SHELTER

Ein Abend mit Ray

24.09.1997, 17:44, Text: Autor unbekannt

\"Roadrunner\"-Marlene bereitet mich wohlwollend auf das Interview vor: Ich solle ihm \"gute Fragen\" stellen, schließlich sei Ray schon seit spätmorgens mit nichts anderem beschäftigt, als immer die gleichen zu beantworten. Die neue Platte. Warum, wo, wieso so? Ist das Pop? Darf, will SHELTER noch Hardcore sein? Und natürlich, ach Gott, das böse Wort: Sell-out. Jaja. \"Ray? Das ist Christian vom Intro. Bist du soweit?\" Er ist, zwangsläufig: \"Hi, Chris. You look familiar.\" Leider daneben. Wie sich zeigt, hatte Marlene guten Grund, mich vorzuwarnen: Rays Lust, sich zu \"Beyond Planet Earth\" zu äußern, hält sich in engen Grenzen.

Der Gegensatz zu \"Mantra\" ist schnell festgemacht: \"Wir haben 'Mantra' damals in einem Metal-Studio aufgenommen, dementsprechend klang sie dann auch. 'BPE' sollte wärmer klingen, weshalb wir eine alte Holzkirche in Woodstock wählten. Wir haben analoges Equipment verwandt, um das Sound-Ergebnis noch eindeutiger in die traditionelle Rockecke zu stellen. Dies alles führt dazu, daß die neue Platte in den Ohren vieler Leute sehr poppig klingt, obwohl ich 'altmodisch' bevorzugen würde. Dabei sind viele der Songs, etwa 'Man Or Beast', 'Helpless' und 'Rejuvenate', viel härter als die gesamte letzte Platte. Es ist alles eine Frage der Prioritäten. Unsere Songs müssen nicht mehr zwangsläufig Hardcore sein - wir machen einfach Musik. Nachdem ich jetzt fünfzehn Jahre im Geschäft bin, sehe ich auch überhaupt keine Notwendigkeit mehr, mich für solche Kinkerlitzchen zu rechtfertigen. Wir haben drei Monate gebraucht, um die Platte fertigzustellen. Das wirklich Wichtige aber war die Vorbereitungszeit: Porcell [2. SHELTER-Kopf, Gitarrist und langjähriger Wegbegleiter Rays) und ich haben uns das Songwriting geteilt - sechs Stücke ich, sieben er. Ich habe mich dann sechs Wochen in mein Haus eingeschlossen und nichts anderes getan, als Lyrics zu schreiben. Die Aufnahmen selbst waren sehr relaxed, wir haben uns Zeit gelassen und praktisch zugesehen, wie sich unsere Erwartungen in Realität umformten. Wir haben alles live eingespielt, zuerst die Trommeln aufgenommen, dann Bass und Gitarre, schließlich den Gesang. Erst danach haben wir, wenn nötig, zweite und dritte Gitarrenspuren entwickelt. Es ist heute so einfach, Musik zu machen. Fällt einem nichts ein, sucht man sich einfach jemanden und nimmt das auf, was ihm in den Sinn kommt. So kam es dazu, daß J. Yuenger von WHITE ZOMBIE bei drei Stücken Gitarre spielt. Aufnahmen, wie wir sie bei YOUTH OF TODAY innerhalb eines Wochenendes gemacht haben, sind bei SHELTER nicht mehr möglich. Zuviel hängt von jeder neuen Platte ab.\"
Im Laufe der Jahre hat sich aber nicht nur die Einstellung zur Musik, sondern auch die Thematik geändert: \"Bei YOUTH OF TODAY ging es um Straight Edge. Unsere Songs behandelten immer nur dieses Thema, was okay ist, schließlich war es unser Lebensinhalt. SHELTER-Texte sind anders. Ich schreibe heute über Dinge, die mein Leben irgendwie beeinflußt haben. Ich weiß noch ganz genau, welches Erlebnis ich beim Schreiben jedes einzelnen Textes im Kopf hatte. Ich präsentiere hiermit einen Teil meines Innern, was manchmal nicht ganz einfach ist. Großartig wird es, wenn andere verstehen, was ich sagen will.\"
