SCHORSCH KAMERUN

Images kommen, Bedeutungen gehen flöten

01.09.1997, 16:34, Text: Autor unbekannt

Abgesehen vom kurzen Engagement einiger Hamburger Musiker in den gegen Rechtsradikalismus gerichteten Wohlfahrtsausschüssen, war es nie möglich, den Hamburger Bands eine konkrete politische Position zuzuschreiben. Selbstverständlich gelten sie als so linksextremliberal wie die Leute, die in der Regel über sie schreiben. Aber konkret? Nichts. Dennoch kommt jetzt, angesichts des Erfolgs von TOCOTRONIC und den STERNEN, die ebenso vage Forderung auf, diese müßten ihre Öffentlichkeit für politische Stellungnahmen nutzen. SCHORSCH KAMERUN hat aber ein ganz anderes Problem. Nachdem bereits auf der letzten ZITRONEN-Platte, \"Economy Class\", die mit dem Versuch, sich politisch korrekt zu äußern, verbundenen Schwierigkeiten thematisiert wurden, geht es ihm mit dem zweiten Soloalbum, \"Now: Sex Image\", um den kleinen \"Bereich, wo man einen wenigstens in Frieden\" lassen sollte, aber nicht in Frieden gelassen wird: die Ästhetik des Underground.
\"Ich finde, das beste Beispiel aus der letzten Zeit ist BRYAN ADAMS.

Der läßt Videos machen, in denen er so 'ne frische Ölfrisur hat und irgendwie ganz okay aussieht, ein bißchen kaputt, und das Stück ist aber wie gehabt ein Rhythm&Blues oder irgend so ein Dreck. Im Video erkennst du 'Trainspotting', 'Kids', irgendwie diesen ganzen Heroin-Chic - und deswegen finden die Leute das gut.\" Klar, die feindliche Übernahme von Styles nervt. Wenn das alles wäre!
Die politische Bedeutung von Popmusikszenen ist am unangreifbarsten auf der ästhetischen, semiotischen Ebene der Styles auszumachen. Solange man sich abgrenzen kann, ist man nicht Mainstream. Ein Argument, das zieht, auch wenn es so alt ist wie Punk und die Analysen dazu von Dick Hebdige und Diedrich Diederichsen. Unabhängig voneinander waren sich beide auch in der zeitlichen Beschränktheit dieser politischen Kraft der Styles einig. Irgendwann kommt er, der Mainstream, und was die Hamburger Schule und damit SCHORSCH KAMERUNs Wirkungsfeld angeht, so kommt er diese Tage. Die Hamburger Schule wird Image. Die Ästhetik bleibt, Underground und Dissidenz gehen flöten. \"... Mittlerweile gehören die Anti-Attitüden immer mehr ins gut verkaufbare Popgeschäft mit rein. Anti-Attitüden, die sich gegen nichts mehr richten. Es wird so getan, als sei man noch eine Alternative zu dem Alptraum, als den sich die Welt für mich immer noch darstellt, aber das ist einfach nicht die Wahrheit. Und wenn du dann kommst und sagst: 'Hey, wir halten uns außerhalb auf, an einem Ort, der nicht große Plattenfirma ist, nicht Sponsoring und all diese Sachen', dann bekommst du die Antwort: 'Ist ja dufte!' Es vermischt sich halt, und das ist anstrengend.\" - Ist das auch ein Grund, weshalb du deine Texte so kompliziert gestaltest? - \"Das ist ganz sicher auch immer eine Abgrenzung, also der Versuch, für einen bestimmten Mainstream nicht kompatibel zu sein.\"



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aus Intro #48 (Oktober 1997)
 
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