OSKAR SALA
Meister des MixturTrautoniums
15.08.1997, 21:05, Text: Autor unbekannt
Als Schüler des experimentell interessierten Komponisten PAUL HINDEMITH erhielt SALA Ende der 20er Jahre Zugang zum Labor des Physikers Dr. Friedrich Trautwein, der damals in Kooperation mit dem deutschen Elektrokonzern Telefunken ein neuartiges, elektronisches Musikinstrument entwickelte. Der findige Ingenieur an der Rundfunkversuchsstelle der Berliner Musikhochschule hatte es wohl zunächst auf eine Art E-Orgel abgesehen, mußte seine Arbeiten jedoch wegen fehlender Mittel verlagern. HINDEMITH, der als ausgewiesener Bratschenvirtuose eine besondere Affinität zu Streichinstrumenten hatte, regte ihn an, die Tastatur durch ein horizontal liegendes und stufenlos regelbares Bandmanual zu ersetzen.
Der Erfolg des Instruments, das nach seinem Konstrukteur Trautonium benannt wurde, war laut SALA \"immerhin so groß, daß AEG-Telefunken diese neue Sache fördern wollte und ein elektrisches Hausinstrument in Angriff nahm, als Vorsatz zum Rundfunkempfänger.\" Seine Breitenwirkung erreichte mit der Serienfertigung des sog. \"Volkstrautoniums\" und der Herausgabe einer \"Trautonium-Schule\" beim Schott-Verlag ihren Höhepunkt. Doch weitergehende Pläne und eine echte Popularisierung blieben im Zuge der politischen Umwälzungen stecken. Das Projekt darbte unter Minimalförderung des Propagandaministeriums vor sich hin, einzig angetrieben vom Engagement SALAs, der nun in Eigenregie die Forschungssarbeit übernahm und in den Nächten des 3. Reichs an Verbesserungen bastelte. So entstand noch im Auftrag von Telefunken die große zweimanualige Rundfunkversion mit Pedal, bei der erstmals durch Synchronisation zweier neuartiger Thyratron-Kippschwingröhren die subharmonische Tonerzeugung gelang. Eine in der Natur nicht existierende Untertonreihe, die es erlaubt, Klangfarbensynthesen von größter Variationsbreite umzusetzen. HINDEMITH, dessen Musik inzwischen als \"entartet\" eingestuft wurde, stattete der Berliner Hochschule 1935 einen letzten Besuch ab und zeigte sich laut SALA \"besonders interessiert an den subharmonischen Stimmen und ihren Wechselmöglichkeiten. Ein paar Tage danach kam er zurück mit einem Solostück für mich.\" (Dieses \"Langsame Stück Und Rondo Für Trautonium\", das erste Stück für Solo-Trautonium überhaupt, ist auf der aktuellen SALA-CD \"Subharmonische Mixturen\" [Rezension siehe INTRO 04/97] enthalten.)
Eine beständige Präsenz in der Öffentlichkeit gewährleistete die wöchentliche Rundfunksendung \"Musik auf dem Trautonium\", in der SALA \"neue und virtuose Geschichten\" spielte, \"mal was von BUSONI, auch mal PAGANINI und v. a. Originalkompositionen, von denen HARALD GENZMER viele schrieb.\" GENZMER hatte als Meisterschüler HINDEMITHs nach dessen Emigration 1938 die Aufgabe übernommen, ein Konzert für Trautonium und Orchester zu komponieren. SALAs Part bestand darin, eine transportable Konstruktion seines Instruments zu entwickeln. Das modifizierte Konzert-Trautonium kam erstmals 1940 beim GENZMER-Konzert der Berliner Philharmoniker unter Carl Schuricht zum Einsatz. Konzertreisen von Budapest über Wien bis Florenz folgten, jäh unterbrochen durch SALAs Einberufung an die Ostfront, von der er schwer verwundet heimkehrte. Doch schon 1947 folgte er wieder dem Ruf nach Berlin, um an der Aufführung zu ARTHUR HONEGGERs Oper \"Jeanne d'Arc Au Bucher\" mitzuwirken.
