CHRIS CACAVAS

Anonymer Autonomer

25.09.1997, 15:08, Text: Autor unbekannt

Impetus für CACAVAS' ersten Alleingang nach 20 Jahren im Rockbiz war das wachsende Gefühl, von der Welt weder verstanden noch gehört zu werden. \"Der normale Frust eines Musikers, der trotz erster grauer Haare oft nicht weiß, wie er die nächste Miete bezahlen soll\", erklärt er. Eine Perspektive, die den arrivierten Schreiber psychedelischer Rockhymnen zur Richtungskorrektur provozierte. CACAVAS hat seinen ewigen NEIL YOUNG-Komplex abgelegt - die Angst, mit dem ikonenhaften Rock-Dino verglichen zu werden - und sich endlich kompromißlos dem sensiblen Songwriting gewidmet. Ketzer werden schon die eröffnende e-moll-Auflösung von \"Stupid\" als Indiz für seine sakrale Verehrung des kanadischen Song-Tycoons werten.

Doch diesmal ist da mehr individuelle Substanz. CACAVAS hat die sehnsüchtigen, düsteren Stimmungen wirken lassen, sie ausgelebt und zu seinem intimsten und gleichzeitig schönsten Album verarbeitet. Die destruktiven Auswüchse früherer Platten, die einzig dem Zweck dienten, der YOUNG-Parallele den Wind aus den Segeln zu nehmen, sind verschwunden. CACAVAS hat sich seiner GREEN ON RED-Wurzeln erinnert, wo er als Tastenmann durch Zurückhaltung große Wirkung erzielte. So setzt er die Töne nun behutsam, läßt die Melodien sich entfalten, statt sie zu zerpflücken, wählt öfter die Westerngitarre für die Basics und entscheidet sich an einer Stelle für ein sanftes Orgelsolo statt dem sich konventionell aufdrängenden Telecaster-Gegniedel.
Die Betrachtung der Umstände macht Angst: ein tiefschwarzes Plattencover, Texte über Tod und Teufel, Selbstzweifel als Leitmotiv. Doch der Sänger trägt die verfrühte Midlife-Crisis mit Humor. Der personifizierte Anonymus ist im CD-Booklet ein überdimensionierter Kaktuskopf mit menschlichen Gliedmaßen. CACAVAS hat die Hoffnung auf die Weltkarriere aufgegeben. Die Maßstäbe sind näher an der Realität. Seine Utopie hieße \"Goodbye dayjob\": \"Ich muß jeden Morgen los. Es wäre ein Traum, irgendwann wieder selbständig zu sein.\" Da wurmt es ihn, daß er als Gralshüter uramerikanischen Mainstream-Rocks jüngeren M-o-R-Bands wie WILCO oder SON VOLT in kommerzieller Hinsicht nicht das Wasser reichen kann. Doch sein Schmerz hat den Code einer opulenten Song-Schatulle geknackt. Die sich auftuenden kreativen Tiefen schließen an elegische Meisterleistungen der Singer-/Songwriterklassik an. CHRIS CACAVAS klatscht bei den Großen ab.



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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