BUSTA RHYMES / RAMPAGE

Kapitalismus, Sexismus, Verschwörungtheorismus

02.09.1997, 10:59, Text: Autor unbekannt

Genau sieben Tage später hätte BUSTA RHYMES für diese Aktion endlich sein bekanntes Ego-Mantra \"The Whole World Looking At Me\" in größtmöglicher Umsetzung erfahren - und wäre von der gesamten Welt inklusive Papst, Friedensbewegung und Hamburger Schule zu Tode gesteinigt worden. Doch an diesem sonnigen Nachmittag war das Leben im Königreich noch unbeschwert - denn die Prinzessin wachte über die Herzen, und durch die nahen Straßen von Notting Hill preßte und drückte sich der alljährliche Carnival. Und alle, die sich für den dezenten Exhibitionismus des unterhaltsamen Großmauls interessierten, waren ein paar belustigte Ausflügler und zwei Kameras.


Doch auch wenn es im an Aktion und Expression reichen Wochenende der britischen Metropole etwas unterging: seid Ihr HipHop, so stellt Eure Uhren um, denn es ist FLIPMODE-Zeit, hier und weltweit. WU-TANG hat den Boden bereitet, in dessen Furchen frühzeitig die FLIPMODE-Saat gelegt wurde. Jetzt sind die Tage gekommen, das Wort zu verbreiten, zu repräsentieren, zu theoretisieren und Geld einzufahren. Das ist die innere Wahrheit der \"universellen Idee\", die sich darin manifestiert, daß die Künstler - irgendwie - an Schweden, an London, Europa und wie die anderen Länder der Welt noch so heißen, denken und die Verbindung, die Gemeinsamkeit, das weltweite Verlangen nach Dope Shit spüren. \"Think Big, und du bekommst großen Profit\", präzisiert es RAMPAGE. \"Wie die FUGEES. Die haben auch nicht nur an New York gedacht.\"
BUSTA RHYMES und RAMPAGE The Last Boyscout plus ausführlichem Anhang denken an ... Business. Das heißt, RAMPAGE, der erste Ritter und letzte Pfadfinder, besonders. BUSTA dagegen ist nicht umsonst einst ein Leader Of The New School gewesen. Er ist kein geläuterter Pop-Rapper, wie es RZA gerne aus seiner Geschichte radieren würde. Er kommt aus eigenen Strukturen und aus Tonnen von Sprache, die er in den Tagen der neuen Schule in die intellektuelle HipHop-Gemeinde geschleudert hat, mußte seinen Code nicht anreichern, sondern höchstens mit Energie und Pop durchsetzen. Dies alles und noch viel mehr geschah mit \"The Coming\", jener Platte, die trotz ähnlicher Ästhetik/Sprache/Herkunft als einzige anno '95 den WU-TANG-Fokus unterbrach. Eruptives Geschrei, musikalische Freiheit und allerlei Symbolismus zeigten mehr als deutlich einen zum Star geborenen Extrovertierten, eine Mischung aus der reflektierten Kraft und Sprache von Kris Parker und OlÕ Dirtys rohem Brodeln.
An letzteren wie überhaupt den größten Problempunkt der Kultur HipHop (der Welt?) erinnert aber auch BUSTAs Einstellung zu Frauen, die in dem neuen Stück \"ItÕs All Good\" ihren peinlichen Ausdruck findet. Ein Thema, das ob seiner erdrückenden Omnipräsenz gerne aus dem Blickfeld verschwindet (da es größer als dieses ist). Sein diesbezüglicher \"Laß uns nicht darüber reden\"-Kommentar ist das Rollenspiel - es gibt BUSTA, den Player, und Trevor Smith, den Familien-Mann im Hintergrund. \"BUSTA RHYMES ist nur ein Name für mich, wenn ich Musik mache. Das ist meine profitable Marke. Punkt. Wenn ich meinen wahren Namen einsetzen wollte, hätte ich es gemacht, aber ich hatte nicht das Gefühl, daß meine 'real life issues' etwas sind, was die Industrie respektiert.\" Daß das natürlich keinesfalls die Propagierung von -ismen rechtfertigt, wird totgeschwiegen. Wem es allerdings gelingt, von dem unerträglichen Rein-Raus-Opus \"ItÕs All Good\" und der einen oder anderen Bemerkung abzusehen, dem bringt \"When Desaster Strikes\" einen Haufen neuer Gründe für den Glauben an HipHop, denn dort ist das Beste aus allen Schulen vereint und durch gekonntes MCing zu neuen Höhen geführt. Das ist roh, das ist cool.