Sagt's und steht auf, um das Thema zu wechseln. Nach ein bißchen Kramen legt Ray ein DAT-Tape in den dafür bereitstehenden Recorder ein und fordert mich auf: \"Hör dir das mal an!\" Nach einem Song schaltet er aus, sieht mich verdutzt und erklärt: \"Das war ein Song einer SHELTER-Meditations-CD, die wir nur auf Konzerten verkaufen werden. Aber dies ist ja ein Punkrockinterview, also lassen wir das ...\" Wie süß. Ich beiße an und frage nach mehr. Er läßt sich schnell überzeugen, lebt merklich auf und erklärt mir die Bedeutung der Aufnahmen. \"Es sind traditionelle Krishna-Chants, die um 1500 vor Christus entstanden sind. Einen Teil singe ich, einen Teil meine Freundin. Die Instrumentierung ist ebenfalls traditionell gehalten: Tablas, indische Percussion-Instrumente, Zimbeln, eine Sitar und einige andere Saiteninstrumente. Es ist keine wirkliche SHELTER-CD, aber Porcell, Dave, unser neuer Drummer, der auf der Berkeley Music School Schlagzeug und indische Percussion studiert hat, und ich waren hauptsächlich beteiligt, weshalb die Platte unter unserem Bandnamen firmiert.\"
Jetzt kommt er richtig in Fahrt, holt ein Bild hervor, ein traditionelles Gemälde, das als Coverartwork dienen soll und verschiedene Tiere zeigt, deren religiöse Bedeutung er mir erklärt. Das vielleicht bekannteste als heilig verehrte Tier, die Kuh, ist ebenso zu sehen wie beispielsweise ein Schwan, der dem Glauben nach imstande ist, pure Milch aus einem Milch/Wasser-Gemisch zu ziehen, und deshalb als weise gilt. Mein wirkliches Interesse beflügelt ihn, sichtlich erfreut reicht er mir sein heiliges Gebetbuch und zeigt mir die Chants, die gerade laufen, läßt mich mitlesen und übersetzt simultan. Ich erfahre, daß jedes Wort als ein Bild zu sehen sei.
Nach der kurzen Vergewisserung, daß das offizielle Interview nun beendet sei, läßt er mich mit dem Cover, seinem Gebetbuch und der Musik allein, um im Nebenzimmer letzte Instruktionen zur Präsentation der offiziellen neuen SHELTER-Platte zu geben. Als er wiederkommt, scheint ihm eine Idee gekommen zu sein: \"Hast du für den Rest des Abends schon Pläne? Hier in Köln gibt es ein Krishna-Restaurant, in dem ich letztes Jahr ein VIVA-Special gedreht habe. Eigentlich hat es schon geschlossen, aber für mich machen sie eine Ausnahme.\" Und so sitzen wir wenig später bei lecker Essen in gemütlicher Runde.
Ray beginnt zu plaudern: \"Meine Schwester ist mit einem Typen verheiratet - früher der Prototyp eines Redneck: fett, intolerant und dumm. Er konnte absolut nicht verstehen, daß ich vegetarisch lebe, und hat sich immer über mich lustig gemacht, so daß Familientreffen der absolute Horror waren. Besonders als ich ins Kloster ging, hatte ich seine ungeteilte Verachtung. Vor einiger Zeit rief mich meine Schwester an und klagte, ihrem Mann ginge es sehr schlecht. Er sei fürchterlich dick geworden, würde nur noch lethargisch rumliegen und andauernd kränkeln. Sein Arzt habe ihm eine Radikalkur verordnet und, sollte er sein Leben nicht total umstellen, ein baldiges Ende offenbart. Meine Schwester bat mich um Hilfe. Also gab ich ihr die Adresse eines Ernährungswissenschaftlers in ihrer Nähe. Danach habe ich lange nichts gehört, bis vor ein paar Monaten wieder mal ein Familientreffen anstand. Und da war ihr Mann und sah so gut aus! Er sprudelte vor Energie, war dünn, lachte die ganze Zeit und wirkte einfach glücklich. Er kam auf mich zu, schüttelte meine Hände und sagte, er müsse unbedingt mit mir reden. Ich war total verunsichert und dachte, er wolle mich verarschen, aber wie sich herausstellte, hatte er wirklich sein ganzes Leben verändert, nach den Vorgaben des Wissenschaftlers gelebt und war ein offener, fröhlicher Mensch geworden! 