Anfang der 50er setzte SALA, dessen Innovationsdrang ungebrochen schien, seine Arbeit mit dem neuen, mehrstimmigen MixTrautonium fort, bei dem es keine Beschränkung mehr auf die 12 Halbtöne der Oktave, auf die temperierte Stimmung gibt. Tonhöhen, Klangfarben und Lautstärke sind mit höchster Empfindlichkeit und Leichtigkeit zu variieren. (Das Original steht im Deutschen Museum in Bonn.) Ironie des Schicksals, daß die während des Krieges verschont gebliebenen Gerätschaften sowie Weiterentwicklungen, wie das Quartett-Trautonium mit vier Spieltischen und gemeinsamer Verstärker-Lautsprecheranlage, größtenteils der dilettantischen Handhabe und Ignoranz der neuen Herrn zum Opfer fielen. Doch in dem sich neu entfaltenden Kulturleben wurde SALA mit seinem \"geretteten\" Instrument schnell zu einer gefragten Größe und einem begehrten Spezialisten. Neben der Aufführung ernsthafter Kompositionsmusik wie GENZMERs \"Konzert Für Mixturtrautonium Und Großes Orchester\" (Premiere 1952 im SWF Baden Baden) lotete er immer stärker die Möglichkeiten zur Erzeugung überdimensionaler Klangeffekte aus. Die \"Parsifalglocken\", unter keinem Geringeren als Karl Böhm in Neapel aufgeführt, erklangen auf dem Trautonium so glaubwürdig, daß sie auf Anregung CARL ORFFs 1957/58 auch in Bayreuth gespielt wurden.
Schon die UFA-Filmschaffenden waren in den 30er Jahren auf SALAs bizarre Soundkreationen aufmerksam geworden. Von ersten Effektarbeiten für \"Stürme über dem Mont Blanc\" bis zur professionellen Filmmusikproduktion im eigenen Studio sollten jedoch fast drei Dekaden verstreichen. Verstärkt war nun der Komponist SALA gefragt. Insbesondere der wort- & kommentarlose Industriefilm verlangte nach einer größtmöglichen Synchronisation von Bild und Ton. \"Aluminium, Portrait eines Metalls\" von Willy Zielke (1959), \"Stahl, Thema mit Variationen\" von Hugo Niebeling, der den Grand Prix des Industriefestivals Rouen 1960 gewann, und schließlich der 1962 mit der Goldenen Kurzfilmpalme von Cannes gekürte Schweizer Film \"A fleur d'eau\" für die Verkehrszentrale Zürich gelten als SALAs Referenzarbeiten für dieses Filmgenre. Seine akustischen Fertigkeiten hatten sich mittlerweile bis New York herumgesprochen, als Hitchcock auf ihn zukam und für \"The Birds\" verzweifelt einen Sound suchte, der die Leute erschrecken sollte. Es folgten viele Soundtracks, z. B. für Edgar Wallace-Filme. (Eine gekürzte Fassung von \"Der Würger Von Schloß Blackmoor\" von 1963 ist ebenfalls auf den \"Subharmonischen Mixturen\" enthalten.)
Erst 1969 begann er mit der Produktion von Schallplatten (siehe Diskographie). OSKAR SALA hat immer betont, daß für ihn das Originalspiel auf einem Soloinstrument, wie dem MixturTrautonium, die Erfüllung der Beschäftigung mit Elektronik sei und sich deshalb die Frage eines Wechsels zur computergesteuerten Musik gar nicht stelle. Es bleibt zu hoffen, daß das Erbe dieses bislang schülerlosen, musikalischen Pioniers und Virtuosen weitergeführt wird.
Diskographie
- OSKAR SALA: \"Electronic Virtuosity\" (Selected Sound LP, 1969, CD-Neuauflage unter dem Titel \"Resonanzen\", 1995)
- OSKAR SALA: \"Elektronische Impressionen Nr. 1-9\" (Telefunken, LP)
- OSKAR SALA: \"Electronique Et Stereophonie\" (Erato, Paris, LP)
- OSKAR SALA: \"Electronic Kaleidoscope\" (Wergo, Mainz, LP)
- OSKAR SALA: \"My Fascinating Instrument\" (Erdenklang 90340 / in-akustik, 1990)
- HARALD GENZMER: \"Trautoniumkonzerte\" (Wergo / SMD, 1994)
- OSKAR SALA: \"Resonanzen\" (Soundvision, Originalton West, 1995)
- OSKAR SALA: \"Subharmonische Mixturen\" (Erdenklang 70962 / in-akustik, 1997)
- OSKAR SALA: \"Experimentelle und theoretische Grundlagen des Trautoniums\" (Fachverlage Schiele und Schön, Berlin Bd. 2, 12/1948 und Bd. 3 1/1949)
- OSKAR SALA: \"Subharmonische elektrische Klangsynthesen\" (in: \"Klangstruktur der Musik\", Hrsg.: Fritz Winckel, Verlag Radio-Fono-Kinotechnik, Berlin 1955)
- OSKAR SALA: \"My Fascinating Instrument\" (in: \"Neue Musiktechnologie\", Hrsg.: Prof. Bernd Enders, Verlag B. Schott's Söhne Int. GmbH, Mainz 1993)
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