LIFE OF AGONY

Schwaches Licht am Ende des Tunnels

16.08.1997, 11:27, Text: Autor unbekannt

Das aktuelle dritte Werk, \"Soul Searching Sun\", steht nun jedoch eher in einer anderen, wesentlich jüngeren Tradition, nämlich der des Alternative Rock. Also: keine zäh fließende, mystische, bleischwere Kost mehr, der Himmel hat sich etwas gelichtet bei LIFE OF AGONY, er ist zwar immer noch reichlich nebelverhangen, aber zumindest glüht da irgendwo ein vages Fünkchen Hoffnung. Die Koordinaten pendeln manchmal sogar zwischen Pop und Pop. \"Denn\", so Bassist Alan Robert, Haupttexter des Vierers, \"inzwischen sind wir erwachsen geworden, was immer das auch heißen mag. Und damit optimistisch genug, daß wir zumindest ein fahles Licht am Ende dieses unerklärlichen Tunnels namens 'menschliche Existenz' erkennen können.\"
Vielleicht ist es diese neugewonnene vorsichtige Form des Optimismus', die aus \"Soul Searching Sun\" das mit Sicherheit abwechslungsreichste Album der vier aus Brooklyn macht.

Dreizehn Titel sind darauf zu finden, mit einer facettenreichen Bandbreite von brachialen Stücken wie \"Hope\" und \"Neg\" bis hin zum psychedelisch-vertrackten \"Gently Sentimental\" oder der schlicht und einfach schönen Ballade \"My Mind Is Dangerous\". \"Es ist\", erklärt Alan Robert dieses immense Spektrum, \"eine Menge passiert in den letzten beiden Jahren. Wir waren über ein Jahr auf Tour, 'Ugly' hat sich ordentlich verkauft, wir werden als Band ernst genommen. So etwas stärkt natürlich dein Selbstvertrauen und führte dazu, daß aus den einstigen Miesepetern, die wir garantiert waren, energiegeladene Optimisten wurden. Deshalb behaupte ich, daß 'Soul Searching Sun' ein positives Album ist, wenngleich sich das beim ersten Hören vielleicht nicht gleich erschließt. Schließlich gibt es ja auch Phasen bei einer so langen Tour, wie wir sie durchgezogen haben, in der man sich einsam fühlt, melancholisch und ziemlich sentimental. Und natürlich haben wir auch solche Stimmungen aufgefangen und in einigen Songs untergebracht. Zudem darf man nicht vergessen: Wir kommen aus Brooklyn, einem ziemlich harten Stadtteil New Yorks. Da singst du keine Flower Power-Lieder, nur weil es dir gut geht. Wir werden unsere Herkunft nie verleugnen können. Schon gar nicht in unserer Musik.\"
Ein weiterer Grund dafür, daß LIFE OF AGONY sich \"so kraftstrotzend wie nie anhören\", meint Alan, \"ist unser neuer Drummer, der Ex-PRO-PAIN-Mitstreiter Dan Richardson. Mit seinem Vorgänger Sal Abruscato hatten wir uns während der Tour dermaßen zerstritten, daß wir zum Schluß nicht mehr miteinander geredet haben. Ich weiß nicht, warum - es hat sich eben so ergeben. Und so war klar, daß Sal gehen mußte. Dan aber wollten wir unbedingt haben, weil er einer der kompromißlosesten Schlagzeuger ist, die wir kennen. Genau so einen brauchten wir. Dan war vom ersten Tag an ins Bandgefüge integriert. Er verpaßt unseren Titeln den richtigen Wumms.\"
Und schließlich gibt es noch einen Grund, daß \"Soul Searching Sun\", so Alan, ein positives Album ist. Ich glaube mittlerweile an das Gesetz von Karma, also an die Theorie, daß alles Gute, das du tust, eines Tages auf dich zurückstrahlt, genauso das Böse, das dich irgendwann vernichten wird. Und dann gibt es da die 'Soul Searching Sun', nach der unser Album betitelt ist. Sie bahnt sich ihren Weg unbeirrt durch all den Mist, den diese Welt für uns bereithält. Und irgendwann wird sie stark genug sein, um diesen Planeten in ihrem vollendeten Glanz erstrahlen zu lassen. Daran glaube ich mit all meiner Kraft. Weil das Leben vielleicht hart ist - aber nicht sinnlos. Und schon gar nicht schlecht. Es ist wie in einem Hollywood-Film: Das Gute gewinnt letztendlich immer. So wie in unserer Musik ...\" (Moment mal, seit wann denn das? - Anm. Chr. Kruse)
Schwülstige Worte, doch Alan Robert will mit Dogmen nichts zu tun haben, und von Belehren hält er schon erst recht nichts: \"Wir gehen\", verkündet er stolz, \"in unserer Musik keinerlei Kompromisse ein, weil wir auch in unserem Leben keine Kompromisse eingehen wollen. Ich meine - wir werden in diese Existenz geworfen, ohne daß uns irgend jemand eine Erklärung dafür gibt. Die einzige Chance, die wir haben, um deshalb nicht durchzudrehen, ist, stur und geradeaus sein Ding durchzuziehen. Dann kannst du auf dem Totenbett wenigstens behaupten, du hast dich von nichts und niemandem unterkriegen lassen. Doch sein Ding durchziehen, das bedeutet natürlich für jeden Menschen etwas anderes. Es gibt niemanden, den du um Rat fragen kannst - außer dich selbst und deine innere Stimme. Jeden Tag aufs neue.\"



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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