AMON TOBIN

Chopped Samba

04.09.1997, 20:59, Text: Autor unbekannt

\"Der ganze Scheiß hier strengt mich ganz schön an\", stöhnt AMON TOBIN. Sein Ruhe-Refugium auf der Messe verläßt der 25jährige nur zu Interview-Zwecken. Leise, höflich, ein bißchen Nerd-mäßig - AMON sieht die wuselnden Ausstellungshallen wohl nicht als seinen natürlichen Lebensraum an, eher vermutlich ein Zimmer mit blinkenden Sequencern, leuchtenden Computer-Bildschirmen und einer leise pluckernden Kaffeemaschine. Aufgewachsen mit HipHop und Jazz (GRANDMASTER FLASH, THELONIUS MONK et al.), mit 17 den ersten Casio-Sampler gekauft, irgendwann die ersten Tracks - die übliche \"Ninja\"-Sozialisation hat AMON zufolge mehr Einfluß auf seine Stücke als seine brasilianische Herkunft: \"Ich höre zwar immer noch gerne, wie schon in meiner Kindheit, alte brasilianische Musik - Bossa Nova, Samba, Classico, brasilianische Gitarren und so -, aber ich benutze Latino-Rhythmen, weil ich sie interessant und kraftvoll finde, nicht weil ich irgendwann mal in Südamerika gelebt habe.\"
Einen vergleichbaren Effekt von per Computer gebrochenen Beats und dem rhythmischen Getrommel beim Karneval auf eine tanzende Crowd (ob nun in Rio oder Köln) gibt AMON dennoch zu - eine Ähnlichkeit, mit der er auch auf seinem Debüt-Album flirtet.

\"Bei bestimmten Latino-Rhythmen gibt es diese fette Kraft, diese Macht, die härterem Jungle-Stoff sehr ähnlich ist. Für 'Bricolage' habe ich einfach ein paar dicke Latino-Samba-Beats genommen, sie gechoppt wie einen Funk-Break oder einen HipHop-Rhythmus und sie dann in Jungle-Tracks verwendet.\" Der Album-Titel steht dabei, richtig tiefgreifend, für die Sample-Philosophie dieses netten jungen Mannes: ein Begriff des Anthroposophen Levi Strauss, nach dem sogenannte primitive Wesen komplizierte Dinge in ihrem eigenen Sinne benutzen, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Kontext und Verwendungszweck. Wenn ein Regenwald-Indio also in einem Kühlschrank wohnt, anstatt damit seinen Batida zu kühlen? \"So ungefähr. Ich habe zum Beispiel eine Sitar verwendet und weiß trotzdem nichts über Indien. Ich habe sie einfach wie eine Slideguitar eingesetzt, so wie es mir passend erschien.\"
Passend erscheinen AMON, der bis vor kurzem noch ähnliches Material als CUJO auf \"Ninebar\" veröffentlichte, auch Soundtracks von Film Noir- und Low Budget-Movies als Sample-Quellen für seine Tracks. \"Solche Samples verwende ich sogar noch mehr bei meinen neuen Stücken, da ich während der 'Ninja Tune'-Tour in den USA haufenweise wicked Soundtracks auf Vinyl kaufen konnte. Aber eigentlich bin ich mehr daran interessiert, wohin Klänge gehen, als woher sie kommen.\" Solch gesunde Sorglosigkeit den Wurzeln gegenüber zeigt der liebe AMON auch bei seiner Planung für den dann folgenden Abend, an dem er die Chill Out-Zone eines Breakbeat-Events mit der fingerfertigen \"Full Cycle\"-Crew und DJ-Halbgott GROOVERIDER bestreiten soll: \"Hach, ich weiß noch gar nicht, was ich da so auflegen soll. Mal gucken, schließlich mache ich so was erst seit vier Monaten ...\"



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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