PORTISHEAD
HipHop, Erfolg, HipHop
15.09.1997, 20:01, Text:
Jochen Bonz
? Schön, euch hier zu treffen, aber eigentlich dachte ich ja, ihr wolltet eure Promo-Tätigkeit auf den Gig in New York und die anschließende Pressekonferenz beschränken.
GB: Das dachte ich auch.? Wohin müßt ihr jetzt noch?GB: Nächste Woche fliegen wir wieder in die USA. Danach muß ich nach Spanien. Dave fliegt dann aber nach Hause, um die ganze Technik für unsere Tournee vorzubereiten. Wir machen als Band ja alles selbst. Wir treffen die technischen Vorbereitungen für die Tournee, wir kümmern uns um das Artwork, die Videoclips ...
? Das heißt, ihr sucht euch die Leute, die für euch die Videos machen.GB: Nein, wir machen das selbst.
? Basiert dieses Video auf dem Gig in New York?GB: Nein, es basiert auf einer italienischen Gameshow von 1968. ? 1968? Wow!GB: Es ist wunderbar, diese Show anzusehen, weil die Musik ...? Moment mal, wie alt bist du eigentlich?GB: Für mein Alter sehe ich noch ziemlich jung aus, haha. Quatsch, ich habe die Wiederholungen gesehen. Das Schöne daran sind die Acts, italienische Sänger, die man vielleicht mit TOM JONES vergleichen könnte. Brillante Musik!
? Was haben die gespielt, Beat oder so eine Art Soul oder was?GB: Ja, so alte Popsongs mit einem Soul-Feeling.DD: Orchestriert natürlich.GB: Really heavy. Die ganze Show erinnert mich daran, was wir machen wollen, ohne deshalb wie eine Retro-Band zu klingen. Von dieser Musik möchte ich sampeln. Das ist genau das Ding: wir schauen in die Vergangenheit, um daraufhin etwas ganz Neues machen zu können.
Wenn man sich mit PORTISHEAD über Musik unterhält, über ihre Musik, sowohl im Sinne von "Portishead" wie auch im Sinne von Lieblingsmusik, Einflüssen, dann kommt das Karussell in Bewegung. Dann steigt man in die Achterbahn und kommt aus den Loopings nicht mehr raus. Rundherum: von italienischen Sängern kommt man auf WU-TANG, von HipHop zu SERGE GAINSBOURG, von französischen Chansonniers auf RADIOHEAD, NIRVANA, und schließlich landet man wieder bei italienischen Sängern. Ihr absoluter Favorit ist zur Zeit BERLUSCONI. Genau, DER Berlusconi. "Der war früher ein echter Crooner", meint Dave McDonald. Geoff Barrow fügt an: "Er hat sich damals stark an FRANK SINATRA orientiert."
? Orchestermusik. DD: Ja, diese ganze, große Idee von european string-melodies. GF: Das interessiert uns.? Kennt ihr BERT KAEMPFERT?GF: Wen?? BÖRT KÄMPFERT, ein deutscher Arrangeur und Orchesterleiter, der in den 60ern vor allem in den USA erfolgreich war. Orchestermusik mit so einem Hauch von Beat.
GF: Mußt du mir aufschreiben. Gibt es die Platten noch?? Ja, die werden ständig wiederveröffentlicht, für ältere Leute eigentlich. Aber als vor ein paar Jahren cheesy music wiederentdeckt wurde, da hat man sie auch oft in kleinen Clubs gespielt.
GF: Ich meine, wir mögen diese Art von Musik, aber nicht als Lounge oder Easy Listening. Wir mögen sie heavy.
? Ausdrucksstark.GF: Yeah.? Sentiments ...DD: ... with a groove.? Damit hätten wir eine Beschreibung eurer Musik.GF: Ja, und für mich stellt sich diese Kombination als die natürlichste Sache der Welt dar. Es ist die logische Konsequenz aus den Musiken, die wir lieben.
