ECHO & THE BUNNYMEN

Doppelt hält besser

18.08.1997, 11:11, Text: Autor unbekannt

Es lohnt in jedem Fall, genau zu lauschen. ECHO & THE BUNNYMEN installierten sich dereinst als tragende Säule des britischen Post-Punk-Konstrukts. 1978 gründeten Sänger Ian McCulloch, Gitarrist Will Sergeant und Bassist Les Pattinson die Band in Liverpool. Der Drummer war eine Maschine, die Echo getauft und bald durch Pete DeFreitas ersetzt wurde. Frühe Singles wie \"Pictures On My Wall\" und \"Rescue\" entfachten einen Sturm der Begeisterung, das dazugehörige Album \"Crocodiles\" war unruhig, zerfahren und grandios. Die Band paßte sich dem seinerzeit tonangebenden angsterfüllten Gestus an, klang aber nie so düster wie JOY DIVISION, nie so schwierig wie EYELESS IN GAZA, nie so pathosbeladen wie U2.

Das vierte Album \"Ocean Rain\", angeführt vom nackenhaaraufrichtenden Singlemonument \"The Killing Moon\", sticht aus der Biographie heraus. Durch ostentativen Einsatz von Streicherarrangements wirkte es majestätisch, elegant und barock. Will Sergeant hatte sein zuvor ungestüm-psychedelisches Gitarrenspiel auf subtileren Anschlag mit Sitar-Flair umgestellt. Ian McCulloch nutzte neue Freiräume für seinen weltverbesserischen Gesang, dem gleichzeitig Drama eines Jim Morrison anhaftete. Denkwürdig.
Nach \"Ocean Rain\" ging es schleichend den Bach herunter. ECHO & THE BUNNYMEN taten sich mit Synth-Spezialist Laurie Latham und Keyboarder Henry Priestman (THE CHRISTIANS) zusammen, büßten dadurch prompt an Nachdruck und Rätselhaftigkeit ein. McCulloch, dem der Ruf des prahlerischen \"Mac The Mouth\" vorauseilt, kennt den Grund für das Absacken: \"Wir mußten uns von Manager Bill Drummond [wurde später eine Hälfte von KLF] trennen, der eine Art fünftes Mitglied war. Er hatte sich entschieden, A&R bei 'Warner' zu werden, was einen nicht akzeptablen Interessenkonflikt heraufbeschwörte [die Band war beim selben Konzern unter Vertrag]. Danach verloren wir die helfende Hand, unter deren Führung wir verrückte Pläne realisieren konnten. Wir gingen den geraden Weg, ohne zu merken, daß einige Songs für maschinelle Produktion einfach nicht maßgeschneidert waren.\" Auflösungserscheinungen machten sich bemerkbar. Mac stieg aus und überließ die anderen ihrem Schicksal. \"Ich hatte ein paar persönliche Sachen geschrieben, die nicht zu den BUNNYMEN paßten. Die wollte ich der Welt mitteilen. Daraus entstand das Album 'Candleland'. Keineswegs hatte ich vor, ein großer Solostar werden. Na ja, vielleicht mit 45 oder 50 Jahren einmal, aber niemals so früh. Doch es ergab sich so. Wir hatten die Verbindung zum Zeitgeschehen verloren. Ich hörte das erste Album der SUGARCUBES und stellte fest, daß kein Platz mehr für uns da war.\"
Orientierungslosigkeit und Depression machten sich breit. Macs Solokarriere verlief weniger erfolgreich als erwartet. Die verbliebenen BUNNYMEN (DeFreitas starb 1989 bei einem Unfall) blamierten sich mit einer Ersatzmannschaft. Mac gründete 1993 die Band ELECTRAFIXION und versammelte Leute um sich, \"mit denen ich einmal richtig Spaß haben konnte.\" Gleichzeitig versuchte er, die behindernde Unart des Kokainabusus' abzustreifen. Gegen Ende der ELECTRAFIXION-Zeit holte er Will Sergeant in die Band. Das Pärchen ging auf Schnupperkurs und konnte sich wieder ausstehen. Kurz vor dem letzten Weihnachtsfest trafen sich Mac, Sergeant und der eilig herbeigerufene Les Pattinson im Haus des Sängers, um auszutarieren, ob ein zweiter Anlauf unter altem Namen zu riskieren sei. Mac: \"Wir machen den Versuch, unsere beste Platte überhaupt aufzunehmen. Eine andere Heransgehensweise hatte keinen Sinn. Nach den ersten Songs spürten wir: Ja, so ist es richtig.\"
ECHO & THE BUNNYMEN läuten mit ihrer Comeback-Kollektion \"Evergreen\" keinen neuen Abschnitt der Popgeschichte ein. Das wäre auch zuviel verlangt. Der Band ist ein Set gelungen, in dem sich alte Versponnenheit und neue Zugänglichkeit harmonisch aneinanderkuscheln. Mac, früher ein Anhänger wissentlich obskurer Texterei, teilt sich nun verständlicher mit. \"Unsere erste Phase war unter kinderpsychologischen Aspekten interessant. Im Innern war ich verängstigt, doch nach außen hin erschien ich als Mensch, der unbedingt gesehen werden wollte. Entsprechend verworren waren die Texte. Inzwischen habe ich gemerkt, daß es sinnlos ist, wenn man sich mit angeblich cleveren Worten auf ein Podest hievt, von dem aus man auf Hörer herabschaut.\" Kann man nicht meckern. Den BUNNYMEN ist die erste sinnvolle Wiedervereinigung der Popgeschichte gelungen.



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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