PIXIES-Retrospektive

Teil 1: Jenseits der Stille

03.09.1997, 10:19, Text: Autor unbekannt

So oder ähnlich werden viele ihr persönliches PIXIES-Initiationsritual erlebt haben, in Form von \"Gigantic\", massiver Clubhit, den alle immer noch mal hören wollen und der einiges von dem in sich vereint, was ihre Musik einzigartig erscheinen und einflußreicher werden ließ, als Black Francis, Sänger, Gitarrist und Songschreiber, sich das auch nur im mindesten hätte vorstellen können (wenn vielleicht auch träumen lassen), als ihm 1986 einfiel, einer Band vorstehen zu wollen.
Charles Michael Kirtridge Thompson IV, so sein nicht weniger exorbitanter bürgerlicher Name, schmiß das von der University Of Massachusetts (= U-Mass) geförderte Anthropologie- und Spanisch-Studium in Puerto Rico und überredete seinen Kumpel Joey Santiago (der natürlich nicht wirklich so heißt, aber nix verrät), ihm nach Boston zu folgen.

Nachdem man sich per Learning-by-doing die Grundlagen der Rock-Gitarre draufgeschafft hatte, wurde per Zeitungsannonce nach einer Bassistin (ausdrücklich eine Frau also, weil Thompson jemanden wollte, dessen Co-Vocals höher waren als seine - was ja in dieser Form nicht so ganz geklappt hat ...) gesucht, die sowohl PETER, PAUL & MARY als auch HÜSKER DÜ mochte (Thompson: \"Beide sind melodiös!\"). Kim Deal (künftiger Künstlername: Mrs. John Murphy) war die einzige, die sich meldete und einen Schlagzeuger namens David Lovering mitbrachte. Den überaus passenden Namen PIXIES (= Kobolde, böse Elfen) fand Santiago beim Herumblättern in einem Lexikon - \"ein ziemlicher großartiger Name\", so Thompson später. \"Wird mit der Zeit immer bedeutungsloser!\"
Der Studiobetreiber und Produzent Gary Smith, der den ersten Auftritt der Band im Bostoner Rat-Club sah (\"Nicht nur in der Rückschau eine gänzlich un-irdische Erfahrung\"), war beeindruckt: \"Nach dem Konzert ging ich hinter die Bühne und bettelte die Band förmlich an, Aufnahmen bei mir zu machen. Ein paar Telefonate später saß Charles Thompson bei mir zu Hause und ging mit mir die Songs durch. Sie hatten alle diese explodierenden Refrains und eher ruhige Strophen, egal, wie grotesk, verdorben oder unsinnig das auch erscheinen mochte - und das funktionierte sogar nur mit seiner akustischen Gitarre!\" Als die Band einen Monat später in seinem Studio, einem baufälligen Lagerhaus mit Technik, bei Sandwiches und viel Bier in drei Tagen und Nächten siebzehn Songs aufnahm, hatte Smith eine Vision: \"Gerade war die Instrumentalspur für 'Levitate Me' fertig, und Charles kämpfte noch mit dem Text, als er zum Singen reinging. Aber als er dann allein dastand, war es, als hätte er das Stück schon sein ganzes Leben gekannt; mehr noch, es war wie eine Hymne, die jeder kennt. Ich hatte eine Gänsehaut und wußte, daß das nicht eine von vielen lokalen Bands mit ihrer eigenen Nische war. Es war größer.\"
Smith schickte das Band an Ivo Watts-Russell vom englischen \"4AD\"-Label, der die PIXIES \"zu amerikanisch\" (sprich: laut und schwitzend) für seine Firma fand, die damals fast ausschließlich sehr introvertierte und gänzlich un-rockige Acts wie die COCTEAU TWINS, THE WOLFGANG PRESS und DEAD CAN DANCE unter Vertrag hatte. Für die PIXIES symptomatisch schon an dieser Stelle, daß es dennoch zur Zusammenarbeit kam - im Verlauf der folgenden Jahre konnten sie eine Anhängerschaft aus unterschiedlichsten, quasi-verfeindeten Lagern von Fans und Hörern wie etwa denen von MIDNIGHT OIL, THE FALL und den NITS versammeln: \"Als '4AD' erklärten, sie würden uns einen Plattenvertrag geben, war das wie - ein Sieg!\" so Charles Thompson, inzwischen offiziell Black Francis. \"Kaum zu glauben, das war jetzt wirklich unser Job! Wir sagen das dauernd - 'This is my fuckin' job!' Ziemlich furchteinflößend!\"
Die EP \"Come On Pilgrim\", eine Auswahl von acht der siebzehn von Gary Smith aufgenommenen Demo(!)-Tracks, verstörte und euphorisierte Kritik und Publikum gleichermaßen und setzte sich in Windeseile an die Spitze der britischen Independent-Charts. Reif und selbstbewußt, wie die Platte war, konnte niemand ahnen, daß sie letztlich nur die Andeutung dessen sein würde, das da noch kommen sollte - die Band selbst vermutlich am allerwenigsten.
Was da noch kam, war erst mal \"Surfer Rosa\", der erste Fulltime-Longplayer der PIXIES. Daß darauf auch aufmerksam wurde, wer ihren Vorgänger nicht wahrgenommen hatte und auch sonst nichts mit ihrem Namen verband, dafür sorgte schon ihr auf(sehener)regendes Cover, das eine zu jedermanns Entzücken wunder-bar-busige Flamencotänzerin in pittoresk verfallener Folklorekulisse zeigt - Rosa, um die es im darunter abgedruckten Text von \"Oh My Golly\" geht: \"Sie ist eine Surferin. Sie geht mit einem Surfbrett am Strand entlang und ist sehr schön.\" Ach so.
Einiges zu verdanken hatte das Album dem genialischen Steve Albini, Kopf von BIG BLACK (später RAPEMAN und SHELLAC), haßgeliebter Bilderstürmer und lüsterner Schöpfer kalkuliert-häßlicher Gitarrensounds, der - innerhalb solcher Parameter - seine bis heute vielleicht subtilste Arbeit als Produzent ablieferte. Er schien das Potential, das \"Come On Pilgrim\" barg und nicht preisgeben konnte, besser zu kennen als die PIXIES selbst und machte sich über die Band her, daß es dem Faß die Krone ins Gesicht schlug. Bekannt für seine Abneigung gegen jegliche Art von Klängen, die menschlichen Ursprung assoziieren, gefürchtet für seine Hemmungslosigkeit bei der Wahl der Mittel, setzte Albini zwei Wochen für die Gitarren an und nur einen einzigen Tag für den Gesang. Er filterte Black Francis' Gesang für \"Something Against You\" durch eine E-Gitarre, um eine möglichst brutale, zerrissene Struktur zu erhalten - erschreckend gelungen. Das Ergebnis dieser dekonstruktivistischen Methode war um so vieles lauter, aggressiver, blasphemischer, häßlicher, kurz: größer als \"Come On Pilgrim\", daß die zwei Alben bei vielen Gemeinsamkeiten im Songwriting sich nurmehr vergleichen lassen wie das Ei mit dem Huhn.
\"Surfer Rosa\" penetriert den Hörer mit einer symbiotischen, einander wie Licht und Schatten bedingenden Co-Existenz von Laut und Leise, unbeirrt hämmernder, wendiger Rhythmusarbeit, Joeys heulend rückkoppelnder Stecknadeln-unter-den-Fingernägeln-Bluesfresser-Gitarre bzw. dichtestem Wall-Of-Noise-Interplay mit Black Francis (hier dürften sich z. B. HELMET bedanken), dessen quadrophrener Gesang, gern auch mal auf Spanisch, Haken schlägt zwischen popverlorenem Schöngesang, veritablem Geplapper und den immer seltsam pragmatisch gesetzten, nichtsdestoweniger ungebremsten Ausbrüchen von infernalischem Schreien. Die Durchschlagskraft ist enorm, (Rock-)musikalische Linearität zugunsten von Stop/Motion und einer ganz merkwürdigen Zwei-vor-einen-zurück-Motorik weitgehend aufgehoben. Ein Uhrwerk: verschiedene Ebenen bewegen sich scheinbar unabhängig von-, über- und gegeneinander, um sich zu immer unterschiedlichen chronologischen Zeitpunkten an den immer gleichen Punkten der mechanischen Zeit wiederzutreffen. Der Eindruck ist elliptisch, Anfang und Ende sind nur deshalb von Bedeutung, weil die Band sie spielt, es bleibt immer - spannend (\"Bone Machine\", \"River Euphrates\"): \"Ich versuche Aufmerksamkeit zu erzeugen, indem ich die Struktur der Songs breche und neu beginne\", Francis dazu. \"Man muß es interessant machen, damit es unterhaltsam bleibt, und weil ich eigentlich nicht weiß, wie das geht, mache ich das Einfachste - zerhacken, alles durcheinander bringen.\" Nicht wirklich kokett, weil eher aus dem Bauch entstanden.
Ein unablässiger stream of consciousness auch die Texte, direkt aus Francis' Black Box in die Lautsprecherbox des Hörers und sein Gesicht, und nicht sehr gemütlich - zerstörte Körper, Psychoterror, Schönheit heißt Furcht, Sonne heißt Leiden, Dunkelheit Beleuchtung, den Verstand verlierende Superhelden, Durchdrehen im gelobten Land. Francis: \"Buchstaben, Wörter, man fängt an, Sachen zusammenzubringen, zusammenzusetzen, bis sie langsam Formen annehmen. Aber irgendwas fehlt immer, weil man zuerst mit ganz willkürlich ausgesuchten Silben anfängt.\" Was dann etwa wie folgt aussehen kann: \"There was this boy who had two children with his sisters / who were his daughters / who were his favourite lovers\" (\"Broken Face\"). Inzest, immer und immer wieder - willkürlich? \"Jim Morrison hat viel darüber gesungen, oder?! Ich hab' keine Schwestern oder so. Ich wurde nur streng nach der Bibel erzogen; Pfingstgemeinde, ganz schwer, wird man nie wieder richtig los! Ich beginne einfach mit ein paar Akkorden, die Texte kommen ganz zum Schluß. Das meiste ist spontan.\"
Dennoch scheint einiges - was auch immer der Autor uns damit zu sagen selbst nicht wußte - thematisch positionierbar: \"Cactus\" z. B. kann die sehr poetische, schmerzvolle Darstellung pathologischer, existentieller Sehnsucht sein - \"... / wishin' that I had something you wore / So bloody your hands on a cactus tree / wipe it on your dress and send it to me\" und \"I miss your soup / and I miss your bread / and the letter that you're writin' doesn't mean you're not dead / So spill your breakfast / and drink your wine / just wear that dress when you die\"; \"Where Is My Mind?\" (\"... with my feet in the air and my head on the ground ...\") hymnische Ballade, NEIL YOUNG nicht fern und Favorit feuerzeugtrunkener Mitsinger; das erotisch erhitzte/erhitzende \"Gigantic\" macht den Hörer zum phantasiebegabten Voyeur; \"Vamos\", ein kaum verständlicher, zweisprachiger Surf-Mex-Punkrocker, ist Joeys Showstealer, der sich auf der Bühne so tief und lange in seine handgedrehten Feedback-Loops verbeugt, bis sie schließlich mit ihm zu tanzen scheinen.
\"Surfer Rosa\" war der Durchbruch, bis zur Abhängigkeit geliebt und allüberall die alternativen LP-Hitlisten toppend, seinerzeit ein echter Indie-Superseller: \"Wir sind erstaunt, daß es so schnell ging\", sagte Black Francis, damals zweiundzwanzig Jahre und optimistisch. \"Wir haben Bands getroffen, die seit zehn Jahren dabei sind und uns fragen, wie lange wir das bereits machen, und uns auch erzählen, daß es morgen schon wieder vorbei sein kann. Aber dieses Jahr wird unsere mittlerweile dritte Platte erscheinen, und keiner von uns ist jemals vorher in einer Band gewesen!\"
1988 auf Tour - roh, atemlos, hochenergetisch, ein größtenteils noch unvorbereitetes Publikum in fast lachhafter Selbstverständlichkeit vor den Kopf stoßend und geplättet hinterlassend -, waren die PIXIES noch Vorband der befreundeten THROWING MUSES (ebenfalls Boston und schon länger bei \"4AD\", was vielleicht hilfreich war).
Noch.



Artikel kommentieren
aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]