesem Klima fällt es schwer zu experimentieren. Dabei brauchen wir den Mut zum Experiment heutzutage so dringend, und zwar egal wo, in der Politik genauso wie beim Musikmachen, überall. Eigentlich sollte alles umorganisiert werden, so daß für alle und überall was Besseres dabei rausspringt.
? Trotz euren deutlichen Bezugnahmen auf alte Musiken wie Krautrock, Sixties-Soundtracks und Latin seht ihr euch selbst also als ein Projekt, das Erstarrtes aufbricht. Ist da nicht irgendwo ein Widerspruch?
Tim Gane: Ich finde nicht.
? Ihr habt auch einen Drum'n'Bass-Track auf dem Album.[Tim Gane lacht.] LS: So 'ne Art Drum'n'Bass-Track. ? Geht ihr denn auch in Clubs?LS: Eigentlich nicht.TG: Hey, du warst doch mal.LS: Stimmt, einmal war ich in einem Drum'n'Bass-Club.? Aber es hat dir keinen Spaß gemacht?LS: Doch, klar. Wir haben aber einfach keine Zeit dazu.? Keine Zeit?LS: Auf jeden Fall zuwenig.TG: Wir hören zu Hause viel Drum'n'Bass, aber ausgegangen bin ich sowieso nie viel, von Konzerten mal abgesehen. Aber ich deejaye selbst so ein bißchen. Ich mag das. Deejayen ist ja sehr einfach, wenn man es nicht professionell macht. Man sitzt da und spielt Schallplatten. Es ist eigentlich wie Musikmachen. Man muß die richtigen Stücke miteinander kombinieren, nur daß man dabei nicht so viel Zeit zum Nachdenken hat, sich auf seine Intuition verlassen muß (...) Ich empfinde unsere Musik als sehr offen für die verschiedensten Interpretationen. Die Zuhörer ... ich meine, wir entscheiden nicht, wie sie die Musik verstehen müssen. Und das ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Natürlich ist es für das Verständnis unserer Musik angebracht, sich mit verschiedenen Musikstilen auszukennen. Notwendig ist es aber nicht. Eine Platte muß auch für Leute verständlich sein, die vorher noch nie etwas gehört haben. Tatsächlich sprechen wir aber vor allem Leute an, für die Musik eine große Rolle spielt.
? Kennt ihr Nick Hornbys Roman \"High Fidelity\"?TG: Nee, aber ich weiß, daß viel darüber geredet wird. ? Es ist ein Buch über die Liebe zur Musik. Ein Second-Hand-Schallplattenhändler wird von seiner Freundin verlassen und ordnet daraufhin seine enorm umfangreiche Plattensammlung neu: er ordnet sie chronologisch in der Reihenfolge, in der er die Platten gekauft hat. Sie spiegeln sein Leben, sie sind seine Identität. Wie sind deine Platten geordnet?
TG: Ähm.LS: Gute Frage!TG: Der größte Teil ist alphabetisch sortiert. Aber die Platten, die ich in den letzten zwei Jahren gekauft habe, stehen rum. Manche benutze ich zum Deejayen, und manche sind einfach noch nicht einsortiert. Ich kaufe sehr viele Platten. Schallplatten kaufen zu können ist ja die Hauptsache an Musik (...) Wenn man in Second-Hand-Schallplattenläden einkauft, dann hat man oft überhaupt keine Vorstellung davon, um was es sich eigentlich handelt. Ich habe da eine Technik entwickelt: Du mußt die Platte anfassen, wenn sie sich kalt anfühlt, dann laß sie stehen. Wenn sie heiß ist, huuu, dann mußt du sie kaufen.
? Wie, du entscheidest anhand der Temperatur des Vinyls?TG: Ja.? Das mutet mich recht esoterisch an.TG: Es funktioniert jedenfalls. Gut, andere haben andere Kriterien. Was zum Beispiel indische Musik angeht, da hat mir einer diese Methode empfohlen: Wenn Waffen auf dem Cover abgebildet sind, dann ist die Platte gut, geht es um Liebe, dann ist sie schlecht. Ich sage nur: Hot gun!
? Laßt uns noch über französische Musik reden. Vor kurzem habe ich einen Dokumentarfilm über Jane Birkin geguckt. In einer Szene sah man sie mit GAINSBOURG. Er sah so alt aus und versoffen.
LS: Und du dachtest: was will sie bloß von DEM!? Genau.LS: Ich weiß es auch nicht.TG: Das war doch ein wunderbares Paar! Seine Sachen aus den 60ern und 70ern sind großartig. Auf manchen Stücken des neuen Albums haben wir versucht, seinen Bass-Sound nachzuspielen. Der ist einfach perfekt für unsere Art von Musik. Diesmal sind wir ihm, glaube ich, auch recht nahe gekommen.
? Wenn man sich, wie ihr, ständig nach neuen Sounds umschaut, kann man dann jemals mit dem, was man erreicht hat, zufrieden sein?
LS: Oh ja.TG: Die Sounds auf der neuen Platte sind definitiv die besten, die wir jemals hatten. Sie ist sehr elektronisch, aber diese Sounds entfalten ihre Kraft eher im Hintergund. Vordergründig ist die Platte ja sehr melodiös.
? Das ist ja auch das Witzige an eurem Albumtitel, \"Dots And Loops\". Das zentrale Element eurer Musik, Melodien, wird nicht genannt.
Laetitia Sadier und Tim Gane beenden das Gespräch mit Gelächter.
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