ROBERT WYATT

The Shleeper

14.09.1997, 12:03, Text: Autor unbekannt

\"Das Leben eines Menschen ist nicht wichtig für seine Kunst\", reagiert er in einem kleinen Londoner Straßen-Café auf die Frage nach seiner langen Plattenabstinenz. \"Aber ich hatte Anfang der Neunziger einen Nervenzusammenbruch. Es kostete mich viel Zeit, wieder zu malen, zu schreiben oder in meinem Zimmer Musik zu machen. Und alles total unkontrolliert. Irgendwann bekam ich eine Panik, die sich am Ende hemmender auswirkte als das ursprüngliche Problem. Ich begann darüber nachzudenken, wie sich der Geist so völlig ausklinken kann, während der Körper seine Fähigkeiten beibehält. Normalerweise bin ich so zerstreut, daß es mich eher überrascht, wenn ich von Zeit zu Zeit Songs mache und zu einem Album schmiede.

Nicht die lange Wartezeit zwischen den Platten verblüfft mich, sondern der Fakt, daß überhaupt hin und wieder eine Platte zustande kommt.\"
ROBERT WYATT bezeichnet sich als Walroß, das zwar auf dem Trockenen leben und fressen kann, aber eingehen würde, wenn es nicht hin und wieder ins Wasser zurück könnte. So taucht WYATT in die Musik ab. Die Songs seines neuen Albums, die fast ausschließlich bewußt oder unbewußt von der Sehnsucht nach Schlaf handeln, sind von erstaunlicher Unschuld. WYATT schlüpft in die Rollen von Tieren, um allzu menschlichen Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Der kompromißlose Kämpfer von einst setzt dabei auf absolute Harmonie. Die instrumentalen Tracks, von Musikern wie Ambient-König BRIAN ENO, STYLE COUNCIL-Gitarrist PAUL WELLER, ROXY MUSIC-Gitarrist Phil Manzanera, Jazz-Schöngeist PHILLIP CATHERINE, Free Jazz-Legende EVAN PARKER oder Posaunistin ANNIE WHITEHEAD eingespielt, sind von komplexer Ausgewogenheit. WYATTs Stimme thront darüber wie auf einem Elfenbeinturm. \"Stimmen, egal wie du sie einsetzt, nehmen in der Musik stets eine explizite Rolle ein. Das ist ein Hauptunterschied zur Malerei. Da kannst du jeder Farbe oder Form die Funktion der Stimme geben. In der Musik hingegen wirst du die Stimme stets sofort herausfiltern, denn unser Gehör ist von Kindheit an auf Sprache und anderer Menschen Stimmen eingerichtet. Dabei sehe ich den Gesang in meinen Songs nicht einmal als wichtigstes Element. PAUL WELLER ermahnte mich, meiner Stimme mehr Klarheit zu verleihen. Er sagte: 'Du hast Worte, und die Leute wollen hören, was du sagst.' Er war es letztlich, der mich überredete, die Stimme in den Vordergrund zu stellen.\"
Auffällig ist die Intimität der Texte. War ROBERT WYATT einst berüchtigt für seine Kampf- und Protestsongs, so zeugen die neuen Lieder einfach nur noch von einer Sehnsucht nach innerem Frieden. Dabei ist WYATT so wach, kritisch und aufmüpfig wie eh und je. Nicht auf das, was man sagt, komme es an, sondern auf das, was man lebe. Immerhin habe ihn in den späten Sechzigern, als alle Welt zum politischen Aufbruch rüstete, nichts weniger gekratzt als allgemein gesellschaftliche Probleme. Sein Interesse an der Politik kam erst in den Achtzigern. Er habe sich somit nie in Synchronisation mit dem gesellschaftlichen Mainstream befunden. \"Ich habe mich in keiner Weise verändert\", postuliert er in sanft kämpferischem Ton. \"In gewisser Weise war ich reaktionär. Wenn mich mental etwas so sehr störte wie zum Beispiel die kulturelle Oberflächlichkeit in den Achtzigern, mußte ich auf Distanz gehen. Ich empfand eine intellektuelle Klaustrophobie und mußte ausbrechen. Dadurch kam ich in den Ruch eines Kämpfers, obgleich ich einfach nur mich selbst und meine Freunde verteidigte. Der intensivste Konflikt meines Lebens war der der nationalen oder rassischen Identität. Ich fühlte mich JOHN COLTRANE, GEORGE GERSHWIN oder Modigliani viel näher als meinem englischen Nachbarn oder gar meinem Premier-Minister. Wenn man sich meine Platte genauer ansieht, wird man bemerken, daß ich weiter nach denselben Maximen handle. Phil Manzanera ist Kubaner, mein Bassist kommt aus Kolumbien, der Geiger ist Japaner, Phillip Catherine ist Belgier, BOB DYLAN, dessen Ideen ich aufgreife, ist amerikanischer Jude. Ich beanspruche ein universales menschliches Territorium, und das war immer so. Doch entgegen dem allgemeinen Wunschdenken haben psychische Wunden kaum eine Chance zu verheilen. Die Menschen sind aufgrund der allgegenwärtigen Akkumulation des Schreckens derart traumatisiert, daß die Herausforderung darin besteht, ihnen ein psychologisches Krankenhausbett zu schaffen.\"
Große Worte, die man getrost als das nehmen kann, was sie sind, auch wenn WYATT unverhohlen eingesteht, daß diese Gedanken rein retrospektiven Charakters sind. Während der Arbeit zu \"Shleep\" hat er sich einfach nur mit den Songs beschäftigt und den Intellekt ausgeschaltet. Am Ende steht ein Monument der Emotionen, das einen weiten Bogen vom Mystizismus der frühen Siebziger zur Rationalität der späten Neunziger schlägt.



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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