Liquid Sky Labelspecial
Trommeln über N.Y.C.
13.08.1997, 17:13, Text: Autor unbekannt
Integration, Disintegration. In der Stadt der Städte purzeln die potentiellen Talente zur Zeit angeblich aus allen Wolken. Und sammeln und lagern sich langsam zu neuen Szenen zusammen, sei es um den omnipräsenten DJ SPOOKY, das Brooklyner \"Wordsound\"-Label oder eben \"Liquid Sky Music\". Carlos Slinger, 38 Jahre und gebürtiger Brasilianer, ist einer dieser modernen Nomaden, für die es überall ein Zuhause gibt. Downtown in Soho, an der schicken \"Lafayette\"-Street, befindet sich schon seit Jahren sein Plattenladen, lange Zeit eine der wichtigsten Adressen für den Nachschub von Drum'n'Bass und anderen experimentellen Elektro-Genres in der Stadt.
Slinger kommt dabei die Rolle des Machers und Beziehungsmenschen zu, der momentan mit dem Telefon noch besser als mit den Turntables umzugehen weiß. Mit Enthusiasmus, Geschäftssinn und Organisationstalent zieht er die Fäden im Hintergrund. Die reichen bis nach Köln, wo im vergangenen Jahr der E-Listening-Club \"Liquid Sky\" eröffnete. Denn Besitzer Ingmar Koch (AIR LIQUID) ist ein guter alter Bekannter und borgte sich neben dem Namen auch gleich das Logo \"Astrogirl\". Außerdem veröffentlichte die Kölner Posse (u. a. WALKER von AIR LIQUID und Thomas Thorn) mit \"Vermona\" und \"Pierrot Premier\" bereits zwei Alben auf \"Liquid Sky Music\".
Zur besseren Übersicht werden die Label-Aktivitäten seit kurzem auf drei Sublabel aufgeteilt. \"Jungle Sky\" ist das älteste der drei und widmet sich, wie der Name vermuten läßt, den diversen Spielarten von Jungle bzw. Drum'n'Bass, ist damit also neben \"sm:)e\"-Records wohl das dienstälteste US-Jungle-Label. Producer wie MARSHALL H, 1.8.7., SOULSLINGER oder TUBE gehören zum festen Pool, zuletzt wurden aber auch schon Remixe alter Jazz-Veteranen wie ARTO LINDSAY gesichtet. Eher am Dancefloor orientiert sich die Abteilung \"Tekhed\", während man sich bei \"Home Entertainment\" um den Rest kümmert, also alles, was irgendwie Beats hat, aber sonst in keine Schublade paßt.
Wie zum Beispiel DJ WALLY. Auf seinem Debüt \"Genetic Flaw\" mischt der ehemalige HipHop-DJ schleppende Beats mit so ziemlich allen undenkbaren Geräuschquellen. Das Ergebnis sind teilweise schwere, düstere Tracks, dann wieder unfreiwillige Komik (etwa das kackdreiste PAUL SIMON-Recycling bei \"Feelin' Groovy\"). Eine gewöhnungsbedürftige Mischung, aber immerhin weit entfernt von lulligen TripHop-Fahrwassern. Das SOULSLINGER-Debüt \"Don't Believe\" klingt zunächst ähnlich wirr und bunt. Sein Markenzeichen sind wild verzwirbelte, ethnofizierte Trommeleien, unterlegt mit etwas Theorieakrobatik zwischen \"Scientific America\", Darwinismus und Ufologie. Ganz gemäß seinem Credo \"Wir stammen alle von den Affen ab und werden einmal Aliens sein. Wir sind hier nur auf der Durchreise.\" \"Liquid Sky\" stehen jedenfalls für einen interessanten Weiterflug.
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