DIE INDIETITÄTSKRISE
Das deutsche Indie-Dilemma. Klang und Wut in der Dekade danach.
20.09.1997, 21:37, Text: Autor unbekannt
Zum Jahrestag von \"The Sound & Fury\" macht die Berliner Firma \"Nois-o-lution\", eine Tochter des Indie-Pop-Pioniers \"Vielklang\", den Versuch, mit einer Fortsetzung den Spirit von germanischer Rockkultur in 1997 aufzudecken. Compiler Arne Gesemann setzte sich zur Aufgabe, das musikalische Erbe der Klasse von 1987 anhand aktueller Verästelungen im deutschen Indie-Wald zu dokumentieren. Wie er bald merken sollte, ein nicht ganz unproblematisches Unterfangen. Die erste Generation verweist auf ihren Outsider-Status, das Kollektivbewußtsein und die Bedürfnisse der Zeit. Protagonisten des Jetzt scheuen lieber den Indie-Kontext, wegen der Gefahr, in eine Schublade zu wandern.
Alfred Hilsberg gilt als Erfinder von NDW, Jochen Finke ist der Vater von deutschem Indie-Rock. Im westfälischen Waltrop schürte er 1987 mit \"The Sound & Fury\" den Szenegeist, den die illusionslose deutsche Rockszene so dringend nötig hatte. Eine mit der Plattenveröffentlichung verbundene gemeinsame Clubtour vieler Bands vom Sampler unterstrich dies eindrucksvoll. Da bildeten plötzlich Bands wie die Berliner THE STRANGEMEN, die Duisburger FLOWERPORNOES oder die Nürnberger TRUFFAUTS die Eckpfeiler für ein eigenes Genre. Für Finke auch retrospektiv ein Phänomen: \"Unsere Ambition war, Anerkennung bei den Medien zu bekommen, denn die war praktisch nicht gegeben. Deutsche Bands wurden, wenn überhaupt, nur belächelnd wahrgenommen. Da taten sich in unterschiedlichsten Gegenden Bands auf, die englischsprachige Rockmusik spielten. Das war etwas Neues. So erhielt der Sampler einen richtungsweisenden Charakter.\" Anders als 1987 hat die Teutonenposse heute keine Probleme, ein Echo in der Öffentlichkeit zu erzielen. THE NOTWIST, SHARON STONED oder HIP YOUNG THINGS sind arrivierte Vertreter der Indie-Spezies. Finkes Bruder Wolfgang, damals als Musiker bei WELL WELL WELL aktiv, hält die Fortsetzung von \"Sound & Fury\" deshalb für überflüssig. Für ihn wirkt Part II wie eine Rechtfertigung für Gitarrenmusik mit englischen Texten. Der Ex-Frontmann: \"Man versucht hier ein Genre zu verteidigen, das es gar nicht gibt. Auch Bands wie DIE STERNE machen Gitarrenmusik.\" Signifikantes Merkmal der ersten Generation war, daß keine der Bands im überregionalen Sinne etabliert war. Underground im klassischen Sinne war in diesen düsteren Tagen nach NDW nicht existent. W. Finke: \"Mit dem Vorläufer versuchten wir, kollektiv die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.\" Daß die '87er-Protagonisten in ihrem Tun beinahe eine übersinnliche Berufung zu sehen schienen, verdeutlicht Rembert Stieves Rückblick im Booklet von \"Part II\". Der Vize-Boss des \"Glitterhouse\"-Labels, das auch für \"SubPop\" den Boden in Europa bereitete, kämpfte für das Gute: \"Gut im Sinne von ganz anders als das böse andere, das im Radio lief. Es schien in unserer damaligen Naivität, als könne man viele zarte Bands zu einem Netz verknüpfen, in dem der gute Geschmack sich niederlassen dürfte. Oder zu einem Seil, an dem man die Bösen baumeln sehen wollte.\"
Solch' blumiger Nostalgie tritt Sequel-Compiler Gesemann mit sportsmännischen Volksweisheiten entgegen: \"Bedenke: das '72er EM-Team wird auch mit jedem Jahr besser. 'Sound & Fury I' hör' ich heute mit gemischten Gefühlen. Erinnerung und Staub kleben an dem Ding, etwas 80er-Mief, und die Bedeutung, die diese Schallplatte hat, ist nicht objektiv herauszuhören und für andere wohl kaum zu verstehen.\" Für ihn ist seine Kopplung gleichermaßen geeignet, einem Mißverhältnis in der Popmusikbranche Abhilfe zu leisten. Was die Berichterstattung zu den bei ihm vertretenen Erfolgsbands von der Weilheim-/Ostwestfalen-Connection anbetrifft, vermutet er ein Alibi der Medien: \"Die meisten deutschen Gitarrenrockbands haben auch heute keine Lobby.\" Während die Kritik die erste Garde von Bands als Gralshüter traditioneller Werte lobpreist, fragt sie in der Peripherie unaufhörlich nach dem Nutzen des Indietums.