Das PORTISHEAD-Karussell rotiert um die Achse alt/neu und ist doch kein Kreislauf. Schon eher ist PORTISHEAD-Musik eine spiralförmig sich zwischen alt und neu voranschlängelnde Bewegung. HipHop, verstanden als hochreferentielle Dance- und Songmusik, gibt dafür die Blaupause ab. Entsprechend seiner Position innerhalb der afroamerikanischen Musiken und seiner spezifischen Beziehung zu ihnen, nutzen auch PORTISHEAD HipHop als Sampling-Maschine. Sie übernehmen den Groove, sie übernehmen sogar Soundcharakteristika wie die Scratchgeräusche, die "Portishead" so ein Old-School-Flavour geben. Sie referieren jedoch nicht auf Jazz und Soul, sondern auf seine europäischen Kopien: MORRICONEs Filmmusiken (Jazz) und TOM JONES' Schlager (Soul). Indem PORTISHEAD die (europäisch verfremdeten) Kopien kopieren, indem sie DIE moderne und von afroamerikanischen Musikern als solche entwickelte Kopiertechnik (Sampling als HipHop als Samples im Groove) kopieren, wiederum, machen sie europäischen HipHop, und zwar in einem viel zutreffenderen Sinn als etwa hiesige HipHop-Acts. Das ist schon ganz schön ausgefuchst, ein besonders eleganter hermeneutischer Zirkel. Die dabei zur Sprache kommende Realität ist zwangsläufig und ja auch erfreulicherweise eine ebenfalls irgendwie eher europäische: Im HipHop von PORTISHEAD materialisiert sich die Klage über hiesige Verhältnisse in den verfremdeten Sounds Europas und dem Soul von Beth Gibbons Gesang. Wie das zustande kommt, als Musikmachprozeß? Die etwa von STEREOLAB hervorgehobene Unterscheidung zwischen Songwriting und der Collage von Sounds spielt für PORTISHEAD keine so große Rolle. Geoff Barrow sagt zwar: "Das Songwriting überlassen wir zu großen Teilen Beth, insofern ist sie die Songwriterin von PORTISHEAD." Im Grunde sind jedoch alle vier Bandmitglieder in den Prozeß verwickelt. Beth Gibbons schreibt die Lyrics und Melodien, Adrian Utley schreibt die Arrangements, Geoff Barrow und Dave McDonald entwickeln und engineeren weitere Sounds. Und dieser ganze Prozeß hat für PORTISHEAD die Bedeutung von Songwriting. (Eigentlich unterscheidet er sich nicht von der Arbeitsweise STEREOLABs. Er wird jedoch anders verstanden. Während STEREOLAB vom Konzept Rockband/Songwriting ausgehen und das Collagieren von Sounds als fremd, neu, experimentell verstehen, gingen PORTISHEAD von Beginn an vom Konzept HipHop aus und sehen darin die zeitgenössische Form des Songwritings. Der Umgang mit Sounds ist dabei immer schon als elementarer Bestandteil des Songwritings mitgedacht.) Beim Debütalbum "Dummy" stellten Samples von alten Musiken einen großen Teil der Sounds dar. Auf "Portishead" gibt es nur ein, zwei derartige Samples, wie Geoff Barrow und Dave McDonald erzählen. Die ganzen Orchesterelemente beispielsweise sind selbst komponiert. PORTISHEAD verstehen das als konsequenten Entwicklungsschritt, der eher mit Ego denn mit Musik oder Kunst zu tun hat. Er hat aber auch Auswirkungen. "Portishead" ist reif, sehr reif; "Dummy" dagegen erscheint einem im Rückblick wie der erste Jahrgang eines mit fremden Reben angelegten Weinbergs.
? Wie war das eigentlich nach dem Erfolg von "Dummy", habt ihr euch auf einen Schlag als Popstars gefühlt?
GB: Überhaupt nicht.DD: Wir haben immer versucht, dem Trubel auszuweichen. Es ist okay, mal zu einer Party der Schallplattenfirma zu gehen und das zu erleben ...
? Für einen Abend.DD: Genau, für einen Abend. Danach ist es Zeit, wieder in die Normalität zurückzukehren.
? Das geht?DD: Wenn man in Bristol lebt, schon. Es gibt dort keine Major-Companies, und das ist gut so. Von London aus gesehen, liegt Bristol hinter den sieben Bergen.
GB: In Bristol kümmert man sich nicht um das, was in London gesagt, geschrieben und geplant wird. Die Leute in Bristol machen einfach Musik, die sie fühlen, Musik, von der sie meinen, daß sie gemacht werden sollte. In Bristol wird experimentiert.
? Habt ihr Kontakt zu RONI SIZE?GF: Ja, ich habe ihn auf eine witzige Weise kennengelernt.Die witzige Weise ist eine gute Geschichte, und sie erzählt sich so: Vor einem Jahr hat Geoff Barrow geheiratet. Genau. Allerdings nicht Beth Gibbons. Sein Honeymoon hat das Paar nach Amsterdam geführt beziehungsweise erst mal auf den Flughafen in Bristol. Dort sah Geoff Barrow RONI SIZE und wußte nicht, was tun. "Ich saß da so rum und habe die ganze Zeit über krampfhaft versucht wegzuschauen. Aber beim Einchecken standen wir dann plötzlich nebeneinander, und ich habe mich ihm vorgestellt. Das war dann sehr nett. Er war auf dem Weg zu irgendeinem DJ-Job. Ja, und seitdem sind wir befreundet." Geoff Barrow lacht ein quietschiges Comic-Strip-Lachen. Dave McDonald muß jetzt unbedingt telefonieren. Und im Januar kommen PORTISHEAD auf Tournee.
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