'Früher hat mich unser Nachbarshund immer angebellt, als wolle er mich auffressen, und ich habe ihm alle möglichen Krankheiten auf den Hals gewünscht. Jetzt ist er auf einmal so nett zu mir, wedelt immer mit dem Schwanz, wenn er mich sieht. Wir begrüßen uns, spielen miteinander - es ist, als könnten wir uns verstehen.' Natürlich hatte das nicht direkt mit der Tatsache zu tun, daß er jetzt vegetarisch lebt, aber mit Sicherheit mit der größeren Ausgeglichenheit, zu der er durch seinen neuen Lebenswandel gekommen ist. Später an diesem Abend - er hatte sich angeboten, mich zu einer über dreihundert Kilometer entfernten Spoken Word-Veranstaltung zu fahren - bat er mich, ihm von meinen Lebensgewohnheiten zu erzählen. Mir ging es nicht darum, ihn zum Devotee zu machen, sondern alleine um die Möglichkeit, ihm andere Wege aufzuzeigen, seinen Horizont zu erweitern. Die Offenheit, mit der er mir seitdem begegnet, ist fantastisch.\"
Ist Ernährung nicht sowieso ein grundlegendes Problem für Künstler, die wie SHELTER nach vegetarischen und religiösen Gesichtspunkten leben? \"Früher, als wir mit SHELTER anfingen, war es manchmal schwer, das Essen zu bekommen, das wir wollten, vor allem tagsüber in fremden Ländern. Inzwischen stellt das aber kein Problem mehr dar - wir haben eine Catering-Liste, die im Vertrag enthalten ist und den Veranstaltern klare Vorgaben bietet, und für Off-Days und die Zeit im Bus unseren persönlichen Koch. Trotzdem stellt die Zeit der Tour immer eine ziemliche Belastung dar, schließlich ist man für Monate von seiner Familie und seinen Freunden getrennt - J. von WHITE ZOMBIE war nach der letzten Platte sogar zwei Jahre auf Tour, ohne auch nur einmal nach Hause zu kommen. Man muß eine ganz bestimmte Sorte Mensch sein, um so was auszuhalten. Die Erkenntnis einiger Ex-SHELTER-Musiker, eben nicht zu dieser Sorte Mensch zu gehören, hat auch zu den Besetzungswechseln geführt, die wir in den letzten Jahren immer wieder hatten. Letztlich sind ja Porcell und ich die einzigen Konstanten bei SHELTER. Touren müssen nun mal sein, und wer da nicht mitziehen kann oder will, der wird durch jemanden ersetzt, der damit keine Probleme hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß richtige Freunde mit solchen Schritten auch keine Probleme haben. Ich stehe mit fast allen noch in Kontakt.\"
Ebenso mit \"Revelation Records\", dem HC-Label, das Ray vor mehr als zehn Jahren gründete und verkaufte, bevor er nach Indien ging. Dort erschien kürzlich die hundertprozentige Old School-Scheibe \"Just One\" von BETTER THAN A THOUSAND, einem Spaßprojekt, mit dem Ray, neben Ken Olden und Graham Land von BATTERY und DAMNATION A.D., ab und zu auch auf der Bühne steht. \"Just One\" ist Stoff für all diejenigen, die die YOUTH OF TODAY-Trennung auch heute noch nicht verkraftet haben und Rays Stimme nur über schwungvollem Gebretter wissen wollen. \"Beyond Planet Earth\" dagegen zeigt SHELTER als gereifte Punkrockband mit Melodien für Millionen.



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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