Mit Verlust von Kult- und Zeitgeistprädikat, dem Erreichen des Overgrounds durch \"SubPop\", explodierten bei internationalen Combos einige Zeit die Verkaufszahlen. Während sich formatadäquate Konsensbands wie die FOO FIGHTERS auch heute vor überschwenglichen Reviews kaum retten können und ihre Bühnen in Hallenvenues stehen, fragen Labels und Medien bei unbekannten deutschen WIPERS/HÜSKER DÜ-Eklektizisten stets nach dem Sinn. Die Verkaufszahlen der auf \"Part II\" vertretenen Acts sind mit Ausnahme populärer Namen nicht weiter nennenswert. Michael Meier, Betreiber des \"Supermodern\"-Labels und Manager von SHARON STONED und LOCUST FUDGE, stellt fest: \"Die Reviews unserer Produkte verfügen meist über den Verweis auf das überholte, altbackene Genre.\" Im Vertrieb EFA, in den Achtzigern Paradedistributor deutscher Indie-Kost auf \"Glitterhouse\", \"Big Store\" oder \"Vielklang\", denkt man laut darüber nach, sich völlig von gitarrenlastigen Produktionen zu verabschieden. Meier betrachtet es deshalb als lobenswert, den Gedanken, der auch hinter dem ersten Teil stand, noch mal aufzuzeigen: \"Ein Zeichen setzen, daß wir da sind und Kram machen, der anders ist als der konventionelle Kram aus Deutschland.\"
Der Sinn einer Neuauflage war es demnach nicht, erneut ein richtungsweisendes Werk vorzulegen, sondern auch die Vielseitigkeit, die sich im Kontext Gitarrenmusik inzwischen entwickelt hat, darzustellen. Meier: \"Seine Repräsentativität gewinnt die Compilation über die verschiedenen Annäherungen an Musik, die nebeneinandergestellt werden. Über Geschmack läßt sich natürlich streiten.\" Aus dem Kollektiv der '87er ist eine Mehrklassengesellschaft geworden, in der etablierte Bands ein Muß für die Kommerzialität des Albums darstellen. Erst die Teilnahme von NOTWIST oder SHARON STONED garantiert, daß der Hörer auch innovative Neuentdeckungen wie SLUT, CIMT oder MUSTANG FORD kennenlernt. Der Transportcharakter, der 1987 aufgrund der Exklusivität des Sujets weder maßgeblich noch vorhanden war, ist heute grundlegende Voraussetzung. Andernfalls liefe \"Sound & Fury II\" Gefahr, zum gefürchteten Ladenhüter zu avancieren. Die Umstrukturierung des Marktes, die Einsetzung von Talentscouts und die sprunghafte Zunahme von kleinen Plattenfirmen haben bewirkt, daß keine halbwegs gute Band mehr fürchten muß, nicht gesigned zu werden. Trends entstehen nicht mehr unter Ausschluß der Öffentlichkeit, sondern werden provoziert. Erfolgskünstler werden aufgebaut.
Unter diesen Voraussetzungen zeigt sich Rembert Stiewe genervt von der Fragerei nach einer \"deutschen Identität\" bei englischsprachigen Gitarrenbands. Wenn es nach ihm ginge, könnten die Gruppen über eine südtibetanische Identität verfügen, wenn ihre Musik in sinnstiftender Weise sein Leben erhellen würde. Mit anderen Worten: Scheiß auf die Relevanz von Musik, es geht um den Spaß an Musik. In diesem Sinne: Klang & Wut 2007.
THE SOUND & FURY (1987) (Big Store / EFA)mit: LOLITAS, THE STRANGEMEN, POLITICIANS, FERRYBOAT BILL, WELL WELL WELL, FLOWERPORNOES, LAND OF SEX & GLORY, TRUFFAUTS u. a.
THE SOUND & FURY PART II (1997) (Nois-o-lution / EFA)mit: NOTWIST, SHARON STONED, SUN, MEDFIELD MA, LOCUST FUDGE, TUESDAY WELD, CIMT, SLICK, DESMOND Q. HIRNCH, FRIRST THINGS FIRST, PARTY DIKTATOR
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