CHUMBAWAMBA

No Depression

10.09.1997, 22:14, Text: Autor unbekannt

Da ist das Standvermögen von CHUMBAWAMBA schon fast unbegreiflich. Seit nunmehr sieben Alben entwickelt das anarchistische Kollektiv aus Leeds sein Konzept der Zusammenführung bissiger Betrachtungen (vornehmlich) britischer Befindlichkeiten mit unverfrorenem Wildern in allen Bereichen, die moderne Pop-/Dancemusik zu bieten hat - unter besonderer Berücksichtigung von hinreißenden Melodien und ebensolchen Harmoniegesängen. \"Du kannst deinen Enthusiasmus nur so lange behalten, solange du deinen Blick auf die moderne Welt bewahrst\", meint Sängerin Alice Nutter. \"Ich kann Leute nicht verstehen, die fragen: Warum macht ihr weiter? Das deprimiert mich.

Aber wir haben nie von uns selbst erwartet, daß wir die Welt verändern. Wir können nicht die sein, die sich auf eine Kiste stellen, den Startschuß geben, und alle marschieren los. Das ist nicht unsere Rolle. Wir sind ein kleiner Teil, der Anstöße zu einem Wandel geben kann.\"
Leicht macht ihnen das keiner, angefangen bei den Fans. Niemand schaut CHUMBAWAMBA in Sachen political correctness so unerbittlich auf die Finger wie sie. Als die Band nach dem Album \"Shhh\" und nach langem Überlegen ihr eigenes kleines Label \"AgitProp\" aufgab, weil man einfach keine Zeit mehr hatte, sich vernünftig drum zu kümmern, ging ein lautes Lamento von \"Verrat\" und \"Ausverkauf\" durch die Szene. Wohlgemerkt, CHUMBAWAMBA wechselten nur zum angesehenen Indie \"One Little Indian\". Und das, weil sie dessen Besitzer gut kannten. Fatalerweise war dieser letztendlich doch kein so guter Freund. Zunächst verdealte er \"OLI\" an \"Virgin\", also befand sich die Band plötzlich in der unangenehmen Gesellschaft der BÖHSEN ONKELZ. Dann ignorierte man dort schlicht promotiontechnisch CHUMBAWAMBAs Fotobuch/CD-Projekt \"Portraits Of Anarchists\" (sehr empfehlenswert übrigens), so daß kaum jemand von seiner Existenz erfuhr. Alice: \"'One Little Indian' hat nicht für uns gearbeitet, weil es nicht nur eine Geschäftsbeziehung war. Sie wollten uns kontrollieren, unsere Songs und was wir tun. Das war ein Todeskuß, sobald wir etwas 'härtere' Songs schrieben. Als wir dieses Projekt planten, das nicht nur im Pop-Rahmen funktionieren sollte, gerieten sie in Panik. Sie konnten mit unserem Selbstverständnis nichts anfangen. Von dem Punkt an war 'One Little Indian' nicht mehr interessant für uns. Wir wollten schließlich weiter wachsen und mußten einen Vertrag finden, der uns alle Freiheiten läßt. Jahrelang haben wir gesagt, wir unterschreiben überhaupt mit niemandem einen Vertrag. Wir sind Anarchisten und arbeiten auf Vertrauensbasis. Aber das ist dumm, schließlich ist der Rest der Welt eben nicht anarchistisch.\"
Nun landete man bei der \"EMI\" und gibt Interviews im noblen Kölner Hyatt-Hotel, sonst Heimstatt der KELLY FAMILY und MICHAEL JACKSONs. Die Fans werden es lieben ... \"Gut, viele werden nun meinen, das sei ja noch schlimmer\", sagt Gitarrist Boff. \"Aber in vielerlei Hinsicht ist es okay. Wir haben das Album erst fertiggestellt, dann haben wir entschieden, mit wem wir arbeiten wollen. Egal, was wir tun, es wird immer Leute geben, die versuchen, uns zu dissen. Wenn wir ein Konzert für 15 Deutschmarks geben, wird jemand sagen, wir sollten für 10 Mark spielen. Spielen wir für 10, wird jemand sagen, es sollten 3 Mark sein.\"
Auch im Umgang mit der Musik kennen CHUMBAWAMBA keine Dogmen. Auf der einen Seite ist die Message für sie ein wichtiger Faktor, die Harmonien für deren Transport finden sich in ironischen Vereinnahmungen von Strukturen irgendwo zwischen PET SHOP BOYS und Brit-Folk, ihren Groove ziehen sie aber (auch was die persönlichen Präferenzen angeht) aus einem Bereich, der über weite Strecken instrumental daherkommt und schlicht zum Tanzen gemacht ist: Beats aus Jungle, Drum&Bass, HipHop. Kann instrumentale Musik politisch sein? Harry (Drums, Programming): \"Ja. Ich denke, es hat mit der Arbeitsweise zu tun. Wenn ich ein Anarchist bin und in einem anarchistischen Kollektiv arbeite, das auch eine Popband ist, rede ich in Interviews davon, weil es einfach fest zu unserem Leben gehört. Das ist politisch. Wenn wir ein Drum&Bass-Album machen würden oder ein anderes mit Instrumentals, sind wir immer noch eine anarchistische Band, eine kollektive Bandeinheit. ... In den 60ern und frühen 70ern gab es vor allem in den USA einige Jazzbands, die als Kollektiv arbeiteten und revolutionäre Songs spielten. Ihre Attitude war sehr radikal, aber es waren Musiker ohne Texte à la 'Workers Of The World Unite'. Du wußtest, was sie fühlten, und du wußtest, was sie dachten, auch ohne Texte.\"
Gut, das ist die Seite der Macher, aber wie ist das auf der Seite der Hörer, die durch die Woche arbeiten, durchs Wochenende raven und sich sonst für nichts weiter interessieren? Alice: \"Sie haben keine Chance, die Platte zu kaufen und an der politischen Komponente vorbeizukommen. Zumal das Booklet voll ist mit Querverweisen zu den politischen Anliegen und Kämpfen anderer Leute und Gruppen. Da ist noch eine kleine Sache: Ich liebe es, rauszugehen und zu tanzen, absolut. Nicht immer, aber es muß sein. Einfach alles rauszulassen, eine gute Zeit zu haben. Mit oder ohne Drogen. Es sollte nichts Besonderes sein, für ein paar Stunden mal auszuklinken. Und wenn wir auf diese Art benutzt werden, habe ich auch nichts dagegen.\"
Was mit dem neuen Album vielleicht doch nicht so einfach ist. Im Internet laufen die Diskussionen kontrovers: Man hätte es etwas übertrieben mit den hymnischen, süßen Chorussen. Oder hat \"Tubthumper\" einfach nur Hits (die Single \"Tubthumping\" ging in England Top 10), einen nach dem anderen? Die verstörenden Partikel versteckten CHUMBAWAMBA zwischen den Songs: weirde Soundschnipsel, Samples, Breakbeats, Grooves. Jemand machte den Vorschlag, aus den Schnipseln Tracks für ein weiteres Album zu entwickeln. Die Mr. Hyde-Platte nach der Dr. Jekyll-Platte. \"Warum nicht\", grinst Harry, \"und all die sweet chorusses flicken wir dann dazwischen.\"



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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