Kein Wunder, daß RAMPAGE, der neue Spieler im FLIPMODE-Team, alles tut, um Verwandtschaft zu zeigen. Wie sein Cousin gefällt er sich in der - wunschweise als subversiv zu verstehenden - Maske des Wilden, des Tiers, auf dem Cover der Platte durch eine Plastikfolie gepreßt, schreiend. Ganz anders erscheint dagegen die reale, wortkarg in sich ruhende Buddha-Figur, die mir im Gespräch gegenübersitzt. Die Idee zum Cover habe er aus dem Film \"Shining\", sagt der als Roger McNair Geborene in bedächtigem Bariton. Doch, er sähe sich auch als Psychopath, aber nur, wenn es um Musik gehe, sonst sei er cool und laidback. All about music. Er hat es im Blut. Macht es seit Jahren. Lernt und wartet ab. Zusammen waren sie im Studio, wo seine Platte und BUSTAs neue Platte entstanden, und schaukelten sich hoch, bis das Level erreicht war, es der Straße zu zeigen. \"BUSTAs Style ist more ruggin und street. Mein Style ist eher party und vibish. Also nimm uns zusammen, und wir sind some wild muthafuckas wie die Blues Brothers. Oder Batman und Robin.\"
Batman BUSTA macht dabei nicht nur die deutlich interessantere Musik, ihm kommt als Squad-Gründer auch die Vordenker-Rolle zu. Dabei geht es immer noch um \"The Coming\", eine Zeit, auf die wir uns vorbereiten müssen, \"wo wir selbständig genug sein sollten, nicht von diesem korrupten System abzuhängen.\" \"When Desaster Strikes\" - das neue Werk - handelt davon, wie desaströs die Zukunft für jene sein wird, die nicht vorbereitet sind. \"Nimm zum Beispiel den großen Computercrash im Jahr 2000, wo alle Programme abstürzen werden, weil sie 2000 für 1900 halten. Alles wird ausgelöscht, Leute, die Millionäre waren, sind plötzlich pleite, Kreditkarten funktionieren nicht mehr. Das sind nur noch zwei Jahre, und was tun wir? Hier sitzen und warten, bis es zu spät ist und wir um Hilfe bitten müssen? Ich nicht. Ich bin jemand, der die Zukunft verändern kann. Indem ich ein Beispiel setze.\"
Da kommen, wie so oft in solchen Ausführungen, die schwammigen Ohnmachtsbegriffe \"Sie\" oder \"das System\" ins Spiel. \"Sie\" haben TUPAC und BIGGIE getötet. Alles, was mächtiger wird, muß aus dem Weg geräumt werden, denn \"Sie\" wollen die Kontrolle nicht verlieren. \"Deswegen müssen wir ein System aufbauen, das auch unseren Tod als Anführer der ersten Zeit überlebt. Aber ich meine, sieh dir alleine jetzt schon das Business an, wieviele Leute von HipHop leben, wieviele Anwälte, Buchhalter, MFs, die keinen Schulabschluß haben, jetzt Millionäre sind. Und ich bin einer davon, habe keinen Abschluß, aber einen Troß von 15 Leuten, die Familien ernähren, Häuser besitzen, Autos haben, von BMWs bis Benzes. Und wir machen unser Ding, und wir sind alle unter 25, und wir leben. Es ist durchaus beängstigend, in diesem Alter so viel Macht zu haben, so viel Einfluß aufgrund der ökonomischen Struktur, die wir aufgebaut haben.
Aber was soll ich sonst machen? Irgendein armer Arsch in einem Spiel sein, in dem ich nicht gewinnen kann?\" No way. Dann lieber einen Weg ins nächste Jahrtausend aufzeigen, der aus einer ziemlich eigenen, ziemlich interessanten Mischung aus Bewußtsein, Familien-Code und dickem Schwanz besteht. Ihr müßt nicht folgen. Aber denkt immer daran: es wird sehr gefährlich für alle, die nicht Papier und Stift zur Hand haben. Denn die Computerwelt wird zusammenbrechen (und die Computer-Beats?).
Text & Foto: Holger inÕt VeldPS: Daß die ganz reale Welt auch im 20. Jh. zusammenbrechen kann, zeigt sich beim abendlichen Showcase in einer völlig überdimensionierten, über-inszenierten, als Maya-Stadt nachempfundenen Großraumdisco namens \"The Temple\", wo eine fast ausschließlich schwarze Party-Crowd zu einem Set von Swingbeat bis Ragga tanzt und auf die versprochene und mit DM 45,- bezahlte Riege aus RAMPAGE, BUSTA und LIL'KIM wartet. Vergeblich, versteht sich. Kleine Aussetzer in der (Re)Präsenz. Wie es im Spiel der Clans und Squads wohl eingeschrieben ist